"Ziemlich angeregte Diskussionen"

Robert Bergmann

Von Robert Bergmann

Di, 12. Dezember 2017

Steinen

BZ-INTERVIEW mit den Steinener Schulsozialarbeitern Jan Funke und Lisa Häffner über politischen Extremismus unter Jugendlichen.

STEINEN. Dass die Schulsozialarbeiter Lisa Häffner und Jan Funke am Schulzentrum wertvolle Arbeit leisten, war kürzlich im Jugend- und Sozialausschuss unbestritten. Neben dem Streitschlichten hat das Schulsozialteam aber noch viele weitere Themen auf dem Schirm, wie sie BZ-Redakteur Robert Bergmann und Praktikantin Lea Rollbühler verrieten. Auch über das Thema politischer oder religiös motivierter Radikalismus wird in den Klassenräumen offen gesprochen.

BZ: Bei Ihrer kürzlich vorgestellten Bilanz haben Sie unter anderem auch eine Umfrage zu rechtsradikalen Vorstellungen von Zehntklässlern erwähnt. Was hatte es damit auf sich?

Häffner: Das war eine Umfrage, die wir von der Bundeszentrale für politische Bildung bekommen haben. Darin wird – natürlich anonym – zum Beispiel abgefragt, wie die Schüler zu einzelnen "Stammtischparolen" stehen. Dazu zählen etwa Sätze wie "Ich möchte nicht in einer Gegend wohnen, in der viele Ausländer leben" oder "Die Deutschen sollten wieder mehr Nationalstolz an den Tag legen".

Funke: Wir haben aber auch gefragt, was die Jugendlichen mit Rechtsextremismus verbinden und für wie gefährlich sie rechtsextreme Gruppen halten. Unser Ziel war es vor allem, mit den jungen Leuten ins Gespräch zu kommen über das, was wir in der Sozialarbeit als "gruppenbezogene Menschlichkeit" bezeichnen. Uns ging es außerdem darum, dass sich die Schüler kritisch mit solchen Aussagen auseinandersetzen.

BZ: Und was ist das Ergebnis?

Funke: Also wir hatten jedes Mal eine ziemlich angeregte Diskussion, genau wie wir uns das vorgestellt haben. Die Klassen, in denen wir die Umfrage machten, sind ja ziemlich durchmischt. Da treffen Schüler mit Migrationshintergrund auf Jugendliche, die hier aufgewachsen sind. Sie können sich also vorstellen, dass da durchaus kontroverse Positionen aufeinanderprallten.

BZ: Und wieweit sind extreme politische Positionen, sei es von links oder von rechts, unter den Schülern und Schülerinnen verbreitet?

Funke: Bei der Auswertung der Fragebögen hat sich gezeigt, dass Klassenräume die Gesellschaft durchaus widerspiegeln. Insofern hat unsere kleine Umfrage natürlich auch Sympathien der Jugendlichen für die eine oder andere aus meiner Sicht problematische Parole im Fragebogen ergeben, die auch unter Erwachsenen zumindest teilweise Zustimmung erntet. Allzu offen werden solche Ideen aber nicht vertreten. Auffällig fand ich, dass bei der Frage nach der Wahlpräferenz die AfD keine größeren Sympathien unter den Jugendlichen genießt. Die Zehntklässler hätten in beiden Klassen diese Partei wohl nicht gewählt. Anders als bei der Bundestagswahl hätten sie der AfD eher den Status einer Splitterpartei verpasst. Andererseits zeigen die Jugendlichen auch keinerlei Sympathien für die Krawalle von Linksradikalen, wie jetzt gerade beim G20-Gipfel in Hamburg.

Häffner: Wir haben ergänzend auch noch gefragt, inwieweit die Schüler übers Internet in Berührung mit fremdenfeindlichen Witzen gekommen sind und ob sie sich bei rechtsextremen Symbolen auskennen. Und festgestellt, dass da doch einige Kenntnisse vorhanden sind.

BZ: Warum ist es Ihnen als Schulsozialarbeiter-Team eigentlich so wichtig, extreme Tendenzen in der Schülerschaft zu erkennen und darüber mit den Jugendlichen dann zu diskutieren?

Funke: Wir sehen es als unsere Aufgabe an, in der Schule Demokratie zu leben und dabei die jungen Menschen auch für die diversen extremistischen Formen zu sensibilisieren. Da geht es nicht nur um die extreme Rechte oder Linke, sondern auch um religiös motivierten Extremismus. All das führt schlussendlich zu dem Phänomen, das wir in der Sozialarbeit als pauschale gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bezeichnen. Da wollen wir am Schulzentrum präventiv tätig sein. Es geht uns wohlgemerkt nicht darum, dass jeden Tag auf dem Schulhof Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Die Kinder und Jugendlichen können sich über ihre unterschiedlichen Vorstellungen gerne mal in die Wolle kriegen. Aber pauschale Herabwürdigungen aufgrund irgendwelcher Merkmale gehen nach meiner Auffassung gar nicht – und zwar weder in der Schule noch anderswo.

Häffner: Das Thema Extremismus beschäftigt uns auch nicht allein über die Diskussionen mit Zehntklässlern. Wir setzen da deutlich früher an, nämlich bereits bei den Siebtklässlern mit dem sogenannten Dunja-Planspiel, Gesprächen über die Weltreligionen im Ethikunterricht und vielem mehr. Bei den noch jüngeren Jahrgängen haben wir das Problem von pauschalen, gruppenbezogenen Abwertungen bislang zum Glück noch nicht, da entstehen die Konflikte eher auf der individuellen Basis. Und auch im Grundschulalter müssen wir längst nicht bei allen Streits intervenieren.