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18. Januar 2017 16:51 Uhr

Sportmedizin

Doping-Forscher Singler setzt Uni Freiburg unter Druck

Harzige Aufklärung: Der Mainzer Doping-Forscher Andreas Singler will seine Gutachten zu den einstigen Sportmedizinern Keul und Klümper erst freigeben, wenn er mehr Geld bekommt.

  1. Rund 1000 Seiten zur Doping-Historie der Sportmedizin harren ihrer Veröffentlichung. Foto: DPA/KUNZ

  2. Andreas Singler Foto: Privat

  3. Hans-Jochen Schiewer Foto: Silvia Gehrke

Die Aufklärung der Freiburger Doping-Vergangenheit gleicht auch im zehnten Jahr einem Schneckenrennen. Andreas Singler, lange Zeit ein enger Verbündeter der Freiburger Universität, legt sich nun frontal mit Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer an. Er weigert sich, seine Gutachten zu den einstigen Spitzensportmedizinern Joseph Keul und Armin Klümper zur Veröffentlichung freizugeben. Erst müsse die Uni ihn angemessen für seine Arbeit bezahlen, so der Mainzer Doping-Historiker. Singler gibt sich kompromisslos und droht abermals mit Klage.

Die Zeiten, in denen Singler und Schiewer Hand in Hand marschierten, sind lange vorbei. Inzwischen, so Singler, verkehre man vornehmlich über Anwälte. Welche Summe genau der Anti-Doping-Forscher für seine Bemühungen von der Universität verlangt, wollten beide Seiten der Badischen Zeitung nicht verraten. Es dürfte sich aber um eine Summe im oberen fünfstelligen Bereich handeln. Ohne Geld keine Gutachten – mit dieser ebenso einfachen wie wirksamen Formel setzt Singler die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau unter Druck.

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Keul-Gutachten ist fertig

Die beiden opulentesten Werke aus der Feder des Mainzers umfassen jeweils rund 500 Seiten. Das Gutachten zu Joseph Keul, dem früheren Chef der Sportmedizin an der Universitätsklinik und einstmals führenden Olympia-Mediziner der Bundesrepublik Deutschland, ist nach BZ-Informationen fix und fertig, juristisch von der Uni geprüft – und reif zur Veröffentlichung. Auch im Gutachten zu Armin Klümper, dem einstigen "Doc" der Sportmedizinischen Spezialambulanz im Freiburger Mooswald, sollen die letzten juristischen Baustellen – Stand Dienstag – nun beseitigt sein. Keul und Klümper waren Schlüsselfiguren des Dopings im westdeutschen Spitzensport. Keul starb im Jahr 2000, Klümper wanderte 2001 nach Südafrika aus.

Nach allem was man weiß, werden auch die Singler’schen Gutachten nicht alle Fragen endgültig beantworten. Wie breit angelegt war die Doping-Offensive im Westen Deutschlands seit den 1970er Jahren wirklich? Welche Nationalkader, welche Sportarten waren betroffen? Welche Spitzenfunktionäre des Sports forderten und billigten die Freiburger Programme? Und welche Sportpolitiker wussten darüber Bescheid? Die Aufklärung darüber könnte sich noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinziehen – zumal die von der Uni selbst eingesetzte Untersuchungskommission nach neunjähriger Arbeit im Frühjahr 2016 unter Protest hingeworfen hatte. Die Gruppe um die frühere Kommissionsvorsitzende Letizia Paoli von der Universität Leuven in Belgien scheint indes nach wie vor entschlossen zu sein, ihre eigene Sicht der Dinge zu Papier zu bringen – unabhängig von der Uni. Paoli selbst bestätigte das am Dienstag abermals der BZ.

Wann genau diese Publikation erscheint, ist aber offen – genauso wie die Frage, wie es nun mit den Gutachten des abtrünnigen Kommissionsmitglieds Singler weitergeht. Der Mainzer erklärte der BZ, "dass es nach wie vor arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen" mit der Uni gebe. Er bestätigte damit einen entsprechenden Bericht des Südwestrundfunks vom Freitag vergangener Woche. Ein Gesprächstermin, bei dem die Differenzen hätten geklärt werden können, sei im Dezember 2016 geplatzt, ein neues Datum stehe nicht fest. "Sollte eine Einigung nicht möglich sein, wäre der Gang vor das Arbeitsgericht die logische Konsequenz", so Singler. Wenn der Streit um die Honorar-Forderungen endgültig in die Fänge von Juristen gerät, steht in den Sternen, wann die Gutachten zu Keul und Klümper das Licht der Welt erblicken.

Treutlein befürwortet Veröffentlichung

Der Heidelberger Anti-Doping-Experte Gerhard Treutlein, offiziell Singlers Co-Autor bei den beiden Gutachten, hat einer Veröffentlichung durch die Universität bereits zugestimmt. Nicht etwa weil er von der Qualität der wissenschaftlichen Arbeit überzeugt wäre – sondern weil er sowohl von Singler als auch von der Uni nach eigenem Bekunden die Nase voll hat. Der 76-Jährige glaubt nicht mehr, dass die ganze Wahrheit über das maßgeblich von Freiburg aus gesteuerte Doping in Westdeutschland überhaupt noch einmal ans Licht kommt.

Um welche Summe genau Singler und die Uni streiten, ist nur annähernd zu rekonstruieren. Schon zu dem Zeitraum, um den es in der Hauptsache geht, machen beide Seiten unterschiedliche Angaben. Uni-Sprecher Rudolf-Werner Dreier erklärte der Badischen Zeitung am Dienstag, Singler erhebe "weitere Zahlungsforderungen im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit für die Evaluierungskommission". Dieser Kommission gehört Singler aber seit dem Frühjahr 2015 nicht mehr an. Singler schrieb der BZ, seine Hauptforderung gelte der Zeit "seit Sommer 2015 bis zum endgültigen Abschluss sämtlicher Arbeiten".

Versöhnliche Worte sind im Augenblick nur aus dem Rektorat der Uni zu hören. Man bemühe sich "um die Abstimmung eines neuen Gesprächstermins", hieß es: "Die Universität begrüßt und unterstützt, was zur Aufklärung beiträgt."

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Autor: Andreas Strepenick