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25. Januar 2013 00:01 Uhr

Universitätsklinik

Lahmt die Untersuchungskommission zum Doping in Freiburg?

Zoff in der Freiburger Uniklinik: Deren Chef erwartet, dass die Doping-Untersuchungskommission nach fünfeinhalb Jahre Ergebnisse liefert. Ein ehemaliger Freiburger Sportmediziner hat derweil eine Geldstrafe erhalten.

  1. Klinikchef Rüdiger Siewert erwartet, dass die Kommission nach fünfeinhalb Jahren ein Arbeitsergebnis vorlegt. Foto: BAMBERGER/PRIVAT

  2. Die Kommissionsvorsitzende Letizia Paoli versucht seit 2009, die Freiburger Dopinggeschichte zu erhellen. Sie schweigt zu Siewerts Vorwürfen. Foto: privat

Mit einer scharfen Attacke gegen die belgische Kriminologin Letizia Paoli hat die Freiburger Universitätsklinik am Donnerstag für Aufregung gesorgt. Klinikchef Rüdiger Siewert warf der Vorsitzenden der Kommission zur Aufklärung der Freiburger Dopingvergangenheit Untätigkeit vor. Noch immer gebe es kein Arbeitsergebnis, kritisierte Siewert. Zugleich wurde bekannt, dass der ehemalige Freiburger Olympiaarzt Georg Huber wegen einer falschen Eidesstattlichen Versicherung im Zusammenhang mit Doping einen Strafbefehl über rund 9000 Euro erhalten hat.

Es war ein Tag mit verwirrenden Nachrichten. Zunächst bestätigte die Staatsanwaltschaft Freiburg einen Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Fall Georg Huber (dazu später mehr). Dann sorgte Professor Rüdiger Siewert, der Leitende Ärztliche Direktor, im Rahmen einer Pressekonferenz "anlässlich des Neujahrsempfangs des Universitätsklinikums Freiburg" am Vormittag für Irritationen. Siewert sah sich plötzlich mit Journalistenfragen zur Freiburger Sportmedizin konfrontiert.

Der Klinikchef nahm daher Stellung zum Stand der Aufklärungsarbeit der sogenannten Großen Kommission, die seit 2007 versucht, die Dopinggeschichte der Freiburger Sportmedizin zu erhellen. Dieses Expertengremium war zunächst vom ehemaligen Richter Hans-Joachim Schäfer geleitet worden. 2009 legte Schäfer den Vorsitz nieder. Er gab gesundheitliche Gründe für diesen Schritt an. Die Universität bat daraufhin die renommierte Mafia-Expertin Letizia Paoli, Schäfers Arbeit weiterzuführen. Paoli stimmte zu.

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Am Abend muss Siewert in einem Punkt zurückrudern

Seit der Einberufung der Kommission – durch die Universität, nicht durch die Klinik – sind mittlerweile fünfeinhalb Jahre vergangen. Paoli hat freilich weder einen Zwischen- noch einen Abschlussbericht fertig gestellt. Siewert warf ihr daher am Donnerstag Untätigkeit vor. Er kritisierte, dass sie noch immer kein Arbeitsergebnis vorgelegt habe. Die Vertragsbeziehung mit der Belgierin sei bereits am 31. Dezember 2012 erloschen. Das Klinikum stelle Paoli auch kein Büro mehr zur Verfügung. Siewert sagte, er würde eigentlich davon ausgehen, "dass der Bericht jetzt kommt. Aber das ist im Augenblick so nicht erkennbar". Paoli werde für ihre Tätigkeit gut honoriert. Für die hohe Bezahlung sei eigentlich Leistung zu erwarten.

Am Abend musste Siewert dann freilich zumindest in einem Punkt zurückrudern. Das Vertragsverhältnis mit der Kriminologin sei noch nicht erloschen, räumte er ein. Vielmehr bestehe es bis zum 31. Januar weiter. Es solle allerdings nicht verlängert werden. Siewert bestätigte damit entsprechende Informationen der BZ. Eine anderslautende Meldung des Südwestrundfunks vom Donnerstag erwies sich damit als falsch.

Letizia Paoli selbst wollte zu den Vorwürfen (noch) nicht Stellung nehmen. Auf die Frage, ob sie eine Erklärung abgeben wolle, antwortete sie am Abend mit einem einzigen Wort: "Nein". Eine Auseinandersetzung zwischen ihr und ihrem Auftraggeber bahnt sich allerdings schon seit einigen Monaten an. Es ist davon auszugehen, dass Klinikchef Siewert am Donnerstag nur den lange erwarteten Startschuss dazu gegeben hat.

Juristische Niederlage für Olympiaarzt Huber

Der ehemalige Freiburger Olympiaarzt Georg Huber hat unterdessen eine weitere juristische Niederlage kassiert. Nach dem Oberlandesgericht Karlsruhe kamen nun auch die Freiburger Staatsanwaltschaft und das Amtsgericht Freiburg zu dem Schluss, dass er im Zusammenhang mit der Abgabe von Dopingmitteln gelogen hat. Wegen falscher Eidesstattlicher Versicherung erließ das Amtsgericht gegen den früheren Sportmediziner der Freiburger Universitätsklinik einen Strafbefehl über zwei Monatsgehälter. Das sind rund 9000 Euro. Huber hatte im Jahr 2007 vor Gericht eine Erklärung abgegeben, wonach er einzelnen Radrennfahrern in den 1980er Jahren lediglich Medikamente zum Ausgleich einer "medizinischen Dysbalance" verabreicht habe – also aus gesundheitlichen Gründen. Gedopt habe er nicht. Mittlerweile hat aber der ehemalige Bahnradfahrer Robert Lechner ausgesagt, er sei von Huber planmäßig zu den Olympischen Sommerspielen des Jahres 1988 in Seoul hingedopt worden. Dabei habe ihm Huber auch das hoch wirksame Anabolikum Stromba verabreicht.

Sowohl der Freiburger Außensenat des Oberlandesgerichts Karlsruhe als auch die Staatsanwaltschaft Freiburg und das Amtsgericht glauben Lechners Aussagen. Huber ging auch nicht gegen sie vor – nicht einmal während einer Verhandlung vor dem Außensenat am 19. Oktober 2012 in Freiburg, als ihn der Vorsitzende Richter Anton Wachter ausdrücklich dazu aufforderte. Die Verhandlung war Teil eines Rechtsstreits, den Huber nun schon seit 2007 gegen den Heidelberger Doping-Bekämpfer Werner Franke führt. Franke bekam vor dem Außensenat Recht und darf seither behaupten, dass Huber planmäßig gedopt hat – allerdings ausdrücklich nur im Fall des Bahnradfahrers Lechner. Franke griff Hubers Eidesstattliche Versicherung aus dem Jahr 2007 aber auch gegenüber der Staatsanwaltschaft Freiburg an. Er stellte Strafanzeige.

Die Staatsanwaltschaft sah sich so zu Ermittlungen veranlasst. "Wir haben Lechner als Zeugen gehört", erklärte Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier am Donnerstag. "Lechner sagte, Huber habe ihm von Oktober 1987 bis August 1988 die Medikamente Stromba und Andriol verordnet, damit sich die Muskelmasse vergrößere. Des Weiteren habe Huber die Dosierung und das rechtzeitige Absetzen der Medikamente mit Lechner abgestimmt, um ein positives Dopingergebnis zu vermeiden", so der Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Hubers Anwalt legt gegen den Strafbefehl Einspruch ein

Weil Huber diese Handlungen in seiner Eidesstattlichen Versicherung im Jahr 2007 verschwieg, habe er gegen seine Wahrheitspflicht verstoßen, erklärte Maier. Die Staatsanwaltschaft habe daher beim Amtsgericht beantragt, einen Strafbefehl zu erlassen. Hubers Rechtsanwalt Thomas Schneider hat gegen diesen Strafbefehl zwar fristgerecht Einspruch eingelegt. Er habe die Staatsanwaltschaft zunächst einmal um Akteneinsicht gebeten, um die Sachlage zu prüfen, sagte Schneider der BZ. Dann wolle er sich mit seinem Mandanten zusammensetzen und mit ihm besprechen. Die Frage ist allerdings, ob der Einspruch tatsächlich aufrecht erhalten wird. Akzeptiert Huber den Strafbefehl nicht, käme es zu einer Hauptverhandlung vor dem Amtsgericht. Dort könnte Robert Lechner dann erstmals öffentlich als Zeuge auftreten und seine Vorwürfe bis ins Detail schildern. Daran dürfte dem ehemaligen Freiburger Sportmediziner kaum gelegen sein.

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Autor: Andreas Strepenick