Stellenweise gefährlich

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mi, 13. September 2017

Freiburg

Der neu gestaltete Platz der Alten Synagoge ist für Menschen mit Behinderung nicht optimal – nun wird über mögliche Nachbesserungen diskutiert.

Wie gut lässt sich der neugestaltete Platz der Alten Synagoge von Menschen mit Handicaps nutzen? Die unerwartet auftretende Schwelle nahe des Gedenkbrunnens Richtung Unibibliothek sorgte schnell für Diskussionen – sie ist auch für Menschen ohne Behinderung gefährlich. Mittlerweile sind Pflanzenkübel um die Stolperfalle aufgestellt (die BZ berichtete). Kai Fischer, der früher im Beirat für Menschen mit Behinderung mitgearbeitet hat, kritisiert in einem Brief an die BZ, der gesamte Platz sei ein Problem: Es fehlten optische Kontrastierungen und Orientierungssysteme für blinde und sehbehinderte Menschen.

Was ist gut, was nicht? Daniela Schmid vom Beirat für Menschen mit Behinderung hat für beides Beispiele. Mit ihrer Sehbehinderung schätzt sie unter anderem die Gitter um die Baumscheiben oder am Brunnen, die rechtzeitig vor den Bäumen und vor dem Wasser warnen, aber auch die Bänke mit Rücken- und Armlehnen. Die hebt auch Sarah Baumgart, die städtische Beauftragte für Menschen mit Behinderung, als besonders gelungen hervor. Schade findet Schmid, dass sie sich ohne Begleitung nicht mitten auf den Platz traut. Denn der Belag sei auf dem Zentrum des Platzes zu einheitlich, um sich mit Sehbehinderung orientieren zu können, und so hell, dass sie vor allem bei Sonnenschein viel zu stark geblendet werde. Diese Punkte habe der Beirat in den vergangenen Jahren bei den Planungen immer wieder angesprochen. Es sei dann zu einem Kompromiss gekommen, dem der Beirat zugestimmt hat: Blinde und sehbehinderte Menschen werden durch die – im Vergleich zum hellen Granit auf dem Platz – dunkleren Bordsteine an der Bertoldstraße und der neuen Straßenbahnlinie Richtung Unibibliothek am Rand des Platzes geführt. Blinde können den Weg durch die unterschiedliche Materialstruktur ertasten.

Die städtische Pressesprecherin Eva Amann weist darauf hin, dass dabei wichtige Punkte wie Querungen und Haltestellen ebenso wie Bänke, Bäume und Wasserstellen mitten auf dem Platz besonders gekennzeichnet seien. Blinde und sehbehinderte Menschen würden sicher zum Zentrum des Platzes geleitet, wo sie sich wie in einem Park frei bewegen könnten. Die ausgehandelte Lösung lasse sich unterschiedlich bewerten, findet Sarah Baumgart: Manche Blinde und Sehbehinderte seien wahrscheinlich froh darüber, dass sie sich am Trubel des Platzes vorbei führen lassen können – andere würden sich lieber mit mehr Orientierung mitten auf dem Platz aufhalten. Es gebe generell oft gegensätzliche Anforderungen, auch unter den verschiedenen Gruppen von Menschen mit Handicaps: Bodenbeläge mit unterschiedlichem Belag vor den Wasserfontänen zum Beispiel seien für Sehbehinderte hilfreich, für Menschen mit Gehbehinderungen dagegen mühsam.

Daniela Schmid hat während dieser jahrelangen Diskussionen um die Platzgestaltung einen speziellen Konfliktpunkt erlebt: Die Forderung nach mehr Kontrastierung des hellen Belags auf dem Zentrum des Platzes sei aus "ästhetischen Gründen" von den beteiligten Architekten abgelehnt worden, sagt sie. Die Stadtverwaltung widerspricht: Die Interessen seien unter verschiedenen Gesichtspunkten "mit vielen Beteiligten sorgfältig abgewogen" worden. Wenn alles ideal laufe, gebe es ohnehin keinen Widerspruch zwischen Barrierefreiheit und Ästhetik, sagt Amann. Falls trotzdem solche oder andere Konflikte auftauchen, müsse das jeweils zuständige Fachamt entscheiden.

Mitte September beginnt der Austausch über mögliche Nachbesserungen beim Platz der Alten Synagoge: Da werden Daniela Schmid und Sarah Baumgart zusammen mit städtischen Vertretern einen Rundgang auf dem Platz machen.