Mannheim

Das Mannheimer Technoseum hat technikbegeisterte Flüchtlinge eingeladen.

Wolf H. Goldschmitt

Von Wolf H. Goldschmitt

Mo, 18. Juli 2016

Südwest

Ein Museumsbesuch als Türöffner zu einem fremden Land und seiner Industriegeschichte.

HEIDELBERG/MANNHEIM. Es ist zweifelsohne eine Begegnung der besonderen Art: Flüchtlinge begreifen deutsches Kulturgut. Und das auch im wörtlichen Sinne. Ein Dutzend Frauen und Männer aus Syrien, Afghanistan und Gambia haben im Mannheimer Technoseum beim Buchdruck selbst Hand angelegt und ihre eigene Postkarte gestaltet. Die Idee, die dahinter steckt: Ein Museumsbesuch als Türöffner zu einem fremden Land und seiner Industriegeschichte.

Nach wenigen Minuten weiß auch Julia Campos, die Deutschkurse in den Heidelberger Flüchtlingsunterkünften gibt: die Premiere ist gelungen. "Das ist ein weiterer Meilenstein auf dem Weg, Vertrauen zu schaffen." Mit der kostenlosen Aktion hat sich auch das Technoseum einen neuen Besucherkreis erschlossen. Gut die Hälfte der rund 250 Teilnehmer aus den Deutschklassen zeige bereits Interesse an dieser interkulturellen Methode, ihre neue Heimat und deren Sprache näher kennen zu lernen, glaubt Campos.

Dass es diesmal fast nur Männer sind, die sich angemeldet haben, hat seinen Grund: die meisten sind Automechaniker, Fahrradtechniker oder haben einen ähnlichen Beruf erlernt. Technik zieht also und besonders dann, wenn man alles anfassen darf. Staunend stehen die Gäste vor der alten Bleisatzdruckmaschine, mit der früher Zeitungen hergestellt wurden. Keine Spur weniger interessant finden sie die Herstellung von Mehl und anderen Lebensmitteln. Auch vor der Papiermühle werden die Augen groß.

Federführend bei der Zusammenführung der unterschiedlichen Kulturen ist der Asylarbeitskreis Heidelberg. Er nimmt sich im Auftrag der Stadt der in Heidelberg lebenden Flüchtlingsfamilien an. Sein Engagement umfasst unter anderem Sprachförderung ebenso wie Hausaufgabenbetreuung und Begleitung zu Behörden und Ärzten. Das Projekt "Sprachbrücken", das von der Baden-Württemberg-Stiftung unterstützt wird, entwickelt innovative Konzepte zum Fremdsprachenerwerb. Bei der Führung durch das Technoseum wird nur Deutsch gesprochen und – wie sich rasch zeigt – von allen Teilnehmern der Auftaktveranstaltung gut verstanden.

"Bei uns gibt es in der Dauerausstellung zahlreiche Bereiche, die die eigene Lebenswelt tangieren und Anlass geben, sich über alltägliche Situationen in Deutschland und den Herkunftsländern auszutauschen", erklärt Antje Kaysers, Leiterin der Pädagogik am Technoseum. Ihr Haus und der Asylarbeitskreis wollen mit ihrem Engagement dafür sorgen, dass der Museumsbesuch nicht nur für Abwechslung im Sprachkursbetrieb in den Unterkünften sorgt, sondern auch Schwellenängste abbaut.

Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Auch dank der zahlreichen Mitmachstationen war das Verstehen naturwissenschaftlich-technischer sowie historischer Zusammenhänge möglich. Die ungewöhnliche Allianz von Museum und Arbeitskreis gilt zunächst für ein Jahr.