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08. Februar 2017 09:15 Uhr

Atomkraft

Darf Akw Leibstadt nach Rostschäden wieder ans Netz?

Das AKW Leibstadt war im Sommer wegen Rostschäden abgestellt worden, die die Kühlung im Reaktorkern stören können. Nun hat der Betreiber die Wiederinbetriebnahme beantragt. Das sorgt für Beunruhigung.

  1. Leibstadt am Hochrhein – Risikomeiler in Grenznähe Foto: Andre Hönig

Die Landesregierung fordert eine vollständige Aufklärung über die technischen Probleme beim Betrieb des Atomkraftwerks Leibstadt nahe Waldshut. Der Betreiber des derzeit stillstehenden Meilers hat bei der zuständigen Schweizer Behörde die Wiederinbetriebnahme beantragt.

Vor allem Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) verlangt Klarheit über die genauen Ursachen für den aktuellen Stillstand. Das Akw Leibstadt wurde im August zur Jahresrevision heruntergefahren. Im Jahr 2014 war Leibstadt aufgefallen, weil beim Anbringen von Halterungen in den Beton der äußeren Schutzhülle Löcher gebohrt worden waren.

Gefahr: Wurden die Brennstäbe zeitweise nicht richtig gekühlt?

Bei der Revision zeigte sich, dass bei einigen der 648 Brennelemente die Hüllrohre Verfärbungen aufwiesen, die auf eine Oxydation hinweisen – also rosteten. Ging man zunächst von acht Brennelementen aus, so musste der Betreiber im Dezember einräumen, dass 47 Brennelemente Verfärbungen aufwiesen. Davon seien 15 "stärker betroffen", wie der Betreiber mitteilte. Ein Teil der Hüllrohre wurde ersetzt. Die Verfärbungen durch Oxydation sind bis zu 26 Zentimeter lang und kommen jeweils im obersten Bereich der Brennelemente vor. Die betroffenen Hüllrohre bestehen aus Zirkonium und sind eigentlich korrosionsbeständig. Untersteller pocht nun vor allem darauf zu erfahren, wie es zu den Verfärbungen habe kommen können. Denn der Befund deute darauf hin, dass die Brennstäbe zumindest zeitweise nicht in vollem Umfang im Kühlwasser lagerten. Dieses "Trockenfallen" ("dryout") gilt als sehr risikobehaftet, weil die Stäbe dann nicht vollständig gekühlt sind und sich verformen können. Verformen sich Brennstäbe, können möglicherweise die sogenannten Steuerstäbe nicht reibungslos angeführt werden, die die Kettenreaktion bremsen oder gar stoppen können.

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Greenpeace hält Leistungserhöhungen für die Ursache der Probleme

"In Leibstadt gibt es Probleme mit der Kühltechnologie", erklärte Untersteller am Dienstag laut einer Mitteilung. "Aber niemand weiß, warum die Kühlung versagt hat. Und wenn wir das nicht wissen, wer garantiert, dass das nicht wieder passiert?" Ohne eine umfassende Erklärung der Vorgänge sei ein Anfahren des Reaktors sicherheitstechnisch nicht zu verantworten. Das Kraftwerk nur mit reduzierter Leistung zu betreiben, wie es dem Betreiber als Alternative vorschwebt, reiche nicht aus. "Das Risiko eines dryout ist auch bei reduzierter Leistung gegeben." Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi dürfe aus seiner Sicht den Antrag auf Wiederinbetriebnahme daher nicht genehmigen.

Die Umweltorganisation Greenpeace hält es für möglich, dass die Leistungserhöhungen, die in dem Kraftwerk seit der Inbetriebnahme 1984 vorgenommen wurden, Ursache der Probleme sein könnten.

Das Ensi prüft noch; der Zeitplan der Behörde sah vor, dass sie noch im Februar entscheidet, ob der Meiler wieder ans Netz gehen darf. Für die Betreiber drängt die Zeit, denn jeder Tag Stillstand bringt dem Unternehmen rund eine Million Franken Verlust ein. In den vergangenen Monaten summierte sich dieser Verlust also auf rund 180 Millionen Franken. Ohnehin ist die wirtschaftliche Lage der Akw-Betreiber derzeit äußerst schlecht. Unter anderem drückt Importstrom aus Deutschland die Preise.

In einem Volksentscheid im November haben sich gut 54 Prozent der Schweizer gegen einen vorzeitigen Ausstieg aus der Atomkraft ausgesprochen. Wäre sie angenommen worden, hätte Leibstadt seinen Betrieb im Jahr 2029 einstellen müssen. Die Regierung strebt mit der Energiestrategie 2050 den Ausstieg später an.
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Autor: Franz Schmider