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02. Oktober 2016 12:28 Uhr

Schwarzwald

Bauernverband will Ansiedlung des Wolfs verhindern

Die badischen Bauern sind besorgt wegen des Wolfs. Sie fordern, die Ansiedlung des Raubtiers im Schwarzwald und seiner Umgebung zu verhindern. Die Politik in Stuttgart sowie Naturschützer reagieren überrascht.

  1. Gilt als Gefahr für die Weidehaltung: der Wolf, dessen Auftauchen im Schwarzwald bevorsteht. FOTO: DPA Foto: dpa

Bei den badischen Bauern geht die Angst um: vor dem Wolf. Ihr Verband fordert, eine Einwanderung des Raubtieres in den Raum zwischen Bodensee und Odenwald zu verhindern. Tatsächlich steht der Wolf vor den Pforten des Schwarzwalds, an einem Kompromiss zwischen Viehzucht und Artenschutz wird gebastelt.

"Der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband fordert von Politik und Gesellschaft, von einer Willkommenskultur für Wölfe Abstand und die Sorgen der betroffenen Landwirte ernst zu nehmen sowie bei wiederholten Angriffen von Wölfen auf Nutztierherden unbürokratisch die Entnahme dieser Wölfe aus der Natur zu erlauben." So steht es wortwörtlich in einer Stellungnahme des Verbandes – als Resultat einer Sitzung seines Ausschusses vor wenigen Tagen in Durbach.

Strikte Ablehnung erzeugt Irritationen

Diese drastisch ausgedrückte strikte Ablehnung gegen ein Heimischwerden des Wolfes in der Region hat die baden-württembergischen Ministerien für Umweltschutz und den ländlichen Raum sowie Naturschutzverbände im Land überrascht. Denn der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband (BLHV) mit Sitz in Freiburg nimmt regelmäßig an den Treffen der baden-württembergischen "Wolf-und-Luchs-AG" teil, die sich seit Jahren den Kopf darüber zerbricht, unter welchen Bedingungen diese Tiere im Lande wieder heimisch werden können. Die Politik in Stuttgart, Naturschützer und Experten waren bislang davon ausgegangen, dass mit den Viehzüchtern und Waldbesitzern ein Kompromiss gefunden werden kann, sollten sich Wölfe in Schwarzwald und Umgebung niederlassen.

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Dass der Wolf in unsere unmittelbare Gegend kommt, gilt nahezu als sicher. Laut dem Naturschutzbund (Nabu) leben derzeit mindestens 46 Rudel sowie 15 Wolfspaare in Deutschland, während nur eines Jahres soll die Zahl der Wölfe um 22 Prozent zugenommen haben. In Niedersachsen und Bayern, vor allem in Brandenburg und Sachsen, ist der Wolf längst heimisch geworden. Zwei tot aufgefundene Wölfe – einer bei Lahr – sowie ein lebend gesichteter auf der Baar lassen keinen Zweifel zu: Isegrim kommt näher.

"Die Ortenau wartet auf den Wolf"

Unlängst berichtete das Offenburger Tageblatt von einem Wolfsrudel, das im Elsass die Vogesen durchstreift, und titelte: "Die Ortenau wartet auf den Wolf". Für Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller ist dies eine gute Nachricht, denn sein Verband verfolgt das Ziel, "neuen Wolfsbeständen in weiteren Bundesländern den Weg zu ebnen". Dies entspricht auch der baden-württembergischen Politik, in Stuttgarter Ministerien gilt der Grundsatz: "Der Wolf ist uns willkommen.""Würde Baden-Württemberg ein Lebensraum für Wölfe, wäre dieses das Aus für die Weidehaltung", entgegnet nun BLHV-Präsident Werner Räpple.

Die Argumentation seines Verbandes stützt sich auf die Annahme, dass Weidevieh im Schwarzwald gegen Wolfsangriffe nicht geschützt werden könne. Der Bau wolfssicherer Zäune sei auf Schwarzwaldhängen unrealistisch, außerdem zu teuer – genauso wie die Beschaffung der die Wölfe abschreckenden Herdenschutzhunde. Michael Nödl, Justiziar beim BLHV, beklagt die harte Linie der Naturschützer in Sachen Artenschutz: "Käme der Wolf nach Baden-Württemberg und dürfte wie in manchen EU-Ländern – Spanien und Slowakei – gejagt werden, würde sich bei ihm der Lerneffekt einstellen: Das Reißen von Viehherden ist höchst gefährlich."

Allerdings: Das Jagen der Wölfe ist mit dem Artenschutz unvereinbar, mit solchen Forderungen beißt der BLHV bei Politik und Naturschützern auf Granit. Regelmäßig beklagen diese öffentlichkeitswirksam, dass während der vergangenen Jahre in Deutschland mindestens 20 Wölfe auf skandalöse Weise illegal getötet wurden.

Verständnis für die Sorgen der Bauern

Allerdings reagieren alle unmittelbar Beteiligten auf die harschen BLHV-Forderungen mit auffallend versöhnlichen Kommentaren. Der Freiburger Wildbiologe Micha Herdtfelder, der bei der baden-württembergischen Versuchs- und Forschungsanstalt für Wolfmonitoring zuständig ist, sagt, für die Sorgen der Bauern sei Verständnis aufzubringen: "Zum Wolf muss noch mehr Aufklärung geleistet werden, um am Ende einen guten Kompromiss zu finden." Jürgen Wippel, Pressereferent im Stuttgarter Ministerium für Ländlichen Raum, versichert, sein Haus nehme die "Sorgen der Bauern sehr ernst und halte die Viehzucht im Schwarzwald für enorm wichtig". Andre Baumann, Staatssekretär im Umweltministerium, betont, trotz des klaren Bekenntnisses des Landes zur Artenvielfalt und zur Rückkehr des Wolfes werde es in Baden-Württemberg nie zu einer "aktiven Ansiedlung" kommen: "Es ist vielmehr unsere Aufgabe, die Schäferei auf die Wölfe, die eventuell auf natürliche Art und Weise ins Land einziehen, vorzubereiten."

Seit geraumer Zeit wird – finanziert vom Umweltministerium – an einem Projekt gearbeitet, das Nabu und der Schafzuchtverband bestreiten, um geeignete Schutzmaßnahmen zugunsten der Weidehaltung und gegen den Wolf zu finden. Baumann: "Wenn es mal wirklich einen Problemwolf bei uns geben sollte, der Nutztiere reißt, so ist als Ultima Ratio seine Entnahme aus der Natur auch bei geltendem Recht möglich."

Der Waldkircher Lehrer Michael Glock, Mitglied einer Nabu-Task-Force zum Thema Wolf, versucht die BLHV-Mitglieder mit Erkenntnissen aus dem Wolfsland schlechthin, Sachsen, zu beschwichtigen: "Die Zäune halten dort die Wölfe von den Tieren ab. Ein Schafzüchter hat berichtet, dass das Wolfsrudel in seiner Umgebung sogar der wichtigste Schutz für seine Tiere sei, weil sie ihr Revier gegen andere Wölfe verteidigen und somit auch seine Herde."

In Freiburg vernimmt man dies beim BLHV mit Skepsis: "Ein Vergleich mit Sachsen hinkt", sagt Michael Nödl, "denn im Schwarzwald gibt es keine großen Herden, sondern kleinteilige Strukturen der Weidehaltung. Hier ist der Schutz viel komplizierter."

Mehr zum Thema: Dieser Artikel ist am 2. Oktober in "Der Sonntag" erschienen

Autor: Toni Nachbar (Der Sonntag)