Neues Kulturerbe

Der Orgelbau hat eine lange südbadische Tradition

Gabriele Hennicke

Von Gabriele Hennicke

So, 17. Dezember 2017 um 11:39 Uhr

Südwest

Der Sonntag Die deutsche Orgelmusik wurde in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen Geehrt fühlen kann sich auch die Region Südbaden, wo der Orgelbau lange Tradition hat

Die deutsche Orgelmusik ist in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Geehrt fühlen kann sich auch die Region Südbaden, wo der Orgelbau lange Tradition hat. Waldkirch hat eine 200-jährige Orgelbauer-Vergangenheit, und der Orgelbaubetrieb Späth in March-Hugstetten ist einer der ältesten Orgelbaubetriebe der Welt.

Traditionsunternehmen in Hugstetten

Die Ahnengalerie hängt im Treppenaufgang zum Büro von Tilmann Späth, der den Betrieb in Hugstetten mit 22 Mitarbeitern in fünfter Generation führt. Sein Ur-Ur-Großvater Alois hat das Unternehmen 1862 in Ennetach-Mengen im Landkreis Sigmaringen gegründet, Großvater August Späth verlegte den Betrieb 100 Jahre später nach Hugstetten in eine ehemalige Zigarrenfabrik.

Der 33-jährige Betriebsinhaber Tilmann Späth stieg 2009 in die Firmenleitung ein, damals bereits als fertig ausgebildeter Orgelbaumeister. Späth freut sich über die Anerkennung, die dem Orgelbau durch die Unesco widerfährt. "Die können wir brauchen, Orgelbau ist ein hartes Pflaster geworden. Es gibt kaum noch Neubauten, der deutsche Orgelbau lebt von Renovierungen und Restaurierungen."

Die Menschen verlieren den Bezug zur Orgelmusik

Der Umsatz liegt bei etwa 100 Millionen Euro jährlich, etwa 1800 Mitarbeiter sind in 400 Orgelbauunternehmen beschäftigt. Tendenz rückläufig. Das liege an der Säkularisierung der Gesellschaft, meint Späth, Kirchen werden profanisiert, der Bezug der Menschen zur Orgelmusik gehe verloren. Dabei gilt die Orgel als Königin der Instrumente, ein Gottesdienst ohne sie ist kaum denkbar und Orgelkonzerte finden nach wie vor viele Liebhaber. Jungen Leuten allerdings fehle oft der Bezug dazu, wie Späth in seinem eigenen Freundeskreis feststellt. Deshalb findet er Ansätze wie "Orgel rockt", der Rockmusik in Kirchenräume bringt, sehr interessant.

Viele Gemeinden sammeln Spenden für eine neue Orgel

Neben Prestigeprojekten wie dem Bau der Orgel in der Elbphilharmonie oder des neuen Hauptspieltischs im Freiburger Münster, macht ein Großteil der Arbeit der deutschen Orgelbauer die Renovierung und der Neubau von Orgeln in kleineren Stadt- und Dorfkirchen aus. Im Staufener Ortsteil Wettelbrunn soll die katholische Pfarrkirche St. Vitus eine neue Orgel bekommen. Dort hat sich ein Orgelbauverein gegründet, der mit vielfältigen Aktionen um Spenden wirbt. Mindestens 100 000 Euro kostet der Bau eines solchen Instruments, sagt Späth.


"Orgelbau muss man leben, das ist kein normaler Job" Tilmann Späth
Orgelbau ist Teamarbeit und komplex. Im 13 Meter hohen Montagesaal in Hugstetten arbeiten mehrere Orgelbauer an der Renovierung einer Jehmlich-Orgel aus dem Jahr 1977. Sie wurde in der DDR hergestellt, Späth baut sie für die Osterkirche in Sparrieshoop bei Hamburg um. Zwei Mitarbeiter arbeiten gerade am neuen Gehäuse, eine dritter an der Elektrik. Registerzüge und Tasten wurden bereits überarbeitet, das gesamte Pfeifenwerk nachintoniert. "Orgelbau muss man leben, das ist kein normaler Job. Man braucht Freude daran, gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten, für das eine Gemeinde viele Jahre Spenden gesammelt hat", sagt der Orgelbaumeister. Und man brauche einen langen Atem, denn es dauere Jahre, bis eine Orgel neu gebaut ist.

Orgelbauer müssen sich nach der Ausbildung spezialisieren, so diffizil ist die Aufgabe: Zum Experten für die Intonation der Pfeifen, für den Gehäusebau, für die Traktur (die Verbindung zwischen Tasten und Pfeifen), für das Windsystem, den Spieltischbau, die Montage oder die Elektrik.

Chinesischer Markt wird immer interessanter

Gerade sind einige Mitarbeiter dabei, der von der Firma Späth renovierten Steinmeyer-Orgel in der Evangelischen Stadtkirche in Walldorf den letzten Schliff zu geben. In Kirchen in Buggingen, Schliengen und Niedereggenen im Markgräflerland stehen neue Späth-Orgeln, in der Auferstehungskirche in Freiburg-Littenweiler renoviert der Hugstetter Orgelbauer 2018 die Peter-Orgel. Immer wichtiger wird der ausländische Markt: Seit drei Jahren arbeitet Späth an zwei Orgeln für die Musikhochschule der chinesischen Acht-Millionen-Stadt Hangzhou südwestlich von Shanghai. Die Orgel ist zwölf Meter breit, neun Meter hoch und fünf Meter tief. Sie hat 64 Register und 4417 Pfeifen und soll 2018 fertiggestellt sein. "Langfristig suchen wir neue Märkte, denn wir wollen auch neue Orgeln bauen", sagt Späth. Und das bedeutet für ihn als Unternehmer, alle Register zu ziehen: Er hat einen chinesischen wie auch einen koreanischen Orgelbauer angestellt.

Wegen der langen Orgelbau-Tradtion in Südbaden ist es kein Wunder, dass der Antrag auf die Unesco-Anerkennung von Professor Michael Kaufmann, dem Orgelsachverständigen der Erzdiözese Freiburg und der Evangelischen Landeskirche in Baden, erarbeitet wurde.
Termin: Benefizkonzert in St. Martin in Staufen zugunsten des Orgelneubaus in St. Vitus, Wettelbrunn, am Samstag, 30. Dezember, 17 Uhr. Es spielen Gerhard Gnann, Orgel, Alexander Ott, Oboe, Oscar Bohorquez, Violine, und noch weitere unter der Leitung von Christoph Wyneken