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15. August 2011

"Jerusalem des Sundgaus"

Das elsässische Dorf Durmenach erinnert (sich) seiner jüdischen Vergangenheit.

  1. Viele Gräber auf dem jüdischen Friedhof in Durmenach sind vom Verfall bedroht. Foto: Annette Mahro

  2. Sabine Drexler und Jean Bloch Foto: Annette Mahro

  3. Das leere Häuschen im Dorfkern soll zum Museum werden. Foto: Annette Mahro

DURMENACH. Auf den ersten Blick ist es ein Sundgaudorf wie viele. 940 Einwohner zählt Durmenach heute und ist damit fast wieder so groß wie zu seiner Blütezeit im 19. Jahrhundert. Damals trug das nahe Ferrette gelegene Dorf noch den Beinamen "Jerusalem des Sundgaus", weil hier zeitweise mehr jüdische als christliche Einwohner lebten. Heute gibt es keinen einzigen Durmenacher jüdischen Glaubens mehr. Zur Erinnerung an die Geschichte wurde 2009 aber Gedenkstein aufgestellt, der immer neue ins Rollen bringt.

Ein Haus der Geschichte ist das jüngste Projekt des eigens gegründeten Heimatvereins, der "Société d’histoire pour la transmission de la mémoire de Durmenach". Fast wäre das unscheinbare Häuschen bei der Festhalle, die heute am Platz der einstigen Synagoge steht, abgerissen worden, um den Parkplatz zu vergrößern. Recherchen zur Dorfgeschichte hatten aber ergeben, dass der seit Jahren leerstehende, verfallene Bau einst im Besitz der größten und ältesten jüdischen Familie Durmenachs war. Ein benachbartes größeres Haus, das im Keller sogar über ein rituelles Bad, eine Mikwe, verfügte, war schon 2008 abgebrochen worden. Umso dringender wurde der Wunsch, zu retten, was noch nicht verloren ist und ein Gedächtnis des Ortes einzurichten, das gerade hier auch ein Museum der Verfolgung und Vertreibung werden muss.

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Vor gut zwei Jahren ging es zunächst um etwas anderes, um eine Auflistung der Durmenacher Opfer der Weltkriege von 1914 bis 18 und 1939 bis 45. Auf 51 Soldatennamen kam man dabei, aber auch auf 19 Opfer des Holocaust, unter ihnen zwei Sinti-/Romakinder im Alter von drei und vier Jahren. "Wir wollten das damals weiter verfolgen und mehr wissen", erinnert sich die Lehrerin und erste Beigeordnete des Bürgermeisters, Sabine Drexler. Verwandte wurden angeschrieben, eine Fülle von Daten, Fotos und Material kamen zusammen. Schließlich entstanden eine kleine Wanderausstellung und die Dokumentation "Durmenach erinnert sich", deren 600 Exemplare im Nu vergriffen waren. Links und rechts des alten Soldatenehrenmals wurden zwei Stelen aufgestellt, auf denen die Opfer von Krieg und Verfolgung mit Alter, Todesjahr und -ort aufgeführt sind. Die ganze Dorfgeschichte wird da in wenigen Buchstaben und Zahlen deutlich. Hatten die Soldaten in ganz Europa verteilt den Tod gefunden, steht hinter den Namen der Deportierten Auschwitz. Nur die zwei Kinder kamen in einem Lager an der spanischen Grenze um.

Zur bewegenden Enthüllung der beiden Stelen und des Gedenksteins reisten im November 2009 Nachfahren aus aller Welt und sogar den USA an. Ein koscheres Essen für 400 Personen schloss sich der Zeremonie an. Die Resonanz war überwältigend, die Plätze nicht ausreichend, erinnert sich Sabine Drexler, weitere Gäste hätten jedoch die Saalkapazität gesprengt. Durmenach wurde mit der Aktion aber weit über das Elsass hinaus bekannt und wollte den einmal eingeschlagenen Weg weitergehen. Dazu bot das zum Verkauf stehende, zentral zwischen Festsaal und Mairie gelegene Häuschen den jüngsten Anlass. "Das hat auch damit zu tun, dass wir bald gemerkt haben, wie bei uns wirklich die ganze Elsässer Geschichte beispielhaft zusammenkommt", erzählt Sabine Drexler. Deutlicher als irgendwo sonst lässt sich die hier bis ins 15. Jahrhundert zurückreichende Geschichte der französischen Form des mitteleuropäischen Judentums ablesen, die vorwiegend im Elsass anzutreffen ist, und für die die Nazipogrome der traurige Gipfel in einer langen Leidensgeschichte waren.

Erzählen kann das Dorf aber auch von der Verfolgung der Sinti und Roma oder von den "Malgré-Nous", jenen Franzosen, die im zweiten Weltkrieg für die deutsche Wehrmacht zwangsverpflichtet und als Heimkehrer auch noch der Kollaboration bezichtigt wurden. Durmenach erlebte aber auch schon 1848 den "Juderumpel", eine der späteren deutschen Reichspogromnacht vergleichbare Aktion. 75 Häuser jüdischer Bürger wurden damals angezündet und viele Familien flüchteten, um nie mehr wiederzukommen. Der jüdische Anteil der Bevölkerung sank rapide. Dennoch erhielt sich bis 1910 ein Rabbinat, es gab eine jüdische Schule und den 1784 gegründeten und in jüngerer Zeit auch wieder genutzten jüdischen Friedhof.

In dessen Pflege, der Restaurierung der teils schon verfallenen rund 300 Grabsteine von einst etwa 1000 sieht Jean Bloch eine der nächsten Aufgaben des Geschichtsvereins, dem er mit dem Durmenacher Thomas Zundel vorsteht. Zwar hat Bloch, der im Elsässer Norden lebt, selbst keine familiären Wurzeln im Ort. Als Spezialist für die regionale Geschichte des Judentums aber wurde er schon bei den ersten Nachforschungen konsultiert und schnell zum engagierten Mitstreiter. Im Zuge seiner Recherchen hat sich vieles wieder gefunden, nicht zuletzt die alten Straßennamen, die mittlerweile unter den neuen angezeigt sind. Bloch weiß jeden zu erklären und in die Dorfgeschichte einzufügen.

Während schon bei den Gräbern wegen des fortschreitenden Verfalls die Zeit drängt, müssen für Kauf und Sanierung des Häuschens bis Ende des Jahres rund 180 000 Euro beisammen sein. Viele Förderer haben sich schon in den Reihen der lokalen und regionalen Politiker gefunden. Unterstützung signalisiert hat auch die ehemalige Präsidentin des europäischen Parlaments, Simone Veil, die 2011 Ehrenpräsidentin der Buchmesse St. Louis war. Die Summe sollte also zusammenkommen. Da aber das Haus, einmal eingerichtet, auch unterhalten werden muss, hoffen Jean Bloch und Sabine Drexler auf weitere Unterstützer. Nicht zuletzt, da viele bekannte Persönlichkeiten Wurzeln in Durmenach haben, etwa der Ethnologe Claude Lévy-Strauss oder Medizin-Nobelpreisträger François Jacob, stehen die Chancen ganz gut. Auch die Vorfahren Dominique Strauss-Kahns kamen übrigens aus dem Ort.

Erreichbar ist die "Société d"histoire pour la transmission de la mémoire de Durmenach" über die Mairie Tel. 0033/389-258102



Autor: Annette Mahro