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20. November 2011 15:36 Uhr

Theater AG führt Goethes "Faust" auf

Gleich vier Seelen schlagen in einer Brust

Spannender als ein Krimi: Die Theater AG des Faust-Gymnasiums Staufen bietet eine tolle Inszenierung von Goethes "Faust".

  1. Foto: Hans Jürgen Kugler

  2. Foto: Hans Jürgen Kugler

  3. Foto: Hans Jürgen Kugler

STA’UFEN. "Zwei Seelen schlagen, ach, in meiner Brust." Das ursprüngliche Zitat von Goethe bekommt beim Anblick von gleich vier Protagonisten, die die innere Zerrissenheit des Gelehrten verkörpern, eine völlig neue Bedeutung. Diese originelle Interpretation von Goethes Stück "Faust", aufgeführt von der Theater-AG in der Aula des gleichnamigen Gymnasiums, sollte nicht der einzige gelungene Regieeinfall bei dieser tollen Inszenierung bleiben.

Eindrucksvoll genutzt wird von den Darstellern auch die ganze Bandbreite der Aula, etwa, wenn von hinten zarte Mädchenstimmen als Chor der Erzengel die Welt rühmen, Mephisto jedoch Mensch und Erde schlecht findet. Er wettet mit Gott, er werde auch den Faust verderben. Denn all sein Studieren hat den Gelehrten, dessen widersprüchliche Gefühle von Robert Rauschkolb glaubhaft dargestellt werden, nur noch mehr frustriert. Doch bevor sich der Gelehrte mit einem Gifttrank von der Welt verabschieden kann, hört er Engelsgesang. Ostern steht vor der Tür. Und die Erde hat ihn wieder.

Mit seinem treuen Famulus Wagner (herrlich komisch mit seiner großen Brille: Florian Massing), unternimmt Faust den berühmten Osterspaziergang. Auf der Bühne tummeln sich Musiker, die schwatzende Mädchen mit fetzigen Klängen unterhalten. Die Szene sprudelt vor Lebensfreude; kein Wunder, dass der Gelehrte aufblüht. "Hier bin ich Mensch, hier kann ich sein."

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Doch zurück in seinem Studierzimmer überfällt den Gelehrten wieder die Schwermut, bis ein herzhaftes "Wauwau" aus dem Off einen ganz besonderen Gast ankündigt: Mephisto ist’s, der Faust zu einem teuflischen Pakt verführt. Wer hätte auch diesem wunderbar maliziösem Teufel, temperamentvoll und ausdrucksstark gespielt von Friederike Dörffler, widerstehen können?

Mephisto nimmt Faust mit auf eine wundersame Reise. Zunächst in Auerbachs Keller, der von Leibzig kurzerhand nach Staufen verlegt wurde. Fröhliche Zecher(innen) singen das Badnerlied (?), doch der Gelehrte mag sich nicht daran erfreuen. Nächster Halt: die Hexenküche. Die Bühne wird passend zum Outfit der (H)echsengeister (lasziv und verführerisch: Tabea Wiese, Sophie Lutterbach) in giftgrünes Licht getaucht, Trockeneis wabert aus einem Kessel. Dazu passt der lautstarke Auftritt der Hexe (Alina Busch), die gemeinsam mit Mephisto – geschmeidig und sinnlich und dennoch nicht anstößig – die jugendfreie Zone verlässt und dem Doktor die sinnlichen Freuden schmackhaft machen will.

Doch dann wird aus Faust ein anderer, nachdem er das Gretchen, anrührend gespielt von Franziska Fürst, entdeckt hat – auch äußerlich, denn er wechselt sein Gelehrtengewand mit einem flotten weißen Anzug. Er trägt ihr Arm und Geleit an, Gretchen erliegt seinen Verführungskünsten.Und siehe da: Auch Mephisto (jetzt Benjamin Sallis) hat sich verändert, ist männlich und etwas lauter geworden.

Erfrischend ist die Szene, wenn sich das Liebespaar bei Gretchens Nachbarin Marthe (Felicitas Wühler) trifft. Marthe, soeben frischgebackene Witwe, tändelt derart intensiv und liebestoll mit dem Teufel, dass es selbst Letzterem Angst und Bange wird. Und Lieschen (Helena Philipp), gelingt es beim Wäscheaufhängen glaubhaft, Gretchen Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft einzujagen.

Der Auftritt von Gretchens Bruder (Linus Eppinger) gerät ähnlich actionreich. Nach einem kurzen, aber heftigen Degenkampf haucht er sein Leben aus.

Plötzlich: dumpfe Trommelschläge. Hexen und Skelette legen in der Walpurgisnacht einen diabolischen Tanz hin. Gegen diese gespenstische Szene mutet eine Halloweenparty schon fast wie ein Kindergeburtstag an.

Doch all das kann Faust nicht von seinem schlechten Gewissen ablenken. Er will Gretchen, die zwischenzeitlich wegen Kindsmord im Kerker sitzt, befreien. Auch die letzte Szene gelingt eindrücklich. Gleich vier Gretchen, jeweils kauernd hinter Gitterstäben, wenden sich von dem Gelehrten ab. "Heinrich, mir graut vor dir." "Sie ist gerichtet" triumphiert Mephisto. Doch von der Empore erschallen Stimmen. "Sie ist gerettet."

Was die Theater AG da unter der Regie von Andrea Wiese und Andrea Prager aus Goethes Werk gemacht hat, ist spannender als jeder Krimi. Fausts Suche nach Erleuchtung wird von den 21 Schülerinnen und Schülern atemberaubend dargestellt. Es stimmt einfach alles, angefangen vom Bühnenbild und den Kostümen über die musikalischen Einlagen bis hin zu Mimik und Ausdruckskraft.

Kurzum, die Inszenierung ist teuflisch gut. Und dieses Kompliment gebührt den Protagonisten im vierstimmigen Chor. Mindestens.

Info: Weitere Aufführungen: Donnerstag, 24. November, Freitag, 25. November. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr in der Aula des Faust-Gymnasiums. Vorverkauf: Goethe Buchhandlung Staufen.

Autor: Ute Wehrle