Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

18. März 2017

Sportpolitik

Wissenschaftler Singler veröffentlicht Gutachten über Keul

Ein Gutachten stellt dem 2000 verstorbenen Sportarzt Joseph Keul kein gutes Zeugnis aus / Aber keine Hinweise auf Doping mit Kindern oder Jugendlichen.

FREIBURG. Joseph Keul war ein Hasardeur, der den Einsatz leistungsfördernder Anabolika tolerierte und die Nebenwirkungen herunterspielte. Der im Jahr 2000 verstorbene Freiburger Mediziner trat eigentlich fast mehr als Sportfunktionär auf denn als Sportarzt. Der von einem großen Geltungsbedürfnis getriebene Keul hat Doping verharmlost, ihm selbst können jedoch nur wenige Dopingmaßnahmen konkret nachgewiesen werden. So lassen sich im Wesentlichen die Erkenntnisse zusammenfassen, die der Wissenschaftler Andreas Singler gewonnen und nun – nach einem schier endlos dauernden Streit mit der Universität Freiburg – in einem 404 Seiten umfassenden Gutachten auf eigene Faust auf seiner Homepage veröffentlicht hat.

Die Fleißarbeit birgt keine Sensationen. Der Großteil der Informationen über den einstiges Institutschef der Freiburger Uni-Sportmedizin ist bereits bekannt. In dem Gutachten wird indes die Verbindung zwischen der offiziell als Anti-Doping-Forschung getarnten Dopingforschung und der deutschen Sportpolitik herausgearbeitet. Und es werden Details genannt, die für Keul, aber auch für das Selbstverständnis des Gros der deutschen Sportmediziner in den 1960ern bis zu den 1990ern charakteristisch sind.

Werbung


Geradezu legendäre Beziehungen zur Politik

"Professor Keul war über drei bis vier Jahrzehnte der mit Abstand einflussreichste und wichtigste wissenschaftlich tätige Sportmediziner in der Bundesrepublik Deutschland", schreibt Singler. Als geradezu legendär werden seine Verbindungen zur Landes- und Bundespolitik, zum Deutschen Sportbund und zum Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) in Bonn dargestellt.

Von Letzterem erhielt Keul vor allem die finanziellen Mittel für seine Forschungen. Und, zu diesem Schluss kommt Andreas Singler aufgrund der Auswertung von Briefen des BISp an Keul, der Freiburger Sportmediziner ignorierte geflissentlich die Aufforderung, dem Bundesinstitut in der damaligen Hauptstadt Zwischenberichte seiner Forschungsarbeiten vorzulegen.

Wenn es dem als eitel geltenden Keul in den Sinn kam, benutzte er zudem das BISp auch für seine Zwecke – so wie im Hagr 1979. "Interessant ist, dass der Fachausschuss die Kürzung um eine beantragte BAT-II-a-Stelle für den eingeplanten Biotechniker empfiehlt", schreibt Singler. Er kommt zu dem Schluss, Keul habe versucht, "einen missliebigen Mitarbeiter aus seinem Arbeitskreis zu eliminieren". Der Mainzer Wissenschaftler folgert: "Insofern liegt der Verdacht nahe, dass Keul nur pro forma Geld für die Stelle des Biochemikers beantragt hatte, um sich nicht arbeitsrechtlich relevanten oder moralischen Vorwürfen auszusetzen."

Langer Atem bei Behördenmarathons

Als ehemaliger Mittelstreckenläufer bewies Keul in den Behördenmarathons fast immer einen langen Atem. Vor allem, wenn es darum ging, Vorteile für sein eigenes Institut herauszuholen. Aber auch, wenn er die breite Öffentlichkeit in die Irre zu führen. So zweifelte er öffentlich die leistungssteigernde Wirkung von Testosterongaben im Sport an. Intern hatte er aber Ergebnisse von Bodybuildern vorliegen, durch die er zu einem ganz anderen Schluss hätte kommen müssen.

Keul wollte eine Verschlankung der Dopingliste. "Mittels strategisch inszenierter Irrtümer wurde durch Keuls Wissenschaft seit etwa 1970 die Basis bereitet, auf der Politik und organisierter Wettkampfsport an die möglich Dualität von pharmakologischer Leistungssteigerung und Unschädlichkeit solcher Maßnahmen zu glauben bereit waren", schreibt Singler – und ergänzt: "Unter dem Mantel wissenschaftlicher Überprüfung vermochte es eine einflussreiche Subkultur unter der Führung Keuls und des Dopinganalytikers Manfred Donike in den 1980er Jahren, einen westdeutschen Leichtathleten sich ungestraft anabolikagestützt auf internationale Großereignisse vorbereiten zu lassen."

Autor: Georg Gulde