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06. Januar 2016 14:02 Uhr

Entdeckung

Paoli-Kommission: Massiver Wissenschaftsbetrug in der Freiburger Sportmedizin

Die skandalumwitterte Freiburger Sportmedizin kommt nicht zur Ruhe. Die Kommission der Kriminologin Letizia Paoli behauptet, eine ganze Reihe früherer Ärzte sei in einen massiven Forschungsskandal verstrickt.

  1. Gab es wissenschaftliches Fehlverhalten? Foto: dpa

Seit nunmehr achteinhalb Jahren versucht die von der Professorin Letizia Paoli geleitete Evaluierungskommission, der Vergangenheit der Freiburger Sportmedizin auf die Spur zu kommen. Im Zentrum steht die Verstrickung der einstigen Ärzte Joseph Keul und Armin Klümper in die Dopingvergangenheit des westdeutschen Sports. Zu den Aufgaben der Kommission, die im August 2007 von der Freiburger Universität eingesetzt wurde, gehört aber auch die Überprüfung der wissenschaftlichen Arbeiten, die seit den 1950er Jahren in der universitären Einrichtung entstanden waren.

Folgen für das Fach Sportmedizin

Hier meldet die Paoli-Gruppe nach dem Abschluss langer Untersuchungen einen Fund, "dessen Tragweite weit über das heutige Institut für Bewegungs- und Arbeitsmedizin am Universitätsklinikum Freiburg" hinausreiche. Es gehe um "massives wissenschaftliches Fehlverhalten". Die sechsköpfige Wissenschaftlergruppe, die sich an Dreikönig an die Öffentlichkeit wandte, spricht von einer "neuen Dimension wissenschaftlichen Fehlverhaltens mit möglicherweise gravierenden Folgen für das Fach Sportmedizin und den gesamten betroffenen Wissenschaftsbetrieb". Die Universität sei vorab über die Entdeckung informiert worden.

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"Aufgrund der Anzahl der unter Verdacht stehenden Arbeiten und Wissenschaftler" empfiehlt die Kommission die Einsetzung einer externen Task Force. Diese habe sich auch im damaligen Fälschungsskandal um die Freiburger Krebsforscher Professor Herrmann und Professor Mertelsmann bewährt. Schon im Jahr 2011 hatte die Paoli-Gruppe bei ihrer Überprüfung von Dissertationen und Habilitationen sechs sogenannte Plagiatsverdachtsfälle aufgedeckt. Seit Herbst 2015 hätten sich die sechs Wissenschaftler nochmals intensiv mit sportwissenschaftlichen Publikationen "vor allem aus den Jahren nach 1980 beschäftigt".

Dabei habe man folgende Sachverhalte festgestellt:

Erstens: "Weitere Dissertationen, Habilitationen sowie Fachpublikationen weisen ebenfalls erhebliche wissenschaftliche Mängel auf."
Zweitens: "Hochkarätig publizierte Arbeiten beruhen wohl auf Fälschungen von Daten und Selbstplagiaten."
Drittens: "Publikationen wurden manipuliert; Originaldaten aus den ursprünglichen Arbeiten wurden weggelassen."
Viertens: "Wissenschaftliche Arbeiten wurden mit geringfugigen Änderungen ohne entsprechenden Hinweis mehrfach in unterschiedlichen Fachzeitschriften publiziert."
Fünftens: "Fehlerhafte Publikationen waren die Grundlage für erfolgreiche Bewerbungen auf Lehrstühle und Forschungsanträge."
Sechstens: "Die Förderung durch Pharmafirmen wurde nicht erwähnt; Interessenskonflikte der Autoren wurden nicht offengelegt."

Die Kommission geht davon aus, dass viele ehemalige Mitarbeiter, zumal Doktoranden, sich ohne ihr Wissen und ohne aktive Beteiligung in die Vorgänge involviert haben – etwa indem ihre Forschungsergebnisse in nachfolgenden Publikationen gefälscht worden seien. Sie rief alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich insbesondere an Arbeiten aus den Jahren zwischen 1980 und 2000 beteiligt haben, dazu auf, sich bei ihr zu melden. Sie sicherte Vertraulichkeit zu.

Die Freiburger Universität hatte die Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin im Jahr 2007 unter dem Druck massiver Dopingvorwürfe gegründet. Die sportmedizinischen Einrichtungen der Stadt waren über vier Jahrzehnte hinweg führend in der Bundesrepublik Deutschland gewesen. Sie erhielten Zuschüsse in Millionenhöhe von Bund und Land. Die Kommission wird seit Ende 2009 von der Kriminologin Letizia Paoli von der Universität Leuwen in Belgien geleitet. Sie hat für 2016 ihren Abschlussbericht angekündigt.

Aktuell gehören der Forschergruppe an: Hans Hoppeler (Bern), Hellmut Mahler (Düsseldorf), Letizia Paoli (Leuwen), Perikles Simon (Mainz), Fritz Sörgel (Nürnberg) und Gerhard Treutlein (Heidelberg).

Die Universität Freiburg teilte am Mittwochabend auf BZ-Anfrage mit, sie sei von der Paoli-Gruppe bereits am 22. Dezember 2015 über die Verdachtsmomente unterrichtet worden. Ein Uni-Sprecher kritisierte, dass die Pressemitteilung vom Mittwoch nicht vorab mit ihrem Auftraggeber, der Universität, abgestimmt worden sei.

Autor: Andreas Strepenick