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07. April 2012

Jubiläum

Auerbachs Kellertheater: Wie vor 25 Jahren alles begann

Auerbachs Kellertheater in Staufen feiert Jubiläum: Vor 25 Jahren eröffnete Eberhard Busch das Privattheater. Als erstes Stück wurde Goethes Faust " gezeigt.

  1. Adel verpflichtet: Foto: Hans Jürgen Kugler

Allwissend bin ich nicht, doch ist mir viel bewusst", sagt Mephisto zu Faust im Studierzimmer. Bewusst sein musste dem Mephisto vor allem, dass vorsichtige Bewegungen angesagt waren. Denn bei der Aufführung von "Faust – Der Tragödie erster Teil", die im April vor 25 Jahren im Keller des damaligen Staufener Goethe-Instituts Premiere feierte, lief der Darsteller ständig Gefahr, sich den Kopf anzustoßen. "Die Decke war ziemlich niedrig", erinnert sich Eberhard Busch amüsiert.

Es war nun nicht gerade der direkte Weg, der den heutigen Leiter, der 1945 in Sachsen-Anhalt geboren wurde, zu Auerbachs Kellertheater nach Staufen führen sollte. Denn eigentlich wollte er an der Musikhochschule Weimar studieren. Doch Probleme mit seinem Handgelenk machten ihm einen Strich durch die Rechnung: Mit dem Geigenspiel war es vorbei.

Busch begann eine Lehre als Schriftsetzer bei einer Weimarer Tageszeitung. Doch auch diesen Beruf sollte er nicht lange ausüben. Zwischenzeitlich nach Stuttgart umgezogen, fand er das Schauspielhaus, das sich seinerzeit im Bau befand, wesentlich spannender. "Dort habe ich mich oft reingeschlichen und gesehen, wie die Bühne entsteht."

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Kurzum. Der spätere Regisseur und Schauspieler hatte Theaterblut geleckt. Er bewarb sich bei der Staatsoper als Statist, durfte gleich dableiben. Busch bekam ein Kostüm in die Hand gedrückt, das ihn in einen Baum verwandeln sollte – und verpasste vor lauter Aufregung seinen Mini-Auftritt im Wald von Macbeth. Was weiter nicht aufgefallen ist. "Meine fünf Mark für den Auftritt habe ich trotzdem bekommen."

Seine nächsten Auftritte liefen besser. Und sie machten ihm so viel Spaß, dass er begann, Schauspielunterricht zu nehmen. Doch da der Mensch nicht alleine von der Kunst leben kann, half er den Darstellern in der Komödie in Marquardt als Souffleur auf die Sprünge, wenn sie den Text vergessen hatten. Dort lernte er unter anderem auch den unvergesslichen Heinz Erhard kennen, "eine Seele von Mensch", wie Busch heute noch schwärmt. Und von Schauspieler Oscar Müller bekam er zwei Mark für ein Eis in die Hand gedrückt.

1965 ging er als Regieassistent nach Bruchsal, nach seiner Zeit bei der Bundeswehr ging’s nach Berlin, "auf die freie Wildbahn", wo kleinere Rollen auf ihn warteten, gefolgt von Engagements in Ingolstadt und Frankfurt. Dort bekam er es als Assistent mit Hans Neuenfels zu tun, der nicht nur inszenierte, sondern zudem rauchte wie ein Schlot. Auch im Theater. Verbotenerweise. Weshalb ihm ein Feuerwehrmann zur Seite gestellt wurde, der den Regisseur mit jeweils einem Eimer und Sand aus Sicherheitsgründen auf Schritt und Tritt begleiten musste.

Busch hatte irgendwann die Launen seines damaligen Chefs satt, kündigte – und hatte Glück im Unglück: Denn am Dortmunder Theater war ein Schauspieler in den Orchestergraben gestürzt. Busch sprang für ihn ein, lernte die Rolle über Nacht. Und blieb, bis ihn das Fernweh packte. Eberhard Busch verlegte seinen Wohnsitz kurzerhand nach Italien, verkaufte Glaswaren auf Wochenmärkten, arbeitete im Sommer auf einem Campingplatz als Diskjockey und an der Rezeption.

"Meine fünf Mark habe
ich trotzdem bekommen."
Eberhard Busch
Doch irgendwann kam sie wieder, die Begeisterung fürs Theater, die ihn dieses Mal nach München führte. Dort traf er zufällig einen alten Bekannten wieder – nämlich jenen Schauspieler, der damals in Dortmund im Orchestergraben gelandet war. Der stellte ihm dieses Mal nicht seine Rolle, sondern seine Wohnung zur Verfügung.

Nach Engagements in Augsburg und Wilhelmshaven landete Eberhard Busch in Wittnau. Mit einem Kollegen und einer Puppe führte er – passend zu seiner neuen Heimat im Schwarzwald – "Das kalte Herz" auf, arbeitete am Wallgraben-Theater zusammen mit Heinz Meier, synchronisierte in Stuttgart japanische Low-Budget-Filme, aber auch 200 Folgen von Popeye, jener berühmten Zeichentrickfigur, die als Vorbild für Kinder büchsenweise Spinat schluckte und vertilgte. "Da war ich alles", erinnert sich Busch, "bis hin zur Ölsardine".

Doch die Idee, ein eigenes Theater aufzumachen, ließ ihn nicht mehr los. Eberhard Busch wurde in dieser Sache beim damaligen Staufener Bürgermeister Graf von Hohenthal vorstellig. Dieser stand der Sache ausgesprochen aufgeschlossen gegenüber. "Wenn’s nichts kostet, ist’s okay", befand der Rathauschef. Der Premiere von "Faust I" im Keller des damaligen Goethe-Instituts stand nichts mehr im Wege. Etwa 50 Zuschauer waren gekommen, "das war gar nicht so schlecht für den Anfang". Viele Aufführungen sollten folgen, denn das kleine Privattheater hatte von Anfang an seine Freunde gefunden.

Insgesamt 100 Stücke hat Eberhard Busch in den vergangenen 25 Jahren auf die Bühne gebracht. Zu den erfolgreichsten Stücken gehörte Max Frischs "Andorra", aber auch das Musikstück "Die Fledermaus". Die hat Busch so gut gefallen, dass er sie am Tag seiner Hochzeit gemeinsam mit seiner Ehefrau Jasmin Islam, ebenfalls fester Bestandteil von Auerbachs Kellertheater, den Gästen vorspielte.

Sei’s als Erbtante, eingebildeter Kranker, despotischer König oder raffgieriger Banker – Busch lässt sich als Schauspieler in kein Klischee einordnen. Seine Lieblingsrolle? Er muss nicht lange überlegen: Peer Gynt, der Bauernsohn, der mit Lügengeschichten versucht, der Realität zu entfliehen.

Und wenn Eberhard Busch auf der Bühne steht, dann mit vollem Einsatz: Mit Fieber gab er den Räuber Hotzenplotz, im Stück "Rose Bernd" hackte er sich versehentlich mit einer Axt so kräftig auf den Daumen, dass er anschließend in der Becker-Klinik landete. Denn auch jemand wie Busch, der schon in so viele Rollen schlüpfte, ist vor kleinen Pannen nicht gefeit. An einen Aussetzer kann er sich noch gut erinnern, beim Ein-Mann-Stück "Der Kontrabass" von Patrick Süskind. "Mir fiel einfach der Text nicht mehr ein." Der Schauspieler gestand’s dem Publikum, holte flugs das entsprechende Buch, las den Text schlicht ab – und war dann so überzeugend, dass die Besucher meinten, das Ganze sei von Anfang an so gedacht gewesen.

Doch Busch ist nicht nur auf, sondern das Allroundtalent ist auch neben, vor und hinter der Bühne gefragt, sei’s beim Kartenverkauf, beim Kulissenbauen oder als Licht- und Tontechniker. Und als Handwerker. Denn das ehemalige Schnapslager der Firma Schladerer, in dem er seit 1989 residiert, hat er selbst renoviert, hat Heizung, Toiletten eingebaut. 100 Leute finden hier Platz.

Egal, ob Komödie oder Tragödie. "Ich möchte intelligentes und kein intellektuelles Theater machen", sagt Busch. Und der Erfolg gibt ihm recht. Seit 25 Jahren.

Zum Jubiläum zeigt Busch ein schon bekanntes Stück. "Der Raub der Sabinerinnen", das er schon mal vor 15 Jahren aufgeführt hat. Dort war auch sein Sohn das erste Mal auf der Bühne zu sehen: als Säugling in einem Korb. "Der Korb ist noch übrig", erzählt Eberhard Busch. Jonathan ist zwischenzeitlich sowohl aus dem Korb als auch der Rolle herausgewachsen. Die Zeit vergeht. Doch der Spaß am Theater, der ist Eberhard Busch bis heute erhalten geblieben.

Autor: Ute Wehrle