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14. September 2011 20:58 Uhr
Konferenz
Brisante Tagung über dopende Sportärzte in Freiburg
Die Freiburger Universität stellt sich auf einer Tagung mutig der Geschichte des Dopings an ihrer Klinik. Erstmals durfte auch Doping-Bekämpfer Werner Franke hier sprechen. Auf der Tagung kommt es zum Streit, aber nur ganz kurz.
Hans-Ulrich Wiedmann ist außer sich vor Zorn. "Ich finde es ungeheuerlich, wenn man dem Olympiastützpunkt unterstellt, er habe mit Manipulation zu tun." Wiedmann erregt sich, wie man es 23 Jahre lang nicht gesehen hat bei dem Freiburger Spitzenvertreter des Sports. So lange führt Wiedmann nun schon den Olympiastützpunkt Freiburg/Schwarzwald, und jetzt, am dritten und letzten Tag der Universitätstagung über Sportmedizin und Doping in Europa, fühlt er sich vor Wissenschaftlern und Doping-Experten aus aller Welt an den Pranger gestellt.
Wiedmann findet es unglaublich, was Gerhard Treutlein, der Heidelberger Professor an der Seite des einst führenden deutschen Doping-Bekämpfers Werner Franke, ihm soeben vor 200 Zuhörerinnen und Zuhörern in der Aula der Universität vorgeworfen hat. Die Atmosphäre im Saal ist zum Bersten gespannt. Zwei Lager sitzen sich gegenüber.
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Und dann sitzen da in der Aula, am letzten Tag des Symposiums, plötzlich nahezu alle Spitzenvertreter des Freiburger Sports. Wiedmann ist gekommen, der Leiter des Olympiastützpunkts. Dieter Heinold kam, Verbandsarzt der deutschen Volleyballer und ebenso wie Helmut Schreiber, der Verbandsarzt der deutschen Leichtathleten, Schüler und Nachfolger Klümpers in der Mooswald-Traumatologie. Links vom Gang hat Hans-Hermann Dickhuth Platz genommen, Joseph Keuls direkter Nachfolger als Chef der Sportmedizin an der Universität und bis vor wenigen Jahren auch Deutschlands oberster Sportmediziner. Fast ein Dutzend weiterer Ärzte aus Freiburg verteilt sich im Saal. Sie alle haben wiederholt erklärt, dass sie nichts mit Doping zu tun hätten, damals nicht und heute nicht. Ist nun der Tag der Abrechnung gekommen? Schlagen die Vertreter des Freiburger Sports endlich auch einmal öffentlich zurück gegen die spätestens seit der Aufdeckung des Dopingskandals um das Radsportteam Telekom/T-Mobile 2007 erhobenen Vorwürfe, Freiburg sei die Brutstätte des Dopings im Westen Deutschlands gewesen?
Es gibt tatsächlich einen Schlagabtausch, er wird hart und kurz geführt, aber er bleibt weit zurück hinter dem, was möglich und was auch notwendig wäre bei diesem ersten öffentlichen Showdown der beiden Lager in der Geschichte Freiburgs. Wiedmann erregt sich über eine Schlussfolgerung Professor Treutleins. Der Heidelberger hatte drei Rechnungen aus dem Jahr 1991 auf der Leinwand der Aula abgebildet, Rechnungen über Genotropin. Ein Wachstumshormon, von dem Werner Franke sagt, es handle sich dabei um knallhartes Doping.
"Es gibt keine medizinische Indikation dafür", sagt Franke – selbst dann nicht, wenn Klümper das Genotropin, wie er später behauptete, nur Sportinvaliden verabreicht habe. Das Brisante an den drei Rechnungen sieht Treutlein in der Tatsache, dass sie an den Olympiastützpunkt Freiburg/Schwarzwald gerichtet seien. Hat der Stützpunkt also Klümpers Dopingmittel bezahlt? "Und wer kontrolliert den Olympiastützpunkt?" Diese Frage wirft Treutlein in den Raum.
Wiedmann ergreift als Erster das Mikrofon. Es sei "ungeheuerlich, wie hier Wissenschaftler mit Fakten umgehen". Der Leiter des Olympiastützpunkts erklärt, er kenne die auf Klümpers Rechnungen angegebene Kontonummer gar nicht. "Ich habe sie nicht erhalten und nicht bezahlt." Es handle sich auch nicht um Rechnungen an seinen Stützpunkt, sondern an das Bundesleistungszentrum Herzogenhorn e.V., also an den Skiverband Schwarzwald. Wiedmann erläutert, dass diese Adressaten 1991 genau wie sein Olympiastützpunkt in der Breisacher Straße 4 untergebracht gewesen seien. "Wenn ich selbst so eine Rechnung bekommen hätte, dann hätte ich reagiert." Und dann schleudert er Treutlein entgegen: "Sie sind doch Wissenschaftler und müssen bei den Fakten bleiben."
Wiedmann zeigt sich empört, und er bekommt Beifall, den bisher kräftigsten des ganzen Nachmittags. Doch er kassiert umgehend einen Konter. Perikles Simon geht ans Mikrofon, der Leiter der Sportmedizin Mainz. "Ich wundere mich über die emotionale Reaktion", sagt Simon kühl. Man möge die Debatte über die Rechnungen doch einmal zum Anlass nehmen zu schauen, welche Dokumente sonst noch so vorhanden seien in Freiburg. "Es erscheint mir doch sehr unwahrscheinlich, dass diese die einzigen sein sollen." Natürlich sei es Wiedmanns gutes Recht, die Dinge richtigzustellen, fügt Simon an. "Aber immer nur zu sagen, damit habe ich gar nichts zu tun: Das finde ich nicht korrekt." Auch Helmut Papst, der frühere Leiter eines Unternehmens, das sich auf Dopingkontrollen spezialisiert hat, springt Treutlein bei. "Es gibt auch andere Institutionen des Sports, die Klümpers Rechnungen brav bezahlt haben", sagt Papst.
Jetzt könnte sie in Fahrt kommen, die große Debatte, die erste öffentliche Auseinandersetzung über jenen sportmedizinischen Standort, den Werner Franke im Jahr 2007 in der ihm eigenen Wortwahl als den "wahrscheinlich versautesten in ganz Europa" bezeichnet hat. John Hoberman, Dopingexperte aus den USA und in diesem Augenblick Diskussionsleiter in Freiburg, fragt höflich, ob noch jemand etwas sagen wolle. Keiner meldet sich. "Well", sagt Hoberman: "Dann möchte ich euch allen danken."
Wiedmann bleibt der einzige Freiburger Redner am Ende zweier fast einstündiger Vorträge über Keuls und Klümpers beängstigende Nähe zu Doping. Alle anderen Vertreter des Freiburger Sports schweigen zu dem Gesagten. Dickhuth lässt die Möglichkeit verstreichen, sich von den Machenschaften seines Vorgängers und einstigen Lehrvaters Keul einmal eindeutig öffentlich zu distanzieren. Auch Heinold und Schreiber lassen die Chance, sich klar von ihrem einstigen Lehrmeister und Dopingfreund Klümper abzugrenzen, ungenutzt. Der Standort schweigt weiter, und es ist kein gutes Schweigen.
Denn schon der kurze Schlagabtausch beweist, welchen Quantensprung die Aufklärer und die nunmehr aufklärungswillige Universität machen könnten, würde ihnen in irgendeiner Weise geholfen. Treutlein dankt Wiedmann ironisch für seinen Beitrag und fragt ihn, warum er sich nicht längst als Zeitzeuge für die Untersuchungskommission der Universität zur Verfügung gestellt habe. "Wir brauchen solche Zeitzeugen dringend", bekräftigt er, doch sein Appell scheint in der Aula ungehört zu verhallen. Hoberman beendet also den fünften Teil der Tagung, der sich um die Freiburger Vergangenheit drehte. Man erhebt sich. Ärzte und Funktionäre kommen auf Wiedmann zu. Sie gratulieren ihm, klopfen ihm auf die Schulter. "Gut gemacht", sagt einer.
Doch der interessanteste Teil beginnt nun erst. Wiedmann kann in kleiner Runde nicht erklären, warum Klümper eigentlich Genotropin-Rechnungen an den Verein Bundesleistungszentrum Herzogenhorn e.V. geschickt hat. Aber er nennt nun die Namen der Träger des Vereins. Nach seiner Erinnerung habe es sich dabei um Fredy Stober gehandelt, den im vergangenen Jahr gestorbenen Erbauer des Herzogenhorns, und um Joseph Keul und Armin Klümper, mithin um die führenden Freiburger Ärzte selbst. Kann es sein, dass Klümper Rechnungen für Dopingmittel an sich selbst geschickt hat? Und wer hat sie dann am Ende bezahlt? Es geht immerhin um vierstellige Beträge. Auch Wiedmann findet auf diese Fragen am Mittwoch in der Aula der Universität keine Antwort.
Dabei ginge es genau darum. Es ginge um eine Auseinandersetzung, in der sich Aufklärer und Vertreter Freiburgs an einen Tisch setzen und die Vorwürfe ansprechen. Letizia Paoli, die Vorsitzende der großen Untersuchungskommission und Ideengeberin für die deutschlandweit beachtete Tagung, würde sich das wünschen. Sie baut den Freiburger Nachfolgeärzten sogar noch eine goldene Brücke, indem sie erklärt, dass nach ihrer Überzeugung "nur ganz wenige Sportmediziner in Freiburg überhaupt jemals mit Doping zu tun gehabt" hätten.
Aber wer genau? Und was geschah wirklich zwischen 1954, dem Jahr der ersten geheimen Forschungen über Doping an der Universitätsklinik, und 2007, als der Spiegel den Dopingskandal um das Team Telekom/T-Mobile enthüllte? Hans-Jochen Schiewer, der Rektor der Albert-Ludwigs-Universität, will die Aufklärung nicht mehr allein den Heidelberger Vorkämpfern Treutlein, Singler und Franke überlassen. "Ich hoffe, dass dieses Symposium Modellcharakter bekommen wird", sagt Schiewer am Ende der Tagung. "Es war von kardinaler Bedeutung nicht nur für die Universität Freiburg. Ich hoffe sehr, dass weitere Veranstaltungen stattfinden, die das Geschehen erörtern."
Was Schiewer von Doping und dopenden Sportärzten hält, macht er unmissverständlich klar. Während der Vorträge der Fachleute aus aller Welt habe sich für ihn "ein Abgrund aufgetan".
- Tagung in Freiburg: "Doping ist eine Epidemie"
Autor: Andreas Strepenick


