Begegnungen mit Lehrern

(ST)EINWURF: Die Schatten der Schulzeit

Robert Bergmann

Von Robert Bergmann

Sa, 08. September 2018

Steinen

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie ehemalige Lehrer oder Lehrerinnen treffen – im Freibad, beim Einkaufen oder beim Geißenfest. Entwickelt sich da auch dieses unbestimmte grummelige Bauchgefühl, so als könnte Der- oder Diejenige Ihnen gleich wieder einen Eintrag im Klassenbuch verpassen oder Sie – schlimmer noch – mit einem blauen Brief heimschicken? Ich jedenfalls muss mich da auch im fortgeschrittenen Lebensalter noch immer mächtig zusammenreißen, tief durchatmen, um nicht in die alten Muster zu verfallen. Natürlich entwickelt man im Laufe seines Lebens gewisse Überlebenstechniken im Angesicht des Ex-(lehrers). Als hilfreich hat es sich zum Beispiel erwiesen, frei nach Pink Floyd den Song "Hey Teacher, leave us Kids alone" vor sich hinzusummen oder auch einfach – falls vorhanden – sich frische Luft mit dem aktuellen Diplomzeugnis oder wahlweise dem Rentenbescheid zuzuwedeln. Schwieriger wird die Sache, wenn man es auch Jahrzehnte später immer noch nicht schafft, einer Lehrkraft – selbst einer, von der man noch nie unterrichtet wurde – einfach mal zu widersprechen. Ist mir neulich erst passiert, als der Rektor einer im Wiesental ansässigen Realschule (Name der Redaktion bekannt), ein Hohelied auf die Mathematik anstimmte. Ich brachte es einfach nicht übers in die Hose gerutschte Herz, dem Mann meine durchaus gegenteiligen Erfahrungen mit den in der Rechenkunst ausgebildeten Pädagogen an meinem heimatlichen Gymnasium zu schildern. Und so ließ ich ihn wider besseren Wissens in dem für seinen Beruf so wichtigen Glauben, stets Recht zu haben. Ein einziges Mal nur habe ich es erlebt, dass ein Lehrer viele Jahre später merken musste, wie grundlegend falsch er mit dem lag, was er uns glaubte beibringen zu müssen: Der Mann, Physik- und Chemielehrer vom Fach, hatte in den 1970er Jahren behauptet, es würde den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit widersprechen, dass es jemals in einem Kernkraftwerk zum Super-Gau kommen würde. Da sind wir heute – nach Tschernobyl und Fukushima – leider klüger. Ob ich mich aber trauen würde, dies dem alten Herrn auch von Angesicht zu Angesicht zu sagen, steht auf einem ganz anderen Blatt.