Gemeinsames Lauschen an der Bahn

Nikola Vogt

Von Nikola Vogt

Fr, 11. September 2015

Staufen

Wie viel Lärm macht die Münstertalbahn? Staatssekretärin Gisela Splett hat sich vor Ort selbst ein Bild gemacht.

STAUFEN. An diesem Vormittag ist es eng im Führerhaus der Münstertalbahn: Auf Einladung der Grünen-Landtagsabgeordneten Bärbl Mielich ist Gisela Splett, Staatssekretärin im Ministerium für Verkehr und Infrastruktur und Lärmschutzbeauftragte der Landesregierung, in den Breisgau gereist. Wegen der anhaltenden Lärmbeschwerden der Anwohner der Bahnstrecke will Splett sich persönlich ein Bild machen – sowohl im Zug als auch an den Gleisen.

"Was ist das jetzt für ein Geräusch?" Bärbl Mielich und Gisela Splett schauen den Herrn am Steuerknüppel der Münstertalbahn auf ihrem Weg von Bad Krozingen nach Staufen fragend an. "Das ist nur ein Signal für mich", entgegnet er und deutet auf das Display vor sich. "Das kommt von hier." Die beiden Politikerinnen sind heute besonders hellhörig. Sie wollen wissen, wovon die Anwohner reden, wenn sie sich über Lärm und Erschütterungen durch die Münstertalbahn beschweren.

Kurz vor dem Bahnhof Staufen Süd passiert der Zug eine der vier sogenannten Schienenkopfkonditionierungsanlagen. "Durch sie wird ein Schmiermittel auf den Schienen verteilt", erklärt SWEG-Vorstand Walter Gerstner, der mit vor ins Führerhaus gerückt ist. Das Mittel soll Kreischgeräusche von Bahnen minimieren. Und damit hat Gerstner auch schon eines der Themen angeschnitten, das an diesem Tag noch größere Beachtung finden soll. Nach der zehnminütigen Bahnfahrt steigen die prominenten Fahrgäste in Staufen aus und treffen auf Bürgermeister Michael Benitz, Tomas Dreßler vom Regierungspräsidium, Thomas Wisser vom Zweckverband Regio-Nahverkehr Freiburg (ZRF), Vertreter der Bürgerinitiative Münstertalbahn (BIM) und der Interessengemeinschaft Staufen 2020 sowie Kreis- und Gemeinderäte. Gemeinsam soll der Streckenabschnitt Staufener Kurve abgegangen werden. Erster Halt: Schienenkopfkonditionierungsanlage.

"Das ist so ein ekelhaftes Quietschen", sagt Peter Reinbold (BIM), "wie von einem Güterzug." Er hält das Schmiermittel für unzureichend in Sachen Lärmbekämpfung und schlägt den kostenlosen Test eines anderen Mittels vor, das sowohl in Nürnberg als auch in Halle erfolgreich im Einsatz sei. Bürgermeister Benitz zeigt sich skeptisch, da das alternative Schmiermittel auf Metall statt auf Graphit basiere. "Da würde ich in Sachen Umweltverträglichkeit erst mal wissen wollen, was da auf die Schienen gebracht wird", so Benitz. Reinbold entgegnet, dass ihm ein Laborbericht zur Umweltverträglichkeit vorliege. Splett meint, dass man an der Frage, ob es ein besseres Schmiermittel gibt, festhalten solle.

Weiterhin lauscht die Gruppe zwei durchfahrenden Zügen. "Da war jetzt nichts", sagt Mielich. Benitz wendet sich an Reinbold: "Das ist aber schlecht für den Vorführeffekt", meint er. Christian Hausmann (BIM) vermutet, dass die Schienen vor dem Besuch der Staatssekretärin extra noch einmal geschmiert und geschliffen worden seien.

Hausmann kommt weiterhin darauf zu sprechen, dass "durchaus noch Luft im Fahrplan" der Münstertalbahn sei, so dass ein langsameres und damit geräuschärmeres Fahren möglich sei. Nun meldet sich auch Thomas Wisser vom ZRF zu Wort: "Im Stundentakt sind Optimierungsmöglichkeiten da, im Halbstundentakt wohl nicht", sagt er. Splett schlägt vor, die fahrplantechnischen Möglichkeiten noch einmal zu überprüfen.

SWEG veröffentlicht

Fragenkatalog

Auch auf die Fahrgastzahlen kommt die Gruppe zu sprechen. "Wir haben zwischen Staufen und Bad Krozingen gegenüber dem Fahrplanjahr 2010 eine Fahrgaststeigerung von über 50 Prozent", berichtet Wisser. "Von den Fahrgastzahlen her ist sie ein Erfolg", sagt er. "Von den Geräuschen noch nicht." Mit dem Thema führt die Runde ihre Diskussion im Kornhaus fort. "Die Zahlen geben uns recht, dass wir auf dem richtigen Weg sind", sagt Benitz. Er spricht von einem klaren Infrastrukturvorteil durch die Bahn.

Christian Hausmann hingegen führt an, dass die genutzten "Talent-2-Züge" nicht zur Münstertalbahn passten. "Denn sie sind in engen Kurven bei 40 und 60 Stundenkilometern mit bis zu 95 Dezibel unterwegs." Seine Forderung: 20 Stundenkilometer in innerörtlichen Kurven, 40 auf innerörtlichen Geraden. "Sie als Politiker sind gefordert, die Regelungslücken bei Geräuschemissionen in Kurven zu schließen", so Hausmann zu Splett.

"Der richtige Fahrzeugtyp ist ein zentrales Thema", sagt auch Benitz. Er schlägt der Staatssekretärin vor, probehalber andere Züge auf der Münstertalstrecke fahren zu lassen, "um zu gucken, ob die besser sind oder nicht". Splett entgegnet, dass der Aufwand viel zu groß sei. "Und selbst wenn ein anderer Zugtyp leiser ist, kann ich diese Forderung nicht in eine Ausschreibung aufnehmen." Auch Wisser nennt den Vorschlag "charmant, aber nicht zielführend". Viel mehr müsse man sich der Erfahrung im europäischen Ausland bedienen.

Bärbl Mielich fasst die Ergebnisse zusammen: Sie verweist darauf, dass die SWEG die Kommunikation verbessern wolle und so jetzt einen Fragenkatalog zur Münstertalbahn auf ihrer Internetseite veröffentlicht habe. Außerdem soll die Reduzierung der Fahrgeschwindigkeit im Stundentakt an neuralgischen Punkten geprüft werden, genauso wie das Schmiermittel. Die Mitglieder der BIM sind enttäuscht: "Insgesamt zeigt sich beim Land keine Bereitschaft, den Lärm der Talent 2 an seiner Wurzel zu packen."