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13. Juli 2011

Auf geht’s in die große weite Welt

Matthias Brodmann ist seit paar Tagen auf der Walz.

  1. Matthias Brodmann wird das St. Blasier Ortsschild drei Jahre nicht mehr aus der Nähe sehen. Foto: privat

ST. BLASIEN. Drei Jahre lang darf Matthias Brodmann St. Blasier Boden nicht mehr betreten. Nicht etwa weil er etwas angestellt hat, sondern weil es der Brauch so will: Der Zimmerergeselle ist auf der Walz, und die Regeln dieser Wanderschaft schreiben vor, dass es eine sogenannte Bannmeile gibt. Der 23-Jährige darf sich seiner Heimat nur bis auf 60 Kilometer nähern. Auch die anderen Vorgaben sind streng: Er darf weder Auto noch Handy besitzen und keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, um weiterzukommen.

Trotz vieler Verbote und Vorschriften sagt Matthias Brodmann: "Es war schon immer mein Traum, auf die Walz zu gehen, diesen Traum verwirkliche ich jetzt." Früher war eine mehrjährige Wanderschaft Pflicht für einen Gesellen, wollte er die Meisterprüfung ablegen. Heute nutzen sie junge Handwerker, um die Welt zu sehen, selbstständig(er) zu werden und Erfahrungen zu sammeln. Für die hat der St. Blasier viel Platz im Gepäck, denn außer Kleidung sowie Werk- und Waschzeug hat er nichts mitgenommen auf seine Reise, die er vor wenigen Tagen begann.

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Freunde und Familie haben ihn zuvor gebührend – und schweren Herzens – verabschiedet. Mitgefeiert hat Tischler Tobias aus Bochum, der seit etwas mehr als einem Jahr auf der Walz ist und Matthias einige Monate begleiten wird.

Die Wandergesellen gehen häufig einige Kilometer gemeinsam. Wie auch Tobias, möchte Matthias sich einer sogenannten Schacht, in seinem Fall den Rolandsbrüdern, anschließen. Dafür muss er in einer mehrwöchigen Aspirantenzeit seine Eignung beweisen. Wird er offiziell aufgenommen, unterstützt ihn diese Vereinigung beispielsweise beim Finden von Gleichgesinnten, Unterkunft und Arbeitgeber. Letztere sucht sich der Wandergeselle in der Regel selbst. Manchmal stellt ein Chef sein Gästezimmer für junge Handwerker zur Verfügung, manchmal bezieht der Wandernde eine Pension oder sonstige Herberge.

Im ersten Wanderjahr ist Matthias Brodmann im deutschsprachigen Raum unterwegs, in zweiten und dritten erkundet er die ganze Welt. Von A nach B kommt er per Pedes – oder per Anhalter. Will er nach Übersee, kann er beispielsweise auf einem Schiff anheuern oder fliegen. Öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen ist verpönt und deshalb nur ausnahmsweise gestattet. Finanzieren wird er sich die drei Jahre der Wanderschaft durch seine Arbeit als Handwerker. Bezahlt werden die Wandergesellen nach Tariflohn, das Geld muss für die Zeit auf der Walz ausreichen. Während seiner Wanderjahre muss der Zimmerer mindestens sieben Mal seinen Arbeitsplatz wechseln. "Wir dürfen nur drei Monate an einem Arbeitsplatz bleiben. Wenn alles sehr gut läuft, in Ausnahmefällen auch mal ein halbes Jahr, dann ist aber endgültig Schluss", erklärt Matthias Brodmann. Der jeweilige Bürgermeister setzt den Beweisstempel ins Wanderbuch. Den Ersten bekam er von St. Blasiens Rathauschef Rainer Fritz.

Wo es Arbeit gibt, spricht sich unter den Wandergesellen herum oder kann in einem Gästebuch der Rolandsbrüder nachgelesen werden.

"Es war schon immer

mein Traum,

auf Wanderschaft zu gehen."

Zimmerer Matthias Brodmann
Nachlesen, wo sich Matthias Brodmann gerade befindet, wird seine Familie wohl in der einen oder anderen E-Mail. Solche zu verschicken ist erlaubt, auch telefonieren darf er, allerdings nicht mit einem eigenen Handy. Und obwohl er sein Zuhause nicht besuchen darf – Familie und Freunde dürfen ihn durchaus sehen – nur eben nicht in und um St. Blasien. Vielleicht an der Ostsee? Dort will der Wandergeselle beim Umbau einer Mühle helfen, zuvor ist ein Etappenziel Fulda, wo ein Kamerad seine Wanderjahre beendet.

Wie es der Brauch verlangt, musste Matthias Brodmann vor seiner Abreise über das Ortsschild klettern. Einen Blick wandte er noch zurück, dann den Kopf in Richtung Häusern – und damit in diesem Fall der großen weiten Welt entgegen. Für die Zurückgebliebenen begann damit die Zeit des Wartens – auf eine Nachricht im Postfach, einen Gruß aus der Ferne – und auf den Tag genau drei Jahre und einen Tag nach der Abreise, wenn Matthias Brodmann zurückkehrt.

Autor: Kathrin Blum