Das zweite Urteil

Daniel Weber

Von Daniel Weber

So, 20. Mai 2018

Südwest

Der Sonntag Missbrauchsfall: Knut S. zu acht Jahren Haft ohne Sicherungsverwahrung verurteilt.

Im zweiten Prozess rund um den Staufener Missbrauchsfall ist in dieser Woche das Urteil gefallen. Zu acht Jahren Gefängnis wurde der Bundeswehrsoldat Knut S. verurteilt, eine anschließende Sicherungsverwahrung ordnete das Gericht nicht an. Staatsanwaltschaft und Nebenklage hatten dies gefordert.

Das Urteil des Landgerichts Freiburg gegen Knut S. wird den Bundesgerichtshof beschäftigen. Staatsanwältin Nikola Novak hat Revision gegen die aus ihrer Sicht zu milde Verurteilung des zweiten Angeklagten im Staufener Missbrauchsfall eingelegt. Opferanwältin Katja Ravat will der Revision beitreten. Verteidiger Holger Meier wollte am Freitag keine Auskunft geben, ob auch er im Auftrag seines Mandanten Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen wird. Meier hatte in seinem Plädoyer vier Jahre Haft für Knut S. als angemessen erachtet. Ravat hatte elf und Novak zwölf Jahre Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung für den Angeklagten gefordert.

Acht Jahre lautete das Strafmaß, das der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin am Mittwoch im großen Saal des Freiburger Landgerichts verkündet hatte. Unter anderem wegen Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und Zwangsprostitution. Dazu die Zahlung von 12 500 Euro Schmerzensgeld an den heute neunjährigen Jungen, den der im elsässischen Illkirch stationierte Stabsfeldwebel der Deutsch-Französischen Brigade im Februar und Mai 2017 zwei Mal missbraucht hat. Über ein kinderpornografisches Portal hatten er und der Hauptangeklagte Christian L. (der im Prozess gegen Knut S. auch aussagte) sich kennengelernt und den Missbrauch verabredet, bei dem der Junge von den beiden Männern in den Weinbergen von Staufen missbraucht wurde. Bei der zweiten Tat war auch Berrin T. aktiv dabei, die Mutter des Jungen.

Für eine Sicherungsverwahrung fehlte die rechtliche Grundlage, erläuterte der Richter und verwies bei seiner Begründung auch auf den ersten Prozess im Zusammenhang mit dem Staufener Missbrauchsfall. Vor wenigen Wochen wurde Markus K., der den Jungen ebenfalls zwei Mal und in einem Fall noch brutaler als Knut S. missbraucht hatte, zu zehn Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. An der Verurteilung zur Sicherungsverwahrung bestand da kein Zweifel. Markus K. hatte bereits wegen Kindesmissbrauchs im Gefängnis gesessen und war zum Wiederholungstäter geworden.

Die fehlende rechtliche Grundlage

Knut S. dagegen sei Ersttäter, erst mit fast 50 Jahren habe er das erste Mal einen sogenannten "Hands-on-Delikt" begangen, er leide nicht unter einer Persönlichkeitsstörung, sei grundsätzlich beziehungsfähig und ein sogenannter Hang zu schweren Straftaten als eingeschliffenes Verhaltensmuster, was eine inhaltliche Voraussetzung für eine Sicherungsverwahrung ist, konnte vom psychiatrischen Gutachter "nicht mit der erforderlichen Sicherheit" bejaht werden. Der Gutachter Hartmut Pleines hatte am dritten Prozesstag mehr als eine Stunde über Knut S. gesprochen. Der zweimal verheiratete Mann hatte immer wieder erfolglos probiert, sexuelle Beziehungen zu Frauen aufzubauen und litt dabei unter Erektionsstörungen. Seine pädosexuelle Neigung habe er sich lange nicht eingestanden, sammelte aber kinderpornografisches Material, weswegen er vor rund zehn Jahren von einem Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt worden war, und setzte seine Fantasie in Staufen letztlich um . "Diese Neigung wird ihn bis zum Ende seines Lebens begleiten. Die Sexualpräferenz ist nicht Wahl, sondern Schicksal", so Pleines. Wegzutherapieren sei so etwas nicht, durch Therapien könne nur der Umgang damit erlernt werden. Trotz der Bereitschaft zur Therapie und der Introspektionsfähigkeit fasste der Psychologe seine Prognose als "nicht günstig" zusammen. Die Frage nach der Sicherungsverwahrung müsse aber vom Gericht anhand der Gesetzeslage beantwortet werden, sagte Pleines.

Durch die vier Verhandlungstage zog sich ein Konflikt zwischen zwischen Anklägerin und Richter: Staatsanwältin Novak wollte weitere Belastungszeugen laden, um dem Angeklagten mögliche frühere Missbrauchstaten nachzuweisen. Richter Stefan Bürgelin hatte dies größtenteils abgelehnt und in seiner Urteilsbegründung lediglich von "Vermutungen" gesprochen.

Knut S., der kurz vor Prozessbeginn seinen 50. Geburtstag im Gefängnis verbrachte, wo er seit seiner Festnahme im Oktober 2017 Jahres sitzt, hatte die Urteilsverkündung wie den gesamten Prozess mit gesenktem Kopf verfolgt. Im Juni stehen die nächsten beiden Prozesse im Missbrauchsfall an.