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19. Mai 2011

Klingender Geschichtsunterricht

Liedermacher und Mundartdichter Roland Burkhart begeistert mit den Erinnerungen an Wyhl.

  1. Roland Burkhart Foto: thomas Binder

ST. MÄRGEN. Die Geschichte ist alt. Sie spielte von 1970 bis 1982. Alt? Das muss jeder für sich entscheiden. Das Buch ist geschrieben. Der Film gedreht – "s’ Wespenäscht" – das KKW in Wyhl nicht gebaut. Und, interessiert es jetzt noch? Allerdings! Die Botschaft ist aktueller denn je. Deshalb Teil 1 der Trilogie: Brückenbesetzungen im Dreyeckland am 25. April und Teil 2: Filmvorführung und Diskussion im Krone Kino in Neustadt über "s’Wespenäscht", der Dokumentation über den Kampf gegen Wyhl.

Zwei Zeitzeugen umarmen sich freundschaftlich, herzlich, brüderlich. Sie kennen sich schon ewig und im Verlauf dieses Abends zwinkern und schmunzeln sie sich einige Male zu. Erich Krieger, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins, dessen Namenszug den Ortsnamen von St. Märgen ganz eng mit Kultur verbindet, berichtet einführend über die beiden ersten Teile seiner Trilogie und ist sich sicher: "Wir machen Volkskultur, aber keine tümliche" und "heute erleben wir im dritten und letzten Teil der Trilogie den oppositionellen Touch der Volksmusik".

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Dafür sorgt Roland Burkhart, von allen Buki genannt, auf das Vortrefflichste. Die meisten der Anwesenden kennen die Geschichte. Jeder hat seine eigene Bilder und lässt sich doch konzentriert, beseelt und begeistert mitreißen. Eine musikalische (Zeit-) Reise an einen Platz im Wyhler Wald, zu Plakatwänden, Schutzhütten und Lagerfeuer. Ein Gelände mit Stacheldraht umzäunt, auf dem ein Kernkraftwerk gebaut werden sollte.

Mit "Wyhl – du allein" nach der Melodie von "Wien – du allein", "Häng di auf" von André Weckmann und "Der Rhin" stimmt Buki die Zuhörer auf die geographischen und politischen Gegebenheiten ein. Beim vielleicht bekanntesten Lied "de bleede Ofe" singt er den Refrain nicht alleine. Er umgarnt den Zeitstrahl seiner Geschichte mit spannenden, unterhaltsamen Anekdoten, widmet "s Schloflied" der Geburt des ersten Kindes, lässt in "isch des Feuerlein aus" und "mir sin efach wieder do", viel Herzblut fließen.

Die Begeisterung für die Gewaltlosigkeit der Widerstandsbewegung, die grenzübergreifende Verbundenheit mit Schweizern und Franzosen im Dreiländereck kommen in "Die Wacht am Rhein" und im "s Bruggelied" zum Ausdruck. Ein besonderer Hörgenuss wird in konservierter Form präsentiert: Schallplatte Jahrgang 1982. Buki spielt per Grammophon "s bucklig mannli" in der Version ein, bei der er von einem Mandolinenorchester begleitet wurde. Klasse.

Hintergrundinformationen über die juristische Seite des Widerstandes präsentiert der studierte Politikwissenschaftler (dessen Magisterarbeit sich mit dem Thema: Bürgerinitiativen beschäftigte) mit Schärfe und Klarheit – und der Berichterstatter glaubt ein klitzekleines schelmisches Grinsen zu entdecken, als der gebürtige Kaiserstühler in reinstem muttersprachlichem Alemannisch auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts Berlin von 1983 hinweist. Darin wurden die Bedenken der KKW Gegner zwar abgeschmettert, doch der Landesregierung dringend empfohlen nicht zu bauen.

Ein Grund mehr, den damaligen politischen Größen im Ländle, Filbinger mit "dr Philisterpräsident" und Späth mit "de schlaue Lothar" ein musikalisches Denkmal zu setzen. Stefan Mappus und Winfried Kretschmann wurde diese Ehre übrigens auch zuteil. Im April 2011 hat Buki das bekannte Lied der "Comedian Harmonists" über einen kleinen grünen Kaktus für beide Politiker umgeschrieben.

Als Zugabe erklingen die Geschichte der "Burg Niedeck", das "Johreszeitenlied" und "de Schnack hockt im Hus".

Schade, dass nur eine kleine Schar eingefleischter Fans den Weg nach St. Märgen in die Goldene Krone gefunden hat. Der Künstler, das Thema und der Veranstalter hätten eine größere Resonanz verdient. Der tollen Stimmung tat dies allerdings keinen Abbruch. Es war ein Hautnahkonzert. Wir dürfen gespannt sein, was Roland Burkhart in der nächsten Zeit noch alles vertont und ob er mal wieder in St. Märgen auftritt, denn die Premiere im Hochschwarzwald hat ihm bei Freunden gut gefallen.

Autor: Thomas Binder