Mengen

Statt Kerzen: Nebeldrache soll Obst vor Frostschäden schützen

Nikola Vogt

Von Nikola Vogt

Fr, 23. März 2018 um 17:58 Uhr

Schallstadt

Die Fotos der Kerzen in den Mengener Obstplantagen gingen 2017 bundesweit durch die Medien. Jetzt testet Obstbautechniker Joel Siegel eine andere Methode gegen den Frost.

Später Frost hatte Ende April 2017 flächendeckend für große Schäden an Obstbäumen gesorgt. Fotos von Kerzen, mit denen Obstbautechniker Joel Siegel seine Plantagen zwischen Mengen und Norsingen vor dem Ärgsten bewahren wollte, gingen bundesweit durch die Presse. Ihr Preis hat sich laut Siegel in der Zwischenzeit verdreifacht. Im Kampf gegen den Frost soll jetzt eine ungarische Erfindung weiterhelfen.

Eine ruhige Nacht sieht anders aus. Im Wechsel mit einem Mitarbeiter war Joel Siegel von zehn Uhr abends bis acht Uhr morgens zwischen zahlreichen Pfirsich- und Aprikosenbäumen im Einsatz. "Zum jetzigen Zeitpunkt können die Pflanzen Temperaturen bis minus drei Grad aushalten", erklärt Siegel. Doch in der Nacht auf Donnerstag zeigte das Thermometer minus 7,8 Grad an. "Da hätten wir keine Pfirsiche und Aprikosen mehr gehabt, ganz sicher nicht", sagt er. Die Blüten mussten geschützt werden.

Nebeldrache pustet Warmluft in die Kaltluft am Boden

Statt mit Kerzen, "die sich preislich nicht mehr darstellen lassen", so Siegel, kam nun das Gerät eines ungarischen Herstellers zum Einsatz. Der "Fog-Dragon" (Nebeldrache). Das Prinzip, das dahinter steckt, ist kein neues. Nebel wird schon lange als Frostschutzmittel im Obstbau eingesetzt, weil er das Absinken von Kaltluft verhindert. "Früher hat man auf dem Feld Reifen verbrannt und rauchen lassen, dann ist man zu Stroh und Heu übergegangen. Und jetzt versucht man es mit Geräten, mit denen man in wenig Zeit eine größere Fläche behandeln kann", erklärt Siegel.

Den "Fog-Dragon" ziehen sie mit einem Traktor durch die Obstbaumreihen. In seinem Inneren werden derweil Materialien wie Stroh oder Holz verbrannt. "Er funktioniert im Prinzip wie ein Holzofen: Unten stelle ich den Zug ein. Zusätzlich zum normalen Ofen wird noch Kaltluft zugeführt, so dass ich die Temperatur steuern kann", erklärt Siegel. "Wir sind kontinuierlich mit 80 Grad gefahren." Im Gerät wird außerdem Wasserdampf zugefügt, der die Warmluft beschwert. Diese Warmluft pustet der Nebeldrache in die Kaltluft am Boden. "Sie vermischt sich und drückt durch die Durchwirbelung die kalte Luft nach oben."

Bei seinem ersten Einsatz in Mengen konnte der Nebeldrache mit diesem Prinzip knapp vier Grad gutmachen. "Das ist für uns schon ein gutes Ergebnis und vergleichbar mit dem, was wir mit den Kerzen machen können", berichtet Siegel. Doch von den Kerzen bräuchte er 200 bis 300 Stück pro Hektar – 20 Hektar muss er abdecken. Eine Kerze koste mittlerweile zwischen zehn und zwölf Euro. Der Nebeldrache 12 500 Euro.

Pflanzen treiben früher aus

"Das lässt sich preislich gut darstellen, vor allem wenn ich eine größere Fläche abdecken kann." Dennoch könne das Gerät nur ein Baustein in Sachen Frostschutz sein. "Man muss überlegen, wo man mit welchen Methoden arbeiten kann. Es gibt keine Lösung, die für alle Flächen gut ist. Jede hat Vor- und Nachteile", sagt der Obstbautechniker.

Doch dass auf Frostschutztechniken zurückgegriffen werden muss, ist klar. In den vergangenen 40 Jahren habe sich der Austrieb der Pflanzen um 13 Tage nach vorne verschoben. "Diese 13 Tage sind Tage, an denen wir mehr Frost zu befürchten haben. Weil die Pflanzen schon weiter sind, aber in dieser Periode eben noch Fröste zu erwarten sind." Das sei früher, als die Winter noch ganz klar abgegrenzt waren, weniger der Fall gewesen. "Da war klar, es ist Winter, es ist kalt. Danach erst beginnt der Austrieb. Nur in Ausnahmefällen gab es danach mal noch Frost."

Die eisigen Bedingungen vergangenen April führten dazu, dass Siegel rund fünf Sechstel seines gesamten Obstertrags verlor. Vielen Landwirten ging es ähnlich. "Jeder hat letztes Jahr riesige Schäden gehabt", sagt er. Dementsprechend ist das Interesse an Frostschutztechniken groß. Vergangene Woche führte der ungarische Erfinder den Nebeldrachen in Siegels Aprikosenplantage vor. Jede Menge Landwirte aus der Region waren gekommen, um sich das Gerät anzuschauen. "Die Rückmeldung der Kollegen war, dass sie es interessant finden und sich den Einsatz auf einigen Flächen vorstellen können", berichtet Siegel. So ein Gerät müsse natürlich in die Struktur eines Betriebs passen. "Es kommt drauf an, ob man größere zusammenhängende Blöcke hat, ob man 30 Hektar bewirtschaftet oder nur fünf." Grundsätzlich sei der Nebeldrache – in einer kleineren Ausführung – auch im Weinbau einsetzbar.

Joel Siegel wird ihn bis Ostern wohl nicht mehr in Einsatz nehmen, weil keine so kalten Temperaturen vorhergesagt sind. Doch Ostern ist am 1. April. 2017 kam der Frost in der Nacht auf den 20.