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08. Dezember 2017

Anpacken statt spielen war die Devise

Senioren erzählen, dass es einst auf dem Land für Kinder ganz selbstverständlich war, anstehende Arbeiten zu übernehmen.

  1. Fridolin Geng vor seinem Leiterwagen und dem Milchwägeli, beides hat er für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. Foto: Jutta Binner-Schwarz

  2. Mit diesen Geräten waren oft Kinder im Einsatz. Foto: Jutta Binner-Schwarz

STÜHLINGEN. "Wenn mr de Reche verlupft hät, hät mer schaffe müesse", erklärte Fritz Kehl aus Grimmelshofen bei den Recherchen des Schwarzwaldvereins für die Ausstellung "Das Leben ist (k)ein Kinderspiel!". In der Schür am Stadtgraben wurden zum Titel passend die Bereiche Spielen, Lernen und Arbeiten thematisiert.

Um diese Seiten des Kinderlebens lebendig darstellen zu können, fanden im Vorfeld viele Gespräche mit Seniorinnen und Senioren der Region statt. Sie bestätigten alle, dass es auf dem Land ganz selbstverständlich war, dass die Kinder überall mithalfen. Schon früh sollten sie die Tätigkeiten auf dem Feld, im Stall, in Haus und Garten kennenlernen und sich in den entsprechenden Fertigkeiten üben. Der Jahresablauf in der Landwirtschaft bestimmte die Arbeiten, die es auszuführen galt. Auch die Schule richtete sich danach. Die Kinder bekamen Ferien während der Heu-, Getreide und Kartoffelernte, damit sie dort kräftig zupacken konnten. Nicht nur in Grimmelshofen lagen die Felder auf dem Berg. Um sie zu erreichen, musste man ein rechtes Stück zu Fuß gehen. Im Frühjahr bestätigte sich einmal mehr die Behauptung, dass die hiesigen Bauern steinreich seien. Die Steine mussten abgelesen werden. In den Kriegsjahren schwärmten außerdem die Schulkinder aus, um Schädlinge wie Kartoffel- und Maikäfer abzusammeln.

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"D’Muetter hät mir immer öbis zum schaffe gwüsst."

Helene Kaiser
Jungen hatten andere Arbeiten zu verrichten als Mädchen, aber alle hatten nicht viel Freizeit. "Irgendwie warsch immer beschäftigt", berichtete die Stühlingerin Elfriede Groß. Auch Helene Kaiser, ebenfalls aus Stühlingen, bestätigte: "D’Muetter hät mir immer öbis zum schaffe gwüsst." Deren steter Spruch war: "Du gohsch mir it uf’d Gass!" Das Wort der Eltern war Gebot, kaum jemand wagte es, sich zu weigern. Da galt es am Bahndamm erstes Gras für die Hühner zu rupfen, damit die Eier schön gelb wurden, oder irgendwelche Besorgungen zu machen. Trotzdem gab es viele schöne Stunden: "Wenn im Frühjohr im Judewinkel die kleine Geißli cho sind, hät mer it gwüsst, wer meh gumpet isch vor Freud, die selle oder d’Chind", erzählte der frühere Kreisbrandmeister Ernst Kaiser. Hasengras, also Löwenzahn und Bärenklau, wurde überall von den Kindern geholt. Außerdem sammelten die Ärmeren mit dem Handwagen Kuhfladen zum Düngen. Sie suchten auch Bucheckern und brachten sie in die Ölmühle. Wer einen Garten hatte, der hatte auch Beeren. Helene Kaiser erinnert sich noch gut daran, wie sie beim Herstellen von Johannisbeerwein helfen musste. Nach dem Rupfen der Früchte wurden diese in einer Beerenmühle gemahlen und dann vom Vater ausgepresst. Hinterher musste sie die verwendeten Tücher auswaschen. Der Beerenwein wurde mit Wasser vermischt getrunken.

Zur klassischen Kinderarbeit gehörte es, für die Zubereitung des Saufutters täglich eine bestimmte Menge Kartoffeln von ihren Keimen zu befreien. Das geschah stets im feuchten, dunklen Keller, was nicht allen geheuer war. War das Quantum geschafft, wurden die Kartoffeln im Dämpfer gegart und später in der Kartoffelmühle durchgedreht, was schon fast wieder Spaß machte. Das Haltbarmachen von Lebensmitteln war eine wichtige Sache. Die Kinder wurden schon früh mit in diese Arbeit eingebunden. Dies war auch beim Einmachen von Sauerkraut so. Die Mutter oder die ältere Schwester durften das Kraut mit dem Sauerkrauthobel fein hobeln. Anschließend kam es in die vorgesehene Stande und wurde eingesalzen. Dort wurde das Kraut heftig mit dem Sauerkrautstampfer oder sogar mit den Füßen gestampft. Das Drehen von Milchseparator und Butterfass machten ebenfalls oft die Kinder. Nachdem der Vater oder der große Bruder das für den Winter benötigte Holz gespalten hatten, halfen die Kinder der Mutter beim Holzbiegen. Sie waren es auch, die die Holzscheiten aus dem Schopf zum Ofen brachten.

Zur klassischen Kinderarbeit gehörte die Zubereitung

des Saufutters.

Zu den beliebteren Tätigkeiten gehörte der Transport der frisch gemolkenen Milch in die Milchzentrale. Schließlich traf man dort viele Gleichaltrige, die in der gleichen Funktion unterwegs waren. Der Schleitheimer Künstler Hans Russenberger hat diesen Kindern und Jugendlichen in Schlaate mit seiner Skulptur "Laaterewägeli" ein fröhliches Denkmal gesetzt. Dort im Stühlinger Nachbardorf nutzten vor allem die Oberdörfler die abschüssige Straße, um mit möglichst großer Geschwindigkeit, die Deichsel zwischen den Beinen, Richtung Milchhüsli zu steuern. Mit ihrer Waghalsigkeit wollten sie natürlich auch den Mädchen imponieren. Wehe, es ging schief! Dann folgten dem elterlichen Donnerwetter oft auch schmerzhafte Taten. Auch in den Stühlinger Ortsteilen kursieren abenteuerliche Geschichten um "Milchwägeli".

Damit man sich diese gut vorstellen konnte, gab es in der Ausstellung einen stattlichen Leiterwagen mit alten Milchkannen und ein echtes "Milchwägeli". Auch weitere von Kindern verrichtete Arbeiten waren durch die entsprechenden Arbeitsgeräte dargestellt. Dass dies möglich war, verdankte der Schwarzwaldverein zu einem großen Teil Fridolin Geng aus Unterwangen. Dieser sammelt seit vielen Jahren in seiner Scheune Objekte, die von früheren Zeiten berichten. Von jedem kennt er die Funktion und zu vielen weiß er eine ganz spezielle Geschichte zu erzählen. Gerne war er nun bereit, einige seiner Schätze nach Stühlingen auszuleihen. Im Frühjahr können sie dann wieder bei ihm zuhause in seinem kleinen Museum besichtigt werden. Kurzer Blick in die Gegenwart: Auch die Kinder der Grundschule Weizen sind nicht ganz untätig. In einer kleinen Umfrage kam heraus, dass Mädchen und Jungen zumindest einfache Arbeiten im Haushalt verrichten!

Autor: Jutta Binner-Schwarz