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22. November 2010 18:00 Uhr
Interview
Experte zum Risse-Problem: "Es könnte noch zwei Jahre dauern"
Was sagt Ralph Watzel, der Chef des Geologischen Landesamts, über das Risse-Phänomen in Staufen und die Folgen für die Geothermie und Stuttgart 21? Ein Interview.
Das Landesamt für Geologie, eine Abteilung des Regierungspräsidiums Freiburg, hatte keine Probleme für geothermische Bohrungen in Staufen gesehen – und jetzt hilft es mit, die Hebung der Innenstadt zu stoppen. Mit dem Leiter des Landesamts, Ralph Watzel, sprach Wulf Rüskamp.
BZ: Würden Sie aufgrund Ihres heutigen Kenntnisstandes in Staufen nochmals Ja sagen zu geothermischen Bohrungen?
Watzel: Wir als Landesbehörde haben im Lichte dieser neuen Erkenntnisse eine Tiefenbeschränkung ausgesprochen für Bohrungen in einem Untergrund, der quellfähiges Gestein erwarten lässt. Mit dieser Beschränkung kann man jetzt auch in Staufen bohren, aber bei weitem nicht mehr so tief wie 2007 – eben bis zum Erreichen des sogenannten Gipsspiegels.
BZ: Wann kommt die Hebung der Staufener Innenstadt zum Stillstand?
Watzel: Durch die Sicherungsmaßnahmen unter Tage seit einem Jahr ist es gelungen, die Hebungsgeschwindigkeit in der zentralen Zone um ein Drittel zu reduzieren. Rechnet man das in die Zukunft hoch – vorausgesetzt, die Entwicklung hält wie gehabt an –, dann würde es noch zwei Jahre dauern. Aber das ist eine vage Prognose. Ob es so kommt, wird man sehen. Dabei sind mehrere Rahmenbedingungen zu beachten. Wir bringen gerade die zweite Brunnenbohrung nieder, um die Grundwasserentnahme in rund 150 Meter Tiefe besser abzusichern und um auch an Bereiche heranzukommen, bei denen wir nicht genau wissen, ob sie von der bisherigen Grundwasserabsenkung erreicht werden.
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BZ: Könnte es sein, dass die vor der Bohrung dichte Anhydritschicht durch die Ausdehnung aufgebrochen ist, so dass nun eher Wasser eindringen kann?
Watzel: Dies ist theoretisch nicht auszuschließen. Die bisherigen Beobachtungen und Messungen in der Erkundungsbohrung und den noch zugänglichen Erdwärmesonden geben jedoch keinen Hinweis, dass die passiert.
BZ: Welche Folgen hat die Grundwasserabsenkung? Man denkt ja gleich ans Kölner Stadtarchiv, unter dem auf diese Weise ein Loch entstanden war, in das das Gebäude hineingekippt ist.
Watzel: Bei solchen kontinuierlichen Wasserentnahmen beobachten wir genau, was dort unten passiert. Dazu analysieren wir zahlreiche physikalische und chemische Kennwerte des entnommenen Wassers, die uns sehr sicheren Aufschluss geben darüber, was im Untergrund geschieht. Insbesondere die Menge des ausgelösten Materials kann man vertrauenswürdig abschätzen. Nach den Zahlen, die uns bisher vorliegen, ist keine Gefahr zu erkennen.
BZ: Manche fürchten, dass die unterirdische Blase wieder schrumpft – und Staufens Häuser den gleichen Prozess nur umgekehrt durchmachen müssen.
Watzel: Die mineralogische Umwandlung von Anhydrit in Gipskeuper ist nur unter Laborbedingungen rückführbar. Im Untergrund von Staufen wird das nicht passieren.
BZ: Die Hebung bleibt also ...
Watzel: Es gibt noch einen zweiten Aspekt. Der jetzt entstandene Gips ist wiederum wasserlöslich. Käme der mit dem fließenden Grundwasser in ständigen Kontakt, dann könnte er weggelöst werden mit der theoretischen Folge, dass sich Einbruchshohlräume bilden. Aber da haben wir keine Befürchtungen. Denn über die Brunnen können wir die Wasser- und Stoffbewegung im Untergrund kontinuierlich überwachen.
BZ: Hat sich Staufen als Rückschlag für die Geothermie-Nutzung erwiesen?
Watzel: Es gibt einen Rückgang bei den uns gemeldeten Erdwärmebohrungen. Der kann konjunkturelle Gründe haben, aber es kann auch an den Imageproblemen der Geothermie liegen. Ich will nicht ausschließen, dass die Berichterstattung über Staufen dazu beigetragen hat.
BZ: Staufen gilt manchen Kritikern des geplanten unterirdischen Hauptbahnhofs in Stuttgart als Warnsignal. Auch im dortigen Untergrund liegt Anhydrit, der aufquellen könnte.
Watzel: In der Tat werden in der Berichterstattung geothermische Bohrungen mit Tunnelbauten im gleichen Gestein oder ähnlichen geologischen Situationen miteinander verglichen. Hier handelt es sich aber um zwei grundsätzlich unterschiedliche technische Bauweisen, die nicht miteinander verglichen werden können.
- Hintergrund: 50 Millionen – wer soll das bezahlen?
Autor: Wulf Rüskamp
