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22. Oktober 2010 17:26 Uhr

Erzdiözese Freiburg

Bistum nennt Missbrauchszahlen: 110 Anzeigen

Die Erzdiözese reagiert auf die neuen Leitlinien der Bischofskonferenz. Der Missbrauchsbeauftragte soll künftig nicht mehr der Leitungsebene angehören. Der bisher zuständige Domkapitular Eugen Maier zog eine vorläufige Bilanz seiner Arbeit.

  1. Domkapitular Eugen Maier dient der Diözese seit 2002 als Beauftragter für Fälle sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen. Foto: Erzbischöfliches Presseamt

Die Erzdiözese Freiburg reagiert auf die veränderten Anti-Missbrauchs-Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz: Der Beauftragte für Fälle sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen soll künftig nicht mehr der Leitungsebene angehören, sondern extern sein. Der bisherige Zuständige, Domkapitular Eugen Maier, zog am Donnerstag in der Katholischen Akademie Freiburg eine vorläufige Bilanz seiner Tätigkeit.

Maier betreut das Thema im Ordinariat seit 2002, als die Diözese als Reaktion auf die Erstfassung der Leitlinien entsprechende Strukturen aufbaute. Die Zahlen, die er nun nannte, bat er, "mit der gebotenen Vorsicht" zu verstehen; es seien noch nicht alle Fälle abschließend bearbeitet.

Über den Zeitraum von 1950 bis heute lägen etwa 110 Anzeigen vor. Diese richteten sich in der Zeit bis 2000 fast ausschließlich gegen Priester; danach sei das Verhältnis zwischen Geistlichen und pastoralen Mitarbeitern bei den Beschuldigten etwa ausgeglichen. Das Ordinariat geht von mehr als den bekannten Opfern aus. Die Täter waren ausschließlich männlich, "mit einer einzigen Ausnahme".

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Es habe so gut wie keine unbegründeten Anzeigen gegeben. Unter den Opfern waren auch solche, deren Missbrauch nicht innerhalb der Erzdiözese Freiburg stattgefunden hat. "Wir haben das trotzdem aufgenommen und bearbeitet, weil es für Opfer sehr schwierig ist, ,Wir sind nicht zuständig‘ gesagt zu bekommen", berichtete Maier.

Zusätzlich zu den genannten Fällen erwähnte der Domkapitular 30 weitere Anzeigen, die sich auf Heime bezogen. Ihnen lagen meist Ereignisse aus der Nachkriegszeit zugrunde: vor allem entwürdigende pädagogische Maßnahmen, aber auch sexueller Missbrauch. Die Grenzen seien oft fließend. Hier wurden auch mehr Frauen zu Tätern.

Die Erheblichkeit der Übergriffe sei bei kirchlichen Tätern im Schnitt nicht so schwer wie in anderen Kontexten. Maier betonte aber, dass die Schwere eines Missbrauchs keine Rückschlüsse auf die seelischen Verletzungen zulasse, die das Opfer dabei erleide. Die neuen Leitlinien erfassen ausdrücklich auch Fälle, die unterhalb einer strafrechtlich relevanten Schwelle liegen.

Betroffen waren überwiegend ältere männliche Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis 17 Jahren. Seit Bekanntwerden des Missbrauchsskandals im Frühjahr kooperiert das Ordinariat mit den unabhängigen Opferhilfevereinen Wendepunkt und Wildwasser. "Dafür bin ich sehr dankbar, intern könnten wir das gar nicht bewältigen." Man habe sich um eine möglichst genaue Aufarbeitung der Fälle bemüht und ebenso um eine angemessene Unterstützung der betroffenen Menschen. In der Kirche werde viel von Tätern gesprochen, aber zu wenig von den Opfern. Maier streifte mehrere Aspekte, die aus Sicht der Betroffenen wichtig seien: Die Erfahrung der Tat und des Täters; die Erfahrung mit der Institution Kirche; das Nicht-Sprechen-Können; die Erfahrung der Folgen in der eigenen Biografie. "Das Allerwichtigste ist", das habe er gelernt: "Wahrzunehmen, wahrzunehmen, wahrzunehmen – was die Opfer erlebt haben und wie es ihnen heute als erwachsene Menschen geht. Es geht hier nicht um weit zurückliegende Dinge aus der Vergangenheit, sondern es geht um aktuelle Not." Essenziell sei zudem eine klare Anerkennung der Tat und ihrer Folgen, die er nach Gesprächen auch schriftlich zu leisten versuche.

Zur Täterpsychologie sagte Maier, dass die sexuelle Komponente meist nicht dominant gewesen sei. "Die Täter waren eher der regressive Typ: Es ging um die Sicherung des eigenen Machtbewusstseins." Vereinsamungsängste seien ebenfalls "ein Problem, auf das ich immer wieder gestoßen bin". Aber Maier nannte auch Fälle "extremer sexueller Unreife". In der Prävention sei vieles auf dem Weg, "aber ich würde sagen, dass wir die Systematik der Prävention noch in Angriff nehmen müssen." Die Bischofskonferenz hat dazu im September Richtlinien erlassen.

Auch auf strukturelle Kirchenreformen kam Maier zu sprechen, die viele sich als Reaktion auf die aktuelle Krise erhoffen und deren wesentlichen Anliegen er sich "unbedingt anschließen" wolle: So sei es höchste Zeit für eine stärkere Beteiligung der Gläubigen an Entscheidungen, mehr Achtung vor der Lebenserfahrung der Menschen, mehr Frauen in Leitungsfunktionen oder ein neues Verhältnis zur Sexualität auch in der Lehre.

Anvisiert ist ein Wechsel zum Jahresende

Der Abend in der Katholischen Akademie, der von Direktor Thomas Herkert moderiert wurde, bildete den öffentlichen Abschluss eines internen Studientages für hauptberufliche Angehörige pastoraler Dienste. Carmen Bremer vom Verein Wendepunkt bescheinigte Maier eine "sehr gute Zusammenarbeit", nicht ohne zu erwähnen, dass ein erstes Angebot dazu von der Diözese 2002 ausgeschlagen worden sei. Oberrechtsdirektorin Gertrud Rapp vom Ordinariat beantwortete Fragen zu Recht und Personalpolitik.

Domkapitular Maier wird seine Aufgabe demnächst abgeben: In den neuen Anti-Missbrauchs-Leitlinien der Bischöfe ist vorgesehen, dass die diözesanen Ansprechpartner nicht zur Leitungsebene der Bistümer gehören. In Freiburg möchte man für diese Aufgabe nun gleich eine externe Person gewinnen; Gespräche mit Repräsentanten der Kirche seien ja auf Wunsch weiterhin möglich, sagte Maier. An der Kooperation mit Wendepunkt und Wildwasser will er festhalten. Wie der Pressesprecher Robert Eberle der BZ bestätigte, laufen Gespräche mit einer externen Person mit entsprechenden Kompetenzen. Wenn alles gut geht, will man sich im November einigen; zu Jahresbeginn könnte dann der Stabwechsel erfolgen.

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Autor: Jens Schmitz