BZ-Porträt

Andreas Stoch - Krisengewinner mit Herzenswärme

Andreas Böhme

Von Andreas Böhme

Mo, 11. April 2016

Südwest

Mit 46 gehört er zu den Jüngeren, er steht aber für alte sozialdemokratische Werte: Andreas Stoch, Chefkandidat der neuen SPD-Landtagsfraktion.

Beliebte Kultusminister? Gibt’s nicht. Oder doch? Wenn 800 Schulleiter nach einer Rede von Andreas Stoch demonstrativ aufstehen und minutenlang Beifall klatschen, muss etwas dran sein an diesem Schulminister. Und wenn Doro Moritz, Chefin der sonst um keine Kritik und kein Gegenkonzept verlegenen Lehrergewerkschaft GEW vom "besten Kultusminister" spricht, den das Land je hatte – kann er nicht alles falsch gemacht haben.

Dabei waren Stochs Startvoraussetzungen in dem Amt, das er jetzt nach der grandios verpatzten Wahl zwangsräumen muss, denkbar schlecht. Die Lehrer waren vor dreieinhalb Jahren von der Landesregierung bitter enttäuscht, die Eltern und Schüler verdrossen, die veröffentlichte Meinung miserabel. Mit so viel Hoffnung hatte der Bildungsbetrieb den Regierungswechsel begleitet, und dann setzte Gabriele Warminski-Leitheußer in wenigen Monaten alles in den Sand; versuchte, politisch unerfahren, unausgegorene Sparvorschläge zu exekutieren.

Als es fast zu spät war, drängten Grüne und Rote sie zum Rückzug. Es war die Stunde Stochs. Der hatte bis dahin eine rasante Karriere hingelegt: Seit 1990 in der Partei, absolvierte er 1997 sein zweites juristisches Staatsexamen, arbeitete als selbständiger Anwalt, rückte 2009 in den Landtag nach, wurde nur zwei Jahre später Parlamentarischer Geschäftsführer, also zweitwichtigster Mann in der Fraktionshierarchie.

In der Analyse gründlich, rhetorisch hoch ambitioniert, pragmatisch und mit großem Fleiß arbeitete er sich erst in die Materie diverser Untersuchungsausschüsse und schließlich tief ein in die Bildungspolitik. Dort empfing man ihn mit Häme: ein Schulminister, der die eigenen vier Kinder auf die Waldorfschule schickt? Traut der dem staatlichen Schulsystem nicht? Doch, er traut. Nur ist die Ehefrau halt Sonderpädagogin in einer Waldorfschule – was spräche dagegen, auch den Nachwuchs hinzuschicken?

Als Stoch in Warminskis elegant ausgestattetes Büro im neunten Stock des damals neu bezogenen Kultusministeriums zog, verbannte er sogleich die teuren Designersessel auf den Flur. Und ließ stattdessen kommen, was die Vorgängerin gar nicht vorgesehen hatte: einen Konferenztisch für ein gutes Dutzend Mitarbeiter. Denn Stoch gilt als Teamspieler: "Ich habe eine Aufgabe immer dann besonders gerne gemacht, wenn ich andere Menschen an meiner Seite hatte."

Strukturiert räumte er Baustellen ab und legte die Fundamente für eine umfassende Schulreform: Einerseits nach sozialdemokratischen Grundsätzen der Chancengleichheit, andererseits pragmatisch orientiert an den demoskopischen Zwängen. Die Kultusbürokratie reagierte erstaunt: Ist ihr doch egal, wer unter ihr Minister ist, geht die Fama.

Bei Stoch, dem zwölften Ressortchef der Landesgeschichte, war’s dann wohl anders: "Entgegen allen Gerüchten ist das Ministerium weder Haifischbecken noch Schlangengrube", bilanziert er zum Ende seiner Amtszeit. Gemeinschaftsschule, regionale Schulentwicklung, neue Bildungspläne und viele ("manche sagen, zu viele") weitere Reformen hat er zumindest so weit vorangetrieben, dass es schwer sein wird, sie zurückzudrehen.

Trotzdem brachte Stoch spürbar Ruhe in den sonst so daueraufgeregten Bildungsbetrieb. Und immerhin so viel Rationalität, dass ein unideologisches Schulpapier des CDU-Abgeordneten Volker Schebesta schon im vergangenen Jahr eine vorsichtige Fortsetzung des Stoch’schen Kurses mit maßvollen Korrekturen empfahl – und die Bildungspolitik hernach nicht mal mehr zum Wahlkampfthema taugte.

Die vielseitige Anerkennung, die jetzt auf den Mann hereinprasselt, kommt allerdings nicht unerwartet: Wer fast 12 000 Lehrerstellen nicht streicht, wie ursprünglich geplant, sondern sogar noch neue schafft, kann sich als König der Lehrerherzen reichlichen Beifalls gewiss sein. Mit der ihm eigenen Selbstironie kommentiert Stoch: "Aber auch einem Schwaben tut ein bisschen Lob gut."

Und nun also eine neue Herausforderung für den gebürtigen Heidenheimer. Die nur noch 19 SPD-Mandatsträger suchen einen neuen Frontmann. "Gestaltende Kraft war die SPD schon in den vergangenen fünf Jahren, aber sie wurde vom Wähler nicht belohnt." Sondern abgestraft mit Mandatsverlust für den bisherigen Fraktionschef Claus Schmiedel.

Stochs Name fiel schon, da steckte die SPD noch mitten im aussichtslosen Wahlkampf. Es ist eine perspektivische Personalie auch im Hinblick auf die nächste Landtagswahl 2021: Der ebenfalls früh genannte Reinhold Gall, als Innenminister nicht weniger angesehen, ist nahezu drei Wahlperioden älter als Stoch, der in fünf Jahren dann glaubhafter als Spitzenkandidat in Erscheinung treten kann. "Es reicht nicht, ein inhaltlich gutes Angebot zu machen, wir müssen die Menschen auch emotional ansprechen, eine SPD muss immer auch Wärme ausstrahlen."

Die, räumt er ein, ging dem Spitzenkandidaten Nils Schmid ab. Gleichwohl wäre es falsch, sagt Stoch, Schmid abzuservieren, zu vielschichtig seien die Ursachen für das Wahldebakel. Und dann müsste vorher "klar sein, wer an diese Stelle tritt. Kopflosigkeit dient niemandem". Zumindest in der kommenden Legislaturperiode wird Stoch als einer der derzeit wichtigsten Köpfe der SPD seinen Platz im Landtag haben.