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31. Januar 2012 00:01 Uhr
Olympiastützpunkt
Doping mit System in Erfurt
Die Affäre um Blutdoping am Olympiastützpunkt in Erfurt weitet sich aus. Bis zu 30 Athleten sollen ihr Blut mit UV-Licht aufgefrischt haben. Darunter auch Claudia Pechstein.
ERFURT. Die Affäre um Blutdoping am Olympiastützpunkt in Erfurt weitet sich aus. Bis zu 30 Top-Athleten und Nachwuchssportler sollen ihr Blut bei dem Sportmediziner Andreas Franke mit UV-Licht aufgefrischt haben. Dazu gehören Eisschnellläuferin Claudia Pechstein und 800-Meter-Olympiasieger Nils Schumann. "Bestrahlung mit UV-Licht ist eindeutig Doping", sagte der Mainzer Sportmediziner Perikles Simon der Badischen Zeitung.
Vor zwei Wochen hatte der Deutschlandfunk die Affäre ins Rollen gebracht. Sie könnte nun nicht nur die Athleten, sondern auch die für den Sport zuständigen Institutionen in Bedrängnis bringen. Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung wussten die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) und damit wohl auch der Deutsche Olympische Sportbund und das Bundesinnenministerium schon seit mindestens einem Jahr über die mutmaßlichen Manipulationen Bescheid. Die Nada soll angeblich sogar schon 2007 informiert worden sein. Andreas Franke, ein ehemaliger Vertragsarzt am Olympiastützpunkt in Erfurt, wandte die Methode der UV-Bestrahlung nach eigenen Angaben seit mehr als 20 Jahren an. Sie gehörte schon zu DDR-Zeiten zum geheimen Doping-Arsenal.Werbung
Während die Welt-Anti-Doping-Agentur jede Form der Auffrischung seit spätestens 2005 als Blutdoping klassifiziert und verbietet, behauptet der Erfurter Arzt, sie habe lediglich der Behandlung von Infekten gedient. Franke soll ausweislich seiner Patientenkartei mindestens 30 – andere Quellen sprachen auch am Montag noch von 28 – Athletinnen und Athleten, darunter Minderjährige, mit UV-Licht behandelt haben. Dazu entnahm er jeweils rund 50 Milliliter Blut, behandelte es mit ultravioletten Strahlen und reinfundierte es. Experten glauben, dass auf diese Weise der Transport des Sauerstoffs im Blut verbessert werden kann. Bewiesen ist das offenbar nicht.
"Die Bestrahlung von Blut mit UV-Licht ist allerdings eindeutig Doping", sagte Professor Perikles Simon, der Leiter der Sportmedizin in Mainz. Selbst wenn die leistungssteigernde Wirkung nicht nachgewiesen sei, so handle es sich doch in jedem Fall "um eine ethisch bedenkliche Methode, die eindeutig gegen die guten Sitten im Sport verstößt". Zudem, so Simon, könne die Manipulation von Blut die Gesundheit schädigen. "Der Sportler riskiert, sich eine Infektion einzuhandeln." Drittens könne die UV-Behandlung "auch Zellen zerstören. Dass dabei dann Blutbilder herauskommen wie bei einem Menschen mit einer pathologischen Bluterkrankung, ist nicht erstaunlich." Als mögliches Beispiel nannte Simon die Eisschnellläuferin Pechstein. Sie war bereits von 2009 bis 2011 wegen erhöhter Blutwerte gesperrt. "Möglicherweise hat sie keine vererbte Blutanomalie – sondern sich nur ihre Erythrozyten mit UV-Licht verbruzzelt."
Pechstein selbst antwortete nur ausweichend auf die neuen Vorwürfe. Sie schweige auch deshalb, weil sich eines der bereits eingeleiteten Verfahren "gegen eine meiner Teamkolleginnen richtet". Dabei soll es sich um die Eisschnellläuferin Judith Hesse handeln. Nils Schumann, Olympiasieger von Sydney, ging ebenfalls nicht direkt auf die Vorwürfe ein. "Ich halte das Ganze für Humbug", erklärte er: "Ich selbst habe niemals verbotene oder auch fragwürdige Behandlungsmethoden genossen und distanziere mich davon ausdrücklich."
Zu den Sportlern, deren Namen auf der "Erfurter Liste" stehen, gehören nach Berichten mehrerer Medien die Radrennfahrer Jakob Steigmiller und Marcel Kittel sowie der Jamaikaner James Beckford, 1996 Olympiazweiter im Weitsprung. Außerdem werden die Namen mehrerer Nachwuchssportler genannt, die zum Zeitpunkt der Behandlung noch minderjährig waren. Bei ihren Ermittlungen hörten die Fahnder auch Telefone ab – darunter das von Claudia Pechstein. Eisschnellläuferin Hesse und Radrennfahrer Steigmiller sollen die Infusionen laut Bild-Zeitung bereits gestanden haben.
Die SPD-Politikerin Dagmar Freitag sprach sich gestern dafür aus, allen Medizinern, die Beihilfe zum Doping leisteten, die Approbation zu entziehen. "Das wäre ein scharfes Schwert", so die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag. Am 21. März will der Ausschuss über die Affäre debattieren. Die Staatsanwaltschaft Erfurt ermittelt seit 2011 gegen Sportmediziner Franke wegen des Verdachts, zu Dopingzwecken gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen zu haben. Die Nada erhielt von der Staatsanwaltschaft zum zweiten Mal Akteneinsicht. Sie prüft, ob sie weitere Verfahren einleitet.
Autor: Andreas Strepenick
