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12. Mai 2012 15:49 Uhr

Hochadel

900-Jahr-Feier im Haus Baden

Es ist bloß ein Stück Papier. Aber es hat eine Dynastie begründet: Vor 900 Jahren wurde ein Zähringer erstmals "Markgraf von Baden" genannt – jetzt feierte das Adelshaus seinen Namenstag. Mit dabei: Politik, Kirchen, Hochadel.

  1. Die Gastgeber: Prinzessin Stephanie (M.) und Prinz Bernhard von Baden Foto: dpa

Ein Hofkommunist? Da staunt das Publikum. Dass das Haus Baden eines der liberaleren Fürstenhäuser in Europa war, ist bekannt. Dass es sich aber einen "Hofkommunisten" hielt, ist – bloß ein Versprecher des Redners. Und wird zum Lacherfolg dieses auch sonst gar nicht stocksteifen Vormittags. Eigentlich will Prinz Bernhard (41), Juniorchef des Hauses, in seiner Begrüßung den Hofkomponisten Johann Melchior Molter (1696–1765) loben – Beweis dessen, wie Baden die schönen Künste gefördert hat.

Der Republik hat man den Vortritt gelassen, das schickt sich heute so. Der 27. April, das wäre für Badens Jubiläumsfeierlichkeiten zu nahe am 25. April gewesen, dem 60. Gründungstag Baden-Württembergs. So trifft man sich erst an diesem heißen Tag im Mai in Sichtweite der Burg des alten Hermann.

Karossen- und Prominentenauftrieb

Gegen 11 Uhr kommt es auf dem Theatervorplatz zu einem Karossen- und Prominentenauftrieb, wie er selbst Celebrity-geprüfte Baden-Badener noch beeindrucken kann. Vor allem natürlich Caroline erntet Fan-Zurufe: Die Monegassin ist über ihren Gemahl, den Welfen Ernst Albrecht von Hannover, mit den Badenern verwandt, wie auch Charles, der Prince of Wales – der sich an diesem Tag freilich nicht zeigt.

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Dafür zeigen sich die Württemberger um Herzog Carl; Heinrich Fürst zu Fürstenberg aus Donaueschingen wird mit einem betagten Rolls-Royce vorgefahren, auch Karl Friedrich von Hohenzollern aus Sigmaringen trifft ein, der das dritte der ehemaligen Fürstenhäuser in den Grenzen Baden-Württembergs repräsentiert.

Aus der Zähringerstadt Freiburg ist – neben Oberbürgermeister Dieter Salomon – Erzbischof Robert Zollitsch da, dessen Bistum sich mit dem Territorium des alten Landes Baden deckt. Zollitsch erneuert ein virtuelles Jubiläumsgeschenk: Er verspricht, bei der römischen Kurie die Heiligsprechung eines Badeners voranzutreiben – des seligen Bernhard II., geboren 1428 in Baden-Baden, gestorben in Italien mit 30 Jahren an der Pest, als er versuchte einen Kreuzzug gegen die Türken zu organisieren. Er ist Schutzpatron des Erzbistums. Der Landtagspräsident hat als Jubiläumsgeschenk Komplimente dabei: Das eigentliche Musterland, so der Christdemokrat und gebürtige Oberschwabe Guido Wolf, sei in früheren Zeiten ja Baden gewesen, "neudeutsch formuliert, Benchmark für mustergültiges Regieren mit einer effizienten Verwaltung" und Synonym für moderne Staatskunst. Die Gesichter der Württemberger im Baden-Badener Theater lassen sich, falls so angekommen, die Kränkung nicht anmerken.

Texte des "Nationaldichters" Johan Peter Hebel

Die neue grün-rote Landesregierung nimmt den Ball des Parlamentspräsidenten mit der Staatskunst auf: in Person von Silke Krebs. Die Ministerin im Staatsministerium und Wahlbadenerin aus Freiburg vertritt ihren grünen Ministerpräsidenten. Kretschmann war angekündigt, sagte aber ab, weil er zeitgleich im Berliner Bundesrat die Antisteuerreform-Front der Länder verstärken wollte. Silke Krebs also stimmt ein Loblied auf ein spezielles Mittel der Staatskunst an, für das der Badener gemeinhin verspottet wird: die "badische Lösung". Mögen andere darin den klassischen faulen Mauschelkompromiss erblicken, für die grüne Ministerin ist die badische Lösung nur ein anderes Wort für Dialog, Interessenausgleich, also geschaffen für ihre Bürgerregierung und deren propagierte Politik des Gehörtwerdens.

Statt eines historischen Festvortrags – "der uns möglicherweise alle langweilen würde", so der Erbprinz – gibt es an diesem Vormittag ein Kaleidoskop aus Texten des badischen "Nationaldichters" Johann Peter Hebel, aus Musikstücken, unter anderem des Schulorchesters von Schloss Salem, dem Wohnsitz von Bernhards Familie, und aus historischen Textfragmenten.

Von Mitte Juni an erinnert das Land Baden-Württemberg an die badische seiner beiden Wurzeln mit einer großen Landesausstellung in Karlsruhe.

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Autor: Stefan Hupka