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27. Mai 2010 20:45 Uhr
Pädagogisches Forum
Wie das Jesuitenkolleg mit dem Missbrauch umgeht
Das Jesuitenkolleg hat sich bei einem pädagogischen Forum ausführlich mit dem Missbrauchsskandal befasst. Die Aufklärung läuft. Das Kolleg weiß von 15 betroffenen Schülern und einer Reihe weiterer Hinweise auf Opfer.
"Wo stehen wir jetzt?" – diese Frage warf Kollegsdirektor Pater Johannes Siebner SJ zu Beginn in den Raum. Die gestern vorgelegte Bericht der Missbrauchsbeauftragten Ursula Raue spricht von mehr als 200 Fällen an verschiedenen Einrichtungen. In St. Blasien betroffen waren 15 Schüler, die in den 80er Jahren das Kolleg besuchten. Fünf weitere Alt-Schüler meldeten sich bei Raue und wiesen auf weitere Opfer hin, erklärte Siebner. Außerdem hätten sich Schüler gemeldet, die Opfer anderer Pädagogen wurden. Siebner sprach von sechs Opfern, die in den 60er Jahren sadistischen Übergriffen, Demütigungen und Gewalt ausgesetzt waren. Außerdem erwähnte er 17 Hinweise, die Machtmissbrauch in den 50er und 60er Jahren betreffen und sich auf 13 Täter beziehen. Siebner sprach in diesem Zusammenhang von Züchtigung im Übermaß.
Die Aufklärung laufe, informierte Siebner. Die Konfrontation mit den als Tätern benannten Personen sei allerdings mühsam. Mehrfach betonte er: "Ich selber ermittle nicht und habe deshalb auch keinen Kontakt zu den Tätern." Er stehe als Jesuit strukturelle gesehen auf der Täterseite. "Das sind und bleiben meine Mitbrüder, die das getan oder geduldet haben." Dafür gebe es keine Ausreden, keine Entschuldigungen, keine Rechtfertigungen. Siebner sprach von Scham und großer Betroffenheit. Es sei ärgerlich, dass auch dreieinhalb Monate nach Bekanntwerden der Fälle viele Verantwortliche immer noch schweigen. "Glauben Sie mir, mein Verdruss ist genauso groß wie Ihrer."
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Die Missbrauchsfälle bedrückten die Jesuiten, aber sie zwängen den Orden nicht in die Knie, betonte der Pater. Er gab zu, im Februar die Dimension der Vorfälle unterschätzt zu haben. Zweimal sei die Stimmung am Kolleg gekippt. Das erste Mal am Wochenende, als die Fälle bekannt wurden; das zweite Mal drei Tage später, als der Name St. Blasiens in jedem Radiosender, jeder Zeitung und jeder TV-Nachrichtensendung genannt wurde.
Kraft gegeben haben dem Direktor die Reaktionen von Eltern und Schülern und das dem Kolleg entgegengebrachte Vertrauen. Nichtsdestotrotz beschäftigen die Fälle das Kolleg und sein Kollegium weiter. "Da ist eine Eiterbeule geplatzt und die stinkt nun mal."
Ob sich der Skandal auf die Schülerzahlen am Kolleg auswirkt, konnte Siebner noch nicht beantworten. Die Zahl der Anmeldung externer Schüler sei stabil, bei den Anmeldungen interner Schüler stelle er einen geringfügigen Rückgang fest. Allerdings sei es zu früh, das endgültig zu beurteilen. "Von einem Einbruch der Schülerzahlen sprechen wir aber auf gar keinen Fall", betonte Pater Siebner.
Um Missbrauch in Zukunft zu verhindern, will Siebner die Rolle der Vertrauenslehrer stärken, die Schülermitverantwortung stärker einbeziehen, und die Mitsprache- und Beschwerdestruktur verbessern. "Das Kolleg soll ein sicherer Ort sein, ein Ort, an dem Gewalt nicht geduldet wird."
Im November veranstaltet das Kolleg einen pädagogischen Tag, bei dem es ausschließlich um das Thema Prävention geht. Experten sollen dazu ins Haus kommen, es gehe darum zu lernen, Signale zu sehen und zu beachten. Egal ob Schüler oder Lehrer, jeder der angesprochen wird oder etwas bemerkt, sollte zugeben können, dass er nicht weiß, wie er reagieren soll, und weiß, an wen er sich wenden kann. "Ich hoffe, dass jeder Schüler hier einen besten Freund oder eine beste Freundin hat – egal ob das Klassenkameraden, Lehrer, Erzieher oder die Eltern zu Hause sind."
Das Kolleg wolle mit Institutionen zusammenarbeiten, die professionell helfen können, erste Gespräch gebe es mit Partnern in Freiburg, die sich um Missbrauchsopfer kümmern.
- Nichts sehen, sagen, hören: Missbrauch bei den Jesuiten
- Dokumentation: Der Abschlussbericht auf der Webseite des Jesuiten-Ordens (pdf-Datei)
- Rückblick: Mehr Missbrauchsfälle? Freiburger soll Jesuiten leiten (2. März)
- Rückblick: Jesuitenskandal in St. Blasien: Mehrere Täter, bis zu 20 Fälle (18. Februar)
- Rückblick: Beschuldigter Pater räumt Prügel ein (9. Februar)
Autor: Kathrin Blum
