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17. Februar 2010

Der Bazillus lauert in der Wasserleitung

Die Legionellen-Epidemie in Ulm zeigt: Die Bakterien sind ein Massenphänomen / Experten wollen Heime und Kliniken schützen.

  1. Die Infektionsstation der Uniklinik Ulm: Hier wurden zunächst viele der Erkrankten behandelt. Foto: dpa

Schuld will, zumindest bisher, niemand haben, von höherer Gewalt wagt indessen auch niemand zu sprechen. Fünf Tote und annähernd 60 Erkrankte hat die mit Legionellen durchsetzte Wasserdampfwolke von Ulm gefordert, die kurz vor Weihnachten über die Stadt zog. Sie stammte aus einem neuen, noch in der Testphase befindlichen Blockheizkraftwerk im Hof des Ulmer Telekom-Gebäudes. Jetzt hat die Gesellschaft für Technische Überwachung (GTÜ) mit Sitz in Stuttgart reagiert. Der Fall Ulm zeige, dass mangelnde Wasserhygiene eine oft unterschätzte Gefahr darstelle, so der Verband.

Bundesweit erkranken jährlich zwischen 6000 und 10 000 Menschen an Legionellen-Infektionen – in der Regel an einer Lungenentzündung. Laut GTÜ in 1000 bis 2000 Fällen pro Jahr mit tödlichen Folgen. Größte Gefahrenquelle seien jedoch nicht die Kühlanlagen von Industrieunternehmen, sondern die Wasseranschlüsse in Privathaushalten und Hotels. Auch Krankenhäuser und Pflegeheime könnten Ansteckungsherde sein.

Tatsächlich scheinen Legionellen-Verseuchungen fast ein Alltagsphänomen zu sein. Von den 30 in Ulm und Neu-Ulm untersuchten gewerblichen Nasskühlanlagen waren neun mit Legionellen befallen – laut den Landesgesundheitsämtern Baden-Württemberg und Bayern ein "normaler Wert". Der Experte Manfred Kist, stellvertretender Leiter des Freiburger Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene geht sogar noch weiter: "Im Prinzip finden sie Legionellen in jedem Trinkwasser", so der Bakterienforscher. Nur sei das in der Regel kein Problem. Zum einen, weil viele Legionellenarten für den Menschen als harmlos gelten, zum anderen, weil die Bakterien ihr Opfer nur infizieren, wenn sie in Form von kleinsten Tröpfchen – beispielsweise als Aerosole aus Duschen oder Kühlanlagen – aufgenommen werden.

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Und selbst dann müssen die Legionellen in sehr großer Zahl im Wasser schwimmen: Enthält die Flüssigkeit nicht mehr als zehn Bakterien pro Milliliter, muss man rein statistisch gesehen vier Stunden duschen, um sich auch anzustecken. Damit derart hohe Keimkonzentrationen aber überhaupt möglich sind, müssen die Legionellen zuvor ideale Zuchtbedingungen vorgefunden haben. Das heißt: 25 bis 46 Grad warmes Wasser, das zudem reichlich organische Bestandteile und Amöben enthält.

In Ulm stellt sich nun die Haftungsfrage. Die ist aber nicht leicht zu lösen: Nasskühlanlagen müssen in Deutschland nicht genehmigt, ihr Bau muss den Kommunalbehörden nicht einmal angezeigt werden. Hinzu kommt: Die Telekom Ulm ist lediglich Mieter des Gebäudes, es gehört einem Luxemburger Immobilienfonds, der es vom österreichischen Baukonzern Strabag gekauft hatte. Wartungs- und Hausmeisterarbeiten macht der Strabag-Ableger "Strabag Property and Facility Services". Eigner des Blockheizkraftwerks wiederum soll die Telekom-Tochter "Power and Air Solutions" sein. Installiert hatte die Anlage eine Firma in Sachsen. Inzwischen haben Angehörige von Opfern Anwälte eingeschaltet, die Staatsanwaltschaft Ulm hat einen Gutachter beauftragt.

Die Kontrolleure von der GTÜ sehen aber jetzt schon Handlungsbedarf: Sie empfehlen die "dringende, flächendeckende Überprüfung von Trinkwasser-Installationen" in öffentlichen Gebäuden wie Kliniken und Altenpflegestätten. Als präventive Maßnahme sollen in bestehenden Bauten Hygienespülanlagen eingebaut werden, die Trinkwasserleitungen regelmäßig durchspülen.

Autor: Rüdiger Bäßler und Michael Brendler