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20. April 2013

"Wir haben einen guten Job gemacht"

BZ-INTERVIEW mit SWEG-Vorstand Walter Gerstner zum baldigen Abschluss der Bauarbeiten an der Münstertalbahn.

  1. SWEG-Vorstandsmitglied Walter Gerstner auf der Baustelle am Bahnhof in Staufen, wo letzte Hand angelegt wird. Foto: Rainer Ruther

SÜDLICHER BREISGAU. Die Arbeiten zur Elektrifizierung und Sanierung der Münstertalbahn gehen dem Ende entgegen. Dennoch wird die SWEG zum Neustart nach der monatelangen Umbaupause zunächst erstmal die alten Diesel-Fahrzeuge einsetzen. Im Gespräch mit Rainer Ruther erläutert Walter Gerstner, Vorstandsmitglied der SWEG, welche Hindernisse es zu überwinden galt, welche Aufgaben noch ausstehen – und warum er dennoch mit diesem Großprojekt zufrieden ist.

BZ: Herr Dr. Gerstner, wann fährt die Münstertalbahn wieder, und in welchem Takt wird sie fahren?
Walter Gerstner: Der Vertrag mit dem Land für Verkehrsleistungen im Münstertal sieht vor, dass wir zum kleinen Fahrplanwechsel am 8./9. Juni den vom Land bestellten Fahrplan fahren – vorerst aber nur mit Diesel-Fahrzeugen. Es wird einen Stundentakt von Bad Krozingen nach Münstertal geben, der wird zu den Hauptverkehrszeiten halbstündlich verdichtet. Manche dieser Verdichterleistungen fahren bis Münstertal; die meisten werden in Staufen enden.

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BZ: Geplant war ja mal, den Halbstundentakt bis Staufen-Süd anzubieten.
Gerstner: Bis Staufen-Süd zu fahren, war ein Wunsch der SWEG und der Region; vor allem Staufen legte Wert darauf, weil so das Schulzentrum optimal angeschlossen wäre. Die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg (NVBW), die die Fahrpläne bestellt, hat diesem Wunsch aus anderen wichtigen Gründen leider nicht entsprechen können.

BZ: Auf absehbare Zeit?
Gerstner: Fahrpläne sind dynamisch, und ich sehe es schon als Chance, dass die Region in konstruktive Diskussionen mit dem Land beziehungsweise der NVBW einsteigen und zu einer Lösung kommen kann.

BZ: Woran liegt es, dass Sie nach Fertigstellung der Strecke nicht gleich mit den Elektrozügen fahren können?
Gerstner: Wir wollten ursprünglich unsere Probefahrten Anfang April beginnen. Durch Verzögerungen im Zulassungsprozess wird das erste Fahrzeug nun voraussichtlich erst am 9. Juli nach Staufen überführt und das zweite Fahrzeug am 15. Juli. Viele Schulungen für Fahrzeugführer und Betriebs- sowie Werkstattpersonal finden aber jetzt schon statt – an baugleichen Fahrzeugen und Anlagen. Wir werden dann ab Ende Juli, während der Ferien, Schulungsfahrten auf unseren Talent-Elektrotriebwagen machen, und wir planen die offizielle Inbetriebnahme des Elektrozug-Betriebs zum Schuljahresbeginn.

BZ: Kann man denn mit Dieselfahrzeugen den Halbstundentakt garantieren?
Gerstner: Ja, die Fahrpläne sind so gestaltet, dass wir sie mit den Fahrzeugen, die bisher eingesetzt waren, einhalten können. Die Dieseltriebwagen der Bauserie RS 1 können auch bis zu 120 km/h fahren – für 80 km/h ist die Strecke ja ertüchtigt worden, so dass wir sicher sind, dass wir den neuen Fahrplan mit den bisher eingesetzten Diesel-Fahrzeugen einhalten können. Dass wir "nur" Diesel fahren können, stört uns auch – das liegt an den sehr langen und komplexen Genehmigungsverfahren. Die Züge stehen ja schon beim Hersteller in Berlin fertig auf dem Gleis, aber es gab offensichtlich noch zwischen Hersteller und Zulassungsbehörde zu klärende Fragen, die nun aber bis zu dem genannten Termin gelöst werden sollen.

BZ: Wie steht es mit der Zuverlässigkeit der Talent-Züge?
Gerstner: Ich habe Informationen, dass diese Züge vom Typ Talent anderswo sehr zuverlässig laufen, und ich habe nicht den Eindruck, dass wir ein Fahrzeug haben werden, das sehr mängelbehaftet ist und das regelmäßig ausfällt. Für uns ist das auch ein Pilotbetrieb – die SWEG beginnt mit der neuen Münstertalbahn ein neues elektrisches Zeitalter. Wir wollen uns damit betrieblich und technisch vorbereiten auf weitere elektrische Leistungen im Zuge der Breisgau-S-Bahn.

BZ: Was schaffen Sie bis zum 9. Juni – und was nicht?
Gerstner: Die Oberleitung ist fertig; sie muss noch unter Strom gesetzt und abgenommen werden. Der Test findet im Juni statt, da braucht man sogenannte Sperrpausen, in denen der gesamte Betrieb auf der Rheintalbahn im Bereich Bad Krozingen für etwa 30 Minuten ruhen muss, weil wir uns dort an das Netz der DB anhängen. Spätestens bis Mitte Mai werden auch die Bahnsteige fertig sein. Die Gleisanlagen werden ebenfalls fertig sein, nicht aber die Bahnübergänge. Die sind noch im Planungs- und Genehmigungsprozess. Die Bahnübergänge müssen deshalb im bisherigen Zustand an die neuen Stellwerksanlagen der Münstertalbahn angeschlossen werden.

BZ: Ist das Geld vom Land für den Bau der Bahnübergänge schon da?
Gerstner: Die Entscheidung des Landes ist getroffen – aktuell kann ich mitteilen, dass die vertraglichen und finanzierungstechnischen Belange der Bahnübergänge durch das Regierungspräsidium sehr schnell angegangen und seit dieser Woche gelöst sind. Die Erneuerung der Bahnübergänge kann nun zügig angegangen und bis voraussichtlich Mitte nächsten Jahres abgeschlossen werden. Hierfür wird aber keine Vollsperrung der Bahnstrecke oder einer Straße notwendig; dies machen wir im wesentlichen "unter dem rollenden Rad".

BZ: Wo werden Sie die Züge warten?
Gerstner: In Staufen werden im Wesentlichen sogenannte Fristarbeiten durchgeführt – das sind kleinere Maßnahmen. Größere Instandhaltungsmaßnahmen werden wir in einer anderen Werkshalle der SWEG oder vielleicht auch der DB durchführen; die Fahrzeuge sollen zum Beispiel in Freiburg gewaschen werden. Wir sind mit der Genehmigung der Betriebshalle Staufen noch nicht wesentlich weitergekommen. Die Planfeststellung soll jetzt aber sehr zügig eingeleitet werden. Wir wissen heute, dass wir in der bestehenden Halle – mit geringfügigen Umbauten – nur ein Fahrzeug hinter geschlossenen Türen abstellen werden. Der Fahrdraht wird in die Halle geführt, ohne das Dach anheben zu müssen. Eine Abstellung des zweiten Fahrzeugs unmittelbar vor der Werkshalle verfolgen wir aus Gründen der Geräuschminderung beim sogenannten Aufrüsten nicht mehr. Lärmintensive Arbeiten wird es in der Halle nicht geben; alle Tätigkeiten der Instandhaltung zu Nachtzeiten finden bei geschlossenen Türen in der Halle statt.

BZ: Wo werden Sie dann das zweite Fahrzeug abstellen?
Gerstner: Es gibt viele Möglichkeiten – Freiburg, Bad Krozingen, Münstertal sind im Planfeststellungsverfahren bereits benannt worden. Ich kann dem Genehmigungsverfahren nicht vorgreifen, aber die SWEG wird sich in diesen Fragen der Planfeststellungsbehörde und ihren Vorgaben unterordnen.

BZ: Das sind ja doch noch einige Unwägbarkeiten, bis der Betrieb reibungslos läuft.
Gerstner: Wir haben in dem letzten Jahr, in dem die Strecke gesperrt war, rund 14 Millionen Euro verbaut. Unsere Mitarbeiter haben dieses für uns große Projekt zeitgerecht und im Kostenrahmen fertiggestellt – was heutzutage nicht selbstverständlich ist. Ich erinnere an das Hochwasser, an den Wintereinbruch und die lange Kälteperiode, da gab es zeitliche Verschiebungen – bei Frost kann man nicht mit Schotter bauen oder Kabel verlegen. Zugestanden, da ist das Eine oder Andere auch mit heißer Nadel gestrickt worden, das sind immer sehr komplexe Baumaßnahmen.

BZ: Wie war die Reaktion der Reisenden während der Umbauzeit?
Gerstner: Der Schienenersatzverkehr war gut geplant und ist präzise gelaufen. Wir hatten sehr wenige Beschwerden. Bei den Baumaßnahmen war bis auf Einzelfälle alles so geplant, dass nur geringfügige und unvermeidliche Störungen der Anwohnern verursachen. Es gab natürlich Probleme, wenn der Baggermotor mal länger an einer Stelle lief oder ein LKW die Straße oder eine Zufahrt blockierte. Wir haben uns angestrengt, unsere Mitarbeiter waren fast immer am Ball. Alles in allem, finde ich, haben wir einen sehr guten Job gemacht und ich danke allen, die hier mit hohem Engagement mitgewirkt haben.

ZUR PERSON: WALTER GERSTNER

Walter Gerstner, promovierter Ingenieur, ist 59 Jahre alt. Er begann seine berufliche Karriere als Bauingenieur. Von Anfang der 80er-Jahre bis 2003 arbeitete er bei der DB Netz und übernahm dann die Geschäftsführung der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg. Seit Oktober 2010 ist er Mitglied im Vorstand der SWEG (Südwestdeutsche Verkehrs-Aktiengesellschaft) mit Sitz in Lahr und der Hohenzollerischen Landesbahn. Ab Mai wird er im SWEG-Vorstand für Betrieb und Technik zuständig sein.  

Autor: rut

Autor: rut