Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

12. August 2017

Flüchtlingsbetreuung

Fouad Saigh aus Syrien betreut als Bufdi Geflüchtete in St.Blasien

„Wir wüssten nicht, was wir ohne ihn tun sollten“, sagt Andrea Rudolf vom Asylhelferkreis beim Gespräch im Café. Fouad Saigh wechselt derweil einige Worte auf Arabisch mit einem jungen Mann, der vorbeigeht, dazwischen ist das Wort Jobcenter zu hören. Saigh stammt aus Syrien und arbeitet seit März im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes für 26 Stunden in der Woche bei der Stadt St. Blasien.

  1. Andrea Rudolf vom Asylhelferkreis und Fouad Saigh aus Syrien, der seit 1. März im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes bei der Stadt arbeitet und sich um Geflüchtete kümmert. Foto: Claudia Renk

Er unterstützt die Ehrenamtlichen des Helferkreises dabei, den Geflüchteten, die in St. Blasien und der Umgebung leben, die Integration zu erleichtern und bekommt dafür ein Taschengeld.

Seit die Gemeinschaftsunterkünfte geschlossen sind, gibt es auch keine Sozialarbeiterin mehr und für den Helferkreis ist die Arbeit eher schwieriger geworden, da nun Singles, Paare und Familien auf viele Einzelwohnungen verteilt sind.

"Ich habe eine Flatrate und kann zurückrufen", erklärt Fouad Saigh auf die Frage, wie er mit den Geflüchteten, die er unterstützt, Kontakt hält. Am meisten, so erzählt er, sei seine Hilfe beim Übersetzen im Jobcenter oder beim Landratsamt gefragt. Auch bei Arzt- und Zahnarztbesuchen ist er dabei, oder hilft im Kindergarten in Menzenschwand, den die Kinder der Geflüchteten besuchen.

Fouad Saigh hilft nicht nur bei Behörden- und Arztbesuchen

Die Kinderbetreuung macht er auch beim Sprachtreff für Frauen, den der Helferkreis immer mittwochs um 16 Uhr im Haus des Gastes anbietet.

Regelmäßig zwei Mal im Monat trifft Saigh andere Bufdis, wie die Bundesfreiwilligen kurz genannt werden, in Freiburg. Dort gibt es pädagogische Begleitung für die Freiwilligen. Acht bis zehn Personen sind es, die ihren Freiwilligendienst ebenfalls in der Betreuung von Geflüchteten leisten. "Die meisten Bufdis sind Muslime, eine Frau und ich sind Christen", erzählt Saigh. Die meisten in seiner Gruppe seien ebenfalls Geflüchtete, aber auch Deutsche seien dabei.

Werbung


In Deutschland ist Fouad Saigh seit September 2015. Im Januar konnten endlich auch seine Frau und die beiden Kinder nachkommen. Seine Tochter geht momentan in den Kindergarten in Menzenschwand und kommt im September in die Schule. Den kleinen Sohn hat der 40-Jährige hier in Deutschland das erste Mal gesehen, seine Frau war schwanger, als er Syrien verließ.

Zunächst, so erzählt er, hatte die kleine Familie in Damaskus gelebt. Bei der täglichen Fahrt zur Arbeit habe er erst seine Tochter abgesetzt, dann seine Frau, bevor er zu seiner eigenen Arbeitsstelle fuhr, und oft seien direkt hinter ihm die Bomben eingeschlagen. Schließlich entschieden seine Frau und er sich, ihre Wohnung zu verkaufen und in das Dorf zu ziehen, in dem ihre Eltern leben, weil es dort sicherer war. Mit einer Gruppe anderer Männer floh Saigh dann, als er zum Militär eingezogen werden sollte. Er sei beim Militär gewesen, erzählt er, aber zu Friedenszeiten. Gegen eigene Landsleute kämpfen wollte er nicht.

"Der Krieg in Syrien kommt von den Religionen", sagt er. Er hoffe, dass seine Landsleute die Idee, Religionen müssten sich bekämpfen, nicht nach Deutschland mitnehmen. Unter den Freunden, die er bisher hier gefunden habe, seien ein Katholik und ein Jude, die anderen hätten keine Religion.

Miteinander der Religionen war früher in Syrien normal

In Syrien, so erzählt er, sei seine Familie, die christlich-othodox war, auch in andere Kirchen gegangen, wenn der Weg sonst zu weit war. In St. Blasien ist er zum Katholizismus konvertiert.

Er selbst sei nach Deutschland gekommen, weil er wie die Deutschen leben möchte, mit Kirche, Tradition und Essen, erzählt Saigh. Er treffe aber auch Landsleute, denen das Leben in Deutschland nicht gefalle, weil es zu fremd und ungewohnt sei. Sie möchten zurück, wenn in Syrien wieder Frieden ist. "Ich habe kein Heimweh, meine Heimat ist jetzt Deutschland", betont dagegen Fouad Saigh, aber irgendwann, wenn wieder Frieden ist, möchte er gerne seine Familie und seine Freunde in Syrien besuchen.

Ein näherliegendes Ziel ist es für ihn, wieder als Kurier zu arbeiten, das hat er schon in Syrien getan, bei DHL. Gerade wartet er auf einen Bescheid vom Landratsamt, um den deutschen Führerschein in Angriff nehmen zu können. Seine Frau, so erzählt er, hat eine Ausbildung im Bereich Hotelmanagement und arbeitete in einem Opernhaus. Momentan gebe es noch keine Kinderbetreuung für den anderthalbjährigen Sohn, aber sie arbeite stundenweise in einer Restaurantküche.

So konkret die Ziele der kleinen Familie sind, so schwierig ist es für andere, hier Fuß zu fassen. "Es ist schwer mit Leuten, die kein Ziel haben", stellt er mit Blick auf einige der Geflüchteten fest, um die er sich kümmert. Aber er ist optimistisch: "Schritt für Schritt können wir ein Ziel für diese Leute finden."

"Der erste Schritt ist die Schule, besonders für die jungen Leute", betont er und man kann sich denken, dass er diese Ansicht freundlich, aber bestimmt auch seinen Schützlingen vermittelt. Und auch vom Umziehen in größere Städte, was sich gerade Junge oft wünschen, rät er ab. "Wenn ich in Deutschland leben will, muss ich mit Deutschen Kontakt haben", sagt er, und das gehe besser in einer Stadt, in der man schon länger lebt. Dort habe man die Chance, Menschen kennenzulernen und sich zu integrieren, sagt er.

Integrieren könne man sich aber auf unterschiedliche Weise: Saigh erzählt von einer Frau aus dem Libanon, die, als sie nach Deutschland kam, Kopftuch trug. Inzwischen tue sie das nicht mehr. Und eine andere Syrierin trage Kopftuch, sei aber früher immer in die christliche Kirche gegangen. Hier habe sie sich nun vorsichtig erkundigt, ob sie auch in den Dom gehen dürfe. "Hier ist das Land des Friedens", fasst Fouad Saigh zusammen. Und durch seine Arbeit trägt er ein bisschen zum friedlichen Zusammenleben bei.

Autor: Claudia Renk