Auch dem Konkurrent das Beste wünschen

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

So, 13. Mai 2018

Südwest

Der Sonntag Der deutsche Chorwettbewerb macht Freiburg für eine Woche zu einer Hauptstadt des Gesangs.

Otto Schnekenburger
Freiburg ist – auch – eine Chorstadt. Davon zeugt eine Vielzahl guter bis hochkarätiger Gesangskörper. So sehr eine Chorstadt wie in dieser Woche war aber selbst Freiburg noch nie. 5 000 Sänger aus 116 Chören haben beim Deutschen Chorwettbewerb das Bild der Stadt geprägt.

Es erinnert ein wenig an die Ansprache vor einem Fußballmatch. Mit den Sängerinnen und Sängern von Cantamus Gießen hat sich der Autor in die finale Besprechung vor dem Auftritt im Konzerthaus geschlichen und darf jetzt mithören, was Chorleiter Axel Pfeiffer noch zu erzählen hat. "Wenn ihr mal falsch singt, lächelt es einfach weg und macht weiter", sagt der und bekommt dann einen schon beschwörenden Tonfall: "Denkt immer dran, wie lange es dauern kann, bis ihr wieder bei so einer Gelegenheit an so einem Ort wie dem Freiburger Konzerthaus singen dürft." "Bis zum Samstag, beim Konzert der Preisträger", witzelt eine Sängerin. Die nötige Gelöstheit, um auf die Bühne zu gehen, ist jetzt wohl vorhanden.

Nach dem Auftritt wird sich zeigen, dass sich der Ehrgeiz bei Chorleiter Pfeiffer in angenehmen Dimensionen hält, auch über den Lauschangriff sieht er großzügig hinweg. "Wir sind ein ambitionierter Laienchor, an manche Hochkaräter hier können wir nicht heranreichen." Die Jury sei durchaus beeindruckt gewesen, sie habe aber auch ein paar gute Hinweise gegeben, wo seine Gießener noch an sich arbeiten können.

"Freiburg ist ideal für den Chorwettbewerb", meint Jürgen Budday. Er ist Juryvorsitzender und Beiratsvorsitzender des einladenden Deutschen Musikrats eines Dachverbands, der mehr als 14 Millionen Bürger repräsentiert. "Freiburg ist nicht so groß, dass sich alles verläuft, aber groß genug, dass es professionelle Bedingungen bietet", ergänzt er. Alle vier Jahre wird der Chorwettbewerb in einer anderen Stadt ausgetragen. Die Teilnehmer mussten sich auf Landesebene in 13 Kategorien qualifizieren. Die Stadt Freiburg, das Land, Zuschüsse vom Bund und Sponsoring durch Banken halten die Teilnehmergebühr gering, 1,1 Millionen Euro beträgt der Etat.

Drei Freiburger Chöre waren bereits im Mitte der Woche zu Ende gegangenen ersten Teil des Wettbewerbes am Start. Dem John Sheppard Ensemble fehlte wenig zu einem dritten Preis, es bekam bei den gemischten Kammerchören die Einstufung "mit sehr gutem Erfolg teilgenommen". Bei den Vokalensembles erreichte die vierköpfige Formation "Das Herrengedeck" einen dritten Preis, bei "Populäre Chormusik – a capella" schaffte der junge Freiburger Popchor "Twäng!" gar einen zweiten Platz. Adrian Goldner ist mit beiden Chören verbunden, er singt beim "Herrengedeck" und leitet "Twäng!" "Ich bin wahnsinnig zufrieden", freut sich Goldner nicht nur über das gute Abschneiden. "Die letzten Tage waren auch ein super Gelegenheit, andere Chöre kennenzulernen."

Bertrand Gröger gehörte zur Jury, die "Twäng!" mit dem zweiten Platz bedachte. Gröger, Leiter des renommierten Freiburger Jazzchors, hat mit ihm den Wettbewerb schon vor 20 Jahren in Regensburg gewonnen. Sein Chor war beim "Heimspiel" mit einem der Sonderkonzerte am Abend vertreten. "Eine gute Intonation, eine frische Interpretation", lobt er die Lokalmatadoren von "Twäng!". Ihr Problem sei nur noch ein bisschen das Timing.

Gröger wechselt das Thema, kommt auf ein Konzert am Montag im Freiburger Jazzhaus zu sprechen, an dem mehrere Chöre zu Auftritten ohne Wertung auf der Bühne standen. "Es war eine Riesenparty", schwärmt er. "Ganz am Ende haben Hunderte gemeinsam die James-Taylor-Nummer ,The Secret of Live’ gesungen." Die war das Pflichtstück im Wettbewerb, daher hatten das alle drauf.

Solch einen ungeplanten Moment, der vom Chorwettbewerb bleiben wird, gab es am Mittwochabend auch in der Mensa der Wentzinger-Schulen. An der Ecke Breisacher Straße/Berliner Allee war eine 250 Kilogramm schwere Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden. Zu den 1 700 Menschen, die evakuiert werden mussten, gehörte auch der Konzertchor der Pestalozzi-Schule aus München, Wettbewerbsteilnehmer bei den Jugendchören. Von dem spontanen Konzert, das die Schüler dann für die anderen Menschen, die ihre Wohnungen verlassen mussten, gaben, "werden die wohl ihren Enkeln erzählen", ist sich Chorleiterin Andrea Görgner sicher. "Wir waren gerade bei einer letzten Probe im Hotel, als uns ein Mann zur Seite nahm und mitteilte, dass in der Nähe eine Bombe gefunden wurde" erzählt sie. "Für den Wettbewerb war das natürlich nichts, außerdem mussten einige von uns noch einen Tag später ihr Deutsch-Abi schreiben. Aber die Freude der Evakuierten über unser spontanes Konzert hat das gutgemacht."

Im Foyer des Konzerthauses steht eine fröhliche Schar junger Frauen. Der Chor Cantus Domus aus Berlin. Die Stimmung ist gut, weil das Feedback, das sie von der Jury erhielten, zufriedenstellte. "Wir seien sehr fokussiert und sehr leidenschaftlich ", referiert Mareike Bauer das Urteil. Und wie gefällt das Ereignis an sich? "Ich mag diese wohlwollende Stimmung unter allen Teilnehmern, trotz des Wettbewerbes. Wo jeder auch dem Konkurrenten das Beste wünscht. Das ist etwas Chorspezifisches", sagt Berit Langhoff.

Am späten Freitagnachmittag im Forum in Merzhausen ist als letzter Freiburger Teilnehmer der Senior Jazzchor dran. "Dort singen unter Leitung von Julian Knörzer auf hohem Niveau all jene, denen die zahlreichen Konzerte und langen Reisen des ,regulären’ Jazzchores zu beschwerlich sind", hatte Jazzchor-Chef Gröger die Gruppe beschrieben. Die Stimmung, die ohnehin mit jedem Tag zuzunehmen schien, ist wohl auch dank des Heimvorteils jetzt regelrecht am Überkochen. Und unter den 34 Sängern des Chors von Knörzer ist einer, der dies besonders genießen kann. Der Senior im Senior Jazzchor, Franz Nagel, feiert den 92. Geburtstag, bekommt am Ende sein Ständchen auf der Bühne.

"Ich habe mein Leben lang Musik gemacht", erzählt Franz Nagel nach dem Auftritt. "Und vor fünf Jahren habe ich mich noch diesem Chor angeschlossen. Das tut dem alten Kopf ganz gut." "Wichtig am Chorwettbewerb finde ich den qualitativen Sprung, den die Gruppe schon in der Vorbereitung gemacht hat", sagt Chorleiter Julian Knörzer.

Ein wenig Wasser sei doch noch in den Wein gegossen. Und zwar vom Gießener Axel Pfeiffer. "Mir persönlich hat der Chorwettbewerb vor vier Jahren in Weimar oder auch der von Regensburg 1998 besser gefallen", setzt er einen kritischen Akzent. Zu wenig sei für ihn die Freiburger Auflage in der ganzen Stadt spürbar gewesen. "Wir haben zudem vorab ein Schreiben bekommen, auf welchen Plätzen der Stadt wir nicht auftreten dürfen, das war nicht gerade förderlich", findet er.

Wie sehr so ein Wettbewerb tausende Menschen aber zusammenschweißen kann, zeigte sich am gestrigen Vormittag noch einmal im Konzerthaus. Schon im Foyer herrschte beim Eintreffen der vielen zuvor auf diverse Orte verteilten Chöre eine Art Kirchentagsstimmung. Im großen Saal stand dann eine Schar Auserwählter mit Gröger als Chorleiter auf der Bühne, gesungen hat der ganze Saal. Und zwar das "Badnerlied", gedacht als Unterstützung für den SC Freiburg, der am Nachmittag sein für den Klassenerhalt wichtiges letztes Punktspiel gegen den FC Augsburg hatte. "Fernsehkameras sind da, der Auftritt soll vor dem Anpfiff auf der Leinwand im Stadion zu sehen sein", verspricht Gröger. Textblätter werden verteilt, Minuten später singen Brandenburger, Hessen und Bayern gemeinsam mit Inbrunst die badische Hymne. Sogar noch lauter wird es bei der Preisverleihung, insbesondere als die besten bei den Mädchenchören und den gemischten Jugendchören bekannt gegeben werden. Um die Sängerinnen aus Dortmund musste man gar Sorge tragen, dass sie im Freudentaumel nicht von der Empore fielen, als ihr erster Platz feststeht. Und doch: Auffällig war auch hier, dass alle unterlegenen Konkurrenten in den Applaus einstimmten, wenn die Jury eine herausragende Leistung feststellte. Oder, mit den Worten von Julian Knörzer: "Es ist weniger ein Wettbewerb, der da stattfindet. Es ist eher ein Fest."