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22. Februar 2014

... mit Hanna Lehmann, die seit 20 Jahren das Freiburger Solarhaus Heliotrop bewohnt und der Sonne folgt

AUF EINE RUNDE...: Einfach abgedreht, dieses Haus

  1. Das Drehsolarhaus Heliotrop Foto: Thomas Kunz

  2. Lehmann Foto: Bamberger

"Die ganze Welt dreht sich um mich, denn ich bin nur ein ..." Nein, kein Egoist – ein Heliotrop. Das Lied von Falco passt zum Freiburger Ausnahme-Solarhaus. Denn tatsächlich dreht sich das Heliotrop um die eigene Achse, um dem Sonnenstand zu folgen. Das zylinderförmige Experimentiergebäude, das von Architekt Rolf Disch geplant und 1994 von ihm und seiner Frau Hanna Lehmann bezogen wurde, spart Energie, wo es nur kann. Gebaut in einer Zeit, in der Nachhaltigkeit noch nicht zum Common Sense gehörte, stellte das Heliotrop einen kleinen Skandal dar. Selbst jetzt, 20 Jahre später, strahlt der Bau noch etwas Visionäres aus. BZ-Redakteurin Nadine Zeller durfte sich mitdrehen.

"Das Schlafzimmer ist tabu", sagt Hanna Lehmann. Wobei – so richtig tabu dann auch wieder nicht. Nur eine Glastür schützt den Raum. Dennoch: Die Besucher seien zwar neugierig, aber das habe sie im Griff. Man glaubt es ihr sofort. Die 61-jährige Studienleiterin an der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg führt seit 20 Jahren fremde Menschen aus der ganzen Welt durch ihre Wohnung. Sie bestimmt, wo’s langgeht. Behände steigt sie die Treppe hinauf, die sich spiralförmig um die Achse des Hauses legt. Rechts greift die Hand nach dem Treppengeländer, links gehen die Zimmer ab. Sie sind versetzt angeordnet. Das Wohnzimmer liegt einen halben Meter höher als die Küche. Die Stufen und Winkel lassen das Haus dynamisch wirken. So stellt sich der Laie das Innere einer Rakete vor. Wären da nicht die Sonnenstrahlen, die durch die Fensterfronten hereinfluteten.

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Oft wollen die Besucher von Hanna Lehmann wissen, ob es ihr nicht schwindlig wird – in einem Haus, das sich ständig dreht? Vor allem Kinder interessiere diese Frage brennend. "Die stellen sich das als Karussell vor und sind dann enttäuscht, wenn sie nicht sofort an der Fensterscheibe kleben – vor lauter Fliehkraft." Doch das Haus dreht sich sehr langsam – der Sonne folgend.

Architekturstudenten, Ingenieure, Gemeinderäte, Schulklassen und Touristen aus aller Welt hat Hanna Lehmann durch ihre Wohnung geführt. Das Interesse ist ungebrochen. Rund 15 000 Menschen haben einen Blick in Küche, Wohnzimmer und Bad geworfen. Haben ihre Toilette benutzt, Vasen hochgehoben, ihre Einrichtung kommentiert und private Briefe oder Rechnungsschreiben in die Hand genommen. "Die können Sie gerne zahlen, wenn sie wollen", sagt Hanna Lehmann in solchen Momenten. Rasch legen die Besucher dann die Sachen wieder zurück an ihren Platz. "Meine Lieblingsbesucher sind junge Menschen. Die sind offen und wollen selbst aktiv werden", erzählt sie. Jetzt, da die Energiewende stocke, müssten alle ihren Beitrag leisten, findet Lehmann.

Anfangs führte ein Physiker die Besucher durch das Haus. Dann hat sie die Sache selbst in die Hand genommen. "Das fühlte sich besser an. Nicht so passiv", sagt Lehmann. Werktags arbeitet sie an der Katholischen Akademie und einmal pro Woche macht sie eine Führung. Mehr als 20 Besucher nimmt sie dabei nicht an. "Die habe ich im Blick."

Die Besucher hinterlassen Spuren. Anfangs hat sie versucht, des Schmutzes der Straßenschuhe Herr zu werden. "Wir haben damals herumexperimentiert mit Plastiktüten für die Füße und Filzschlappen. Doch das taugt alles nichts, viel zu rutschig", sagt Lehmann. Also blieb es bei den Straßenschuhen. Nur sauber müssen sie sein. Da ist sie streng. Bis vor wenigen Monaten hat sie das Haus selbst geputzt. Sie kennt es in- und auswendig.

Einmal hat ein Kameramann sein Stativ an den Eingang gelehnt. Als er nach den Dreharbeiten zurückkam, war es halb so groß. "Der hatte vergessen, dass sich das Haus dreht. Das Stativ ist schlicht zerquetscht worden", sagt sie. Die Nachbarn, die im "Bannkreis" des Hauses wohnen, sind auch einiges gewohnt: Von Kamerateams, die fröhlich durch die Maiglöckchen im Garten stiefelten bis zu Klingelstürmen, mit der Bitte um ein Foto vom Nachbarbalkon aus, sei alles dabei. "Wir verstehen uns aber sehr gut", sagt Lehmann. Das sagt sie sehr überzeugend.

Sie selbst kennt das Phänomen des unangekündigten Besuches natürlich auch. "Da laufen sie unbedarft die Treppe runter und stehen plötzlich in einer Studentengruppe mitsamt Architekturprofessor, der gerade einen Vortrag hält." Die Gefahr, dass das Gebäude zum Allgemeingut erklärt werde, bestehe schon. Ihr helfe ihre direkte Art, wenn es darum gehe, Grenzen zu ziehen. Spontanführungen habe sie dennoch schon gemacht.

Was macht ihr, wenn ihr alt seid? Wo wollt ihr wohnen? Das ist die zweithäufigste Frage, die Hanna Lehmann gestellt bekommt. Rund 170 Stufen rauf und runter – das sei doch kaum zu schaffen. Lehmann zuckt mit den Schultern. Es sei ihr tägliches Fitnesstraining – das Auf und Ab. Manchmal frage sie sich, wo die Abenteuerlust der Menschen geblieben sei. Was die Offenheit betrifft, hätten die Menschen allerdings dazugelernt. Früher kamen die ersten Verwunderungsbekundungen meist schon im wendelförmigen Treppenaufgang. Die offenen Zuleitungen, die im Treppenhaus verlegt sind, seien vielen Besuchern ein Dorn im Auge gewesen, so Lehmann. Ob man das nicht verkleiden könne, mit Holz beispielsweise. Das würde doch viel schöner aussehen. "Mittlerweile können die Menschen dem Rohen eine eigene Ästhetik abgewinnen", sagt Lehmann. Sie und ihr Mann Rolf Disch bekommen auch kreativen Input – zum Beispiel von den Kindern. "Die fertigen gern mal Zeichnungen an, in denen sie uns vorschlagen, wie das Haus besser funktionieren könnte." Oft begännen die Briefe mit den Worten. "Lieber Herr Disch, ich habe da eine Idee ..." Das Haus bewegt nicht nur sich, sondern auch andere.

Autor: fs