10. November 2009 01:05 Uhr

Handschrift

Ausverkauf im Fürstenhaus

Das Adelshaus Waldburg-Wolfegg will sich erneut von Kunstwerken trennen. Anders als 2008 soll das Land diesmal nicht übergangen werden. Deshalb wird seit geraumer Zeit über Gemälde und Handschriften im Millionenwert verhandelt.

Wenn sich das Kabinett heute mit dieser Frage befasst, dürfte die Aufregung um eine angeblich bereits verkaufte Handschrift aus dem 15. Jahrhundert gering blieben – Johannes Fürst von Waldburg-Wolfegg hat gestern mitgeteilt, das Buch könne jederzeit besichtigt werden.

Titelblatt des 2008 nach Bayern verkauften Hausbuch | Foto: dpa
Offensichtlich haben das Wissenschaftsministerium und das oberschwäbische Fürstenhaus aus den Querelen vor zwei Jahren gelernt. Damals hatte Johannes Fürst von Waldburg-Wolfegg das mittelalterliche Hausbuch, eine einmalige Darstellung adeligen Alltagslebens, für angeblich 20 Millionen Euro nach Bayern verkauft.

Die Denkmalbehörde war zuvor nicht eingeschaltet worden, obwohl dies nach Ansicht des auch für Kunst zuständigen Wissenschaftsministeriums hätte geschehen müssen. Denn es gab ein Vorkaufsrecht des Landes. Der Fürst bestreitet indes all diese Rechtsansprüche.

Trotzdem hat er sich vor einiger Zeit auf Gespräche mit dem Land eingelassen, in denen es um den Verkauf weiterer Teile des Kunstbesitzes seines Hauses geht. Darunter auch um die aus dem Jahr 1468 stammende Handschrift "Ptolomaeus Cosmographia", ein frühes kartographisches Handbuch. Weil die Württembergische Landesbibliothek ein ähnliches Werk besitzt, will das Land aber auf den Erwerb dieses Objekts verzichten.

Da es auf der Liste des national wertvollen Kulturguts steht, darf das Buch auch nicht ohne weiteres außer Landes. Dass er das trotzdem schaffen kann, hat Waldburg-Wolfegg schon einmal bewiesen: 2001 verkaufte er die Weltkarte des Freiburger Kartographen Martin Waldmüllers, die erstmals den Namen "Amerika" für den neu entdeckten Kontinent verwendet, an die US-Kongressbibliothek.

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Diesmal aber, so sagt der Sprecher des Wissenschaftsministeriums, werde alles auf eine einvernehmliche, für beide Seiten zufriedenstellende Lösung hinauslaufen. Zu klären ist – neben der der "Cosmographia" – die Zukunft von vier weiteren Kunstwerken aus Waldburg-Wolfegg’schem Besitz. So sollen zwei spätgotische Altartafeln, die Hans Multscher und dessen Werkstatt zugeschrieben werden, im Ulmer Museum bleiben; die beiden Gemälde, die die Kreuzprobe der heiligen Helena und die Kreuztragung des Kaisers Heraklios zeigen, sind mit 350 000 Euro veranschlagt, für die das Land angeblich einen Sponsor gefunden hat.

Das Zehnfache will das Adelshaus für den sogenannten kleinen Klebeband haben, in dem rund 100 Zeichnungen aus dem 15. Jahrhundert mit Porträts sowie höfischen und religiösen Motiven zusammengefasst sind. Für das Land ist das, wie verlautet, zu viel Geld. So muss ein anderer Käufer gesucht werden. Auch das letzte Kunstobjekt ist im Verzeichnis des national wertvollen Kulturguts aufgeführt, das im frühen 16. Jahrhundert verfasste Gebetbuch des "Bauernjörg".

Das Kabinett will heute nicht nur darüber beraten, was mit den fünf Kunstwerken geschehen soll. Ihm liegt auch ein Vorschlag vor, wie es generell reagieren soll, wenn derart wertvolle Kunstgegenstände aus dem Land angeboten werden – was angesichts des unter Geldnöten leidenden Adels immer häufiger der Fall ist. Das Wissenschaftsministerium warnt aber vor allzu hohen Erwartungen: "Alles können wir nicht kaufen."  

Autor: Wulf Rüskamp



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