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25. Oktober 2017

Der Ausgrenzung entgegentreten

Bildungs- und Beratungszentrum für Hörgeschädigte in Stegen stellt die Inklusionspädagogik vom Kindergarten bis zum Abitur vor.

  1. Beim Selbstversuch sollen Besucher mit einer künstlichen geschaffenen Hörschädigung einer Unterrichtssituation folgen. Foto: Erich Krieger

STEGEN. Beim Tag der offenen Tür am Sonntag im Bildungs- und Beratungszentrum (BBZ) für Kinder und Jugendliche mit Hörschädigung in Stegen sitzen im neu sanierten Haus 14 fünf interessierte, normal hörende Besucher mit aufgesetzten Gehörschutz-Kopfhörern um einen Tisch. Sie lauschen gespannt den Anweisungen von Elke Knausenberger vom Sonderpädagogischen Dienst des BBZ. Die Lärmschutzkopfhörer reduzieren ihr Hörvermögen um 30 Prozent, was einer moderaten Hörschädigung gleichkommt. Schrittweise soll nach Knausenbergers Vorgaben eine geometrische Figur auf ein Blatt gezeichnet werden. Die Wiederholung bei Nichtverstehen eines Anweisungsschritts ist möglich.

Schon bald werden unterschiedliche Gebilde auf den Blättern sichtbar. Ein Beweis, dass nicht alle immer das Gleiche verstanden haben. Bei der Auswertung hinterher bestätigen alle, dass sie nur durch höchste Konzentration und visuellem "Hängen an den Lippen" der Lehrerin folgen konnten. Riss diese permanente Hochspannung ab und wurde auch nur ein Detail "überhört", lag man schon schief. "Dies ist die Normalsituation eines Kindes mit Hörschädigung im Unterricht", erklärt Elke Knausenberger, die selbst zwei Hörhilfen trägt.

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Diese sinnliche Erfahrung überzeugte die Teilnehmer sofort von der Notwendigkeit, für hörgeschädigte Kinder und Jugendliche geeignete sonderpädagogische und didaktische Maßnahmen und Hilfen einzusetzen. Dies geschieht im BBZ auf allen Ebenen: Vom inklusiven Kindergarten über die Frühpädagogik, Grundschule, Realschule, Werkrealschule bis zum Gymnasium werden fast 300 hörgeschädigte Schülerinnen und Schüler fachpädagogisch betreut. Davon lebt knapp die Hälfte wegen großer Entfernung vom Elternhaus die Woche über im angegliederten Internat.

Die Gäste konnten sich im Informationszelt am Eingang von Schulleiterin Claudia Bärwaldt einen Überblick über das Tagesprogramm geben lassen. Sie war auch in diesem Jahr mit dem Besuch zufrieden: "Am Tag der offenen Tür kommen viele Eltern gezielt von auswärts, um sich über das vielfältige Angebot unserer sonderpädagogischen Einrichtung zu informieren."

Dafür standen auf dem weitläufigen Gelände alle Türen offen und für alle Schultypen und Sondereinrichtungen waren pädagogische Fachkräfte ansprechbar. Wer sich für eine Unterbringung im Internat interessierte, hatte Zutritt zu den Räumlichkeiten. Im naturwissenschaftlichen Zentrum konnte man als Zuhörer einem offenen Physikunterricht folgen und im Kindergarten standen die Erzieherinnen Rede und Antwort – bei Bedarf auch in Gebärdensprache. Beim Sonderpädagogischen Dienst wurden verschiedene Hörhilfen mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen vorgestellt und wer es genau wissen wollte, konnte sich einem Hörtest unterziehen.

Kulinarisches wurde in der Mensa oder auch in Schülercafés angeboten. Letztere füllten mit dem Erlös die Klassenkasse für den nächsten Ausflug auf. Bei vielen, auch nicht unmittelbar betroffenen Besuchern, festigte sich an diesem Sonntag das Bewusstsein, dass Inklusion kein pädagogischer Luxus, sondern nichts weniger als ein Menschenrecht ist.

Autor: Erich Krieger