Im Kraftfeld zwischen Wort und Ton

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Mi, 21. Oktober 2015

St. Peter

Monteverdis ewig junge Marienvesper wurde in der Barockkirche von St. Peter.

ST. PETER. Viel Interessantes konnte man in dem exzellenten und kurzweilig präsentierten Einführungsvortrag des Musikwissenschaftlers Meinrad Walter zur darauf folgenden Aufführung von Monteverdis Marienvesper, einem musikgeschichtlichen Meilenstein, in der Barockkirche von St. Peter erfahren. In der streng festgelegten Form der Vesper habe Monteverdi moderne Linien quasi "hineingeschmuggelt".

Claudio Monteverdi hat sich 1610 mit der Komposition "Vespro della beata virgine", gemeinhin als Marienvesper bekannt, bei Papst Paul V. in Rom für eine Stelle und um einen Studienplatz für seinen Sohn beworben. Durchaus weltliche, wenngleich erfolglose Beweggründe also. Auf dem Fundament der Gregorianik habe er, so Walter, ein gigantisches konzertierendes Werk aus polyphonen Wechselbeziehungen zwischen Solisten und Ensemble aufgebaut und zwischen die vorgeschriebenen Psalmen zusätzlich mehrstimmige Concerti gesetzt. Völlig neu sei auch die Bedeutung der Sprache, die Monteverdi in bis dahin nicht gekanntem Ausmaß direkt in Musik umgesetzt und damit das Kraftfeld zwischen Wort und Ton verändert habe.

Die Schwierigkeit bei alledem: Es existiere keine einmal festgelegte Partitur im eigentlichen Sinne, sondern verschiedene, an der jeweiligen Aufführungspraxis orientierte Zusammenstellungen und die Musikwelt streite sich bis heute, ob die Vesper als Gesamtwerk oder eher als lose Blattsammlung einzuordnen sei. In jedem Fall jedoch stelle sie ein Kompendium der Musik des 16./17. Jahrhunderts dar.

So erwartungsvoll eingestimmt, begab sich die große Zuhörerschar vom Fürstensaal des Geistlichen Zentrums in die Barockkirche. Dann im Konzert, schon bei dem fanfarengleichen Intro, trat die Leidenschaft der weltlichen Musik selbstbewusst in den sakralen Raum. Monteverdi verwendete dafür nämlich dieselbe Ouvertüre wie für seine drei Jahre zuvor fertiggestellte Oper Orfeo.

Schon bei den ersten Klängen wurden die außerordentliche Qualität und das kongeniale Zusammenspiel der beiden beteiligten Musikformationen deutlich. Das neu zusammengestellte Vokalensemble Resonance und die Instrumentalisten von Les Cornets Noirs korrespondierten unter der Leitung von Johannes Tolle vorzüglich. Es war eine echte Gesamtleistung, denn im vielfältigen Wechselspiel von Soloparts, mehrchörigem Gesang und instrumentalen Zwischenspielen wechselten auch ständig die Hauptakteure. Der besondere Reiz: Die Musiker spielten allesamt auf den zu Monteverdis Zeiten üblichen Instrumenten. Neben Violinen vermittelten Gambe, Lirone, Violone, Laute, Orgel, Posaunen mittelalterlicher Prägung und Zinken ein authentisches Klangerlebnis aus dem 17. Jahrhundert. Vor allem die Zinken, eine Mischung aus Trompete und Blockflöte, auf denen die Naturtöne über Mundstück mit den Lippen geformt und durch sechs bis sieben Grifflöcher variiert werden können, sind sonst selten zu hören und verblüfften durch ihre klare Präsenz.

Die in der Marienvesper polyphon statt bis dahin unisono gesungenen Psalmen, die eingeschobenen feurigen Concerti mit Texten aus dem Hohelied der Liebe, die mit ihrem partiell erotischen Inhalt nur mühsam auf bloße Marienverehrung zu reduzieren sind, sowie Raum- und Echoeffekte sind wesentliche, teils radikale Neuerungen in der Kirchenmusik. Zusammengehalten wird das Gesamtwerk durch den alles durchziehenden Cantus firmus des gregorianischen Chorals. Allerdings variiert Monteverdi, denn in der Fürbitte "Sancta Maria ora pro nobis" wird vom Sopran zwar zwölf Mal im Hintergrund dieselbe Melodie gesungen, jedoch jeweils rhythmisch verändert.

Inszenatorische Qualität gewann die Aufführung durch inhaltlich begründete Standortwechsel von Solisten oder Instrumentengruppen. Besonders bei Echo-Effekten, wobei beispielsweise auf die Intonation des Vorsängers im Chorraum die Antwort von der rückwärtigen Hauptorgel aus erfolgte, entstand ein besonderer Raumklang, für den die wunderbare Akustik der Barockkirche ihr Übriges tat.

Die Künstler stellten sich mit ihrem Können in den Dienst der Komposition und verliehen ihr besondere Stärke. Das Publikum dankte mit minutenlangem Beifall im Stehen.