Wertvorstellungen wanken

Ute Wehrle

Von Ute Wehrle

Mo, 19. November 2018

Staufen

Theater AG des Staufener Faust Gymnasiums feierte Premiere mit "Der Besuch der alten Dame".

STAUFEN. Geld allein macht auch nicht glücklich? Das sehen die braven Bürger von Güllen völlig anders. Wie leicht Wertvorstellungen und moralische Bedenken ins Wanken geraten können, wenn der Preis stimmt, zeigten die Mitglieder der Theater AG am Faust-Gymnasium Staufen in der sehenswerten Inszenierung "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt, die am Freitag Premiere feierte.

Das Geratter vorbeifahrender Züge dringt durch die Aula. Doch alle fahren sie vorbei an der ehemals blühenden Kleinstadt, in der Goethe übernachtet erfunden hat. Entsprechend trostlos sieht zunächst das Bühnenbild aus, das von einem grauen Toilettenhäuschen dominiert wird. Davor lungern verhärmte Arbeitslose auf einer Bank, die ihr Schicksal beklagen. Doch das alles soll sich ändern.

Die durch diverse Heiraten reich gewordene Claire Zachanassian (Felicitas Traub) hat ihren Besuch angekündigt. Als junge Frau musste sie unter Schande ihre Heimat verlassen, weil sie ein uneheliches Kind von Alfred Ill (Niclas Kromer) erwartete. Dieser leugnete die Vaterschaft und gewann mit Hilfe bestochener Zeugen den von Claire initiierten Prozess. Eine lässliche Jugendsünde also, die vergeben ist? Weit gefehlt. Denn die alte Dame erweist sich nicht wie erhofft als wohltätige Spenderin, sondern als kühl agierende Rachegöttin, die Gerechtigkeit fordert. Eine Milliarde bietet sie den Bewohnern der Stadt – als Belohnung für Ills Ermordung. "Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell."

Unter der bewährten Regie von Andrea Wiese und Andrea Prager und dank eines großartig spielenden Ensembles wird die Balance zwischen Drama und Groteske wunderbar gehalten. Für Lacher im Publikum sorgen die Nebenrollen, allen voran das händchenhaltende Gespann Koby und Loby (Amelie Ebner und Emma Wiese), die einstigen meineidigen Zeugen, zwischenzeitlich geblendet und kastriert von Claires kaugummikauenden Gangstern. Originell auch der aus Menschen bestehende Wald von Güllen, der, unterbrochen von Kuckucksrufen, Blätterrauschen und dem Klopfen eines Spechts, als griechischer Chor das tragische Geschehen begleitet.

Unter die Haut geht indes die Metamorphose der farblosen Bürger, die nach und nach alle Skrupel über Bord werfen. Der Bürgermeister (Jonathan Wiese) etwa, der zu Beginn noch inbrünstig seine Loyalität zu Ill beteuert und ihn später unverhohlen zum Selbstmord auffordert. Oder der aufrechte Polizist (Kolja Schumann), dessen primitiver Charakter nach und nach zum Vorschein kommt. Zu den wenigen, die zunächst der Verlockung des Geldes widerstehen, zählen der Pfarrer (Theresa Schmökel), der Lehrer (Nico Brunnhuber) und der Arzt (Caroline Wirtz). Doch auch sie werden genauso schwach wie die vielen namenlosen Bürger, von denen immer mehr gelbe Schuhe tragen – als Metapher für die Gier nach schnödem Mammon. Nur einer gewinnt zunehmend an Sympathie und Stärke: Alfred Ill, der sich vom schleimigen Krämer in einen sein Schicksal annehmenden, mutigen Mann verwandelt.

Und Claire Zachanassian? Emotionslos wie eine Gefriertruhe und dennoch von unglaublicher Präsenz beobachtet sie in ihrem knallroten Outfit das Geschehen in Gesellschaft ihrer wechselnden Ehemänner (Franziska Freudig) vom Balkon ihres Hotels. Bis das Tribunal einstimmig das tödliche Urteil über ihren ehemaligen Geliebten fällt.

Obwohl Dürrenmatts Werk vielen bekannt gewesen sein dürfte, hält sich die Spannung bis zum Ende. Der Rachefeldzug der Claire Zachanassian wird zu Recht mit tosendem Applaus frenetischen Beifallsrufen belohnt.

Info: Weitere Vorstellungen am Freitag und Samstag, 23. und 24.November, jeweils um 19.30 Uhr, in der Aula des Faust-Gymnasiums. Eintritt: 8 Euro, ermäßigt vier Euro. Vorverkauf: Goethebuchhandlung
Weitere Mitwirkende: Mareike Thomas (Butler Boby), Toby (Max Dreutler), Roby (Florian Fürst), Frau Ill (Paula Reuss), Tochter Ottilie (Emma Wiese), Sohn Karl und Turner (Tim MacLeod), 1. Bürger (Johanna Ruhnau), 2. Bürger (Wanda Freudig), 3. Bürger (Samira Iyi), 4. Bürger (Tamira Eryener), der Maler (Felix Scherer), 1. Frau (Clara Büchle), 2. Frau (Pauline Gehri), Pfändungsbeamtin (Finja Gaber), Zugführer (Paula Reuss), Presse (Sarah Beuttler), Radio (Lola Gray), Kamera (Mara Busam), Souffleuse (Laetitia Wühler), Maske (Elena Ertle, Tabitah Peters, Mara Busam, Pauline Meier, Mira Schöning, Caitlin Sumner, Anja Turnscheck), Technik (Benjamin Jurina, Timo Wiese, Robbie Sumner), Plakat (Michaela Menzel).