Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

07. Juli 2017

"Der Tod ist ein Meister aus Baden-Württemberg"

Laut dem neuen Rüstungsatlas der Informationsstelle Militarisierung verdienen mehr Firmen mit Kriegsgerät ihr Geld.

STUTTGART. Mehr Firmen, mehr Standorte, mehr Geschäft mit dem Tod: Die Informationsstelle Militarisierung e.V. hat am Donnerstag erstmals seit fünf Jahren einen Rüstungsatlas Baden-Württemberg vorgestellt. Er listet mehr als 120 Firmen auf, die im Land an militäraffinen Produkten verdienen. Deutschlands größtes Anti-Waffenhandel-Netzwerk "Aufschrei" rügte die Landesregierung: Obwohl viele Waffen verbotene Wege nähmen, seien die Grünen seit der Regierungsübernahme zum Thema verstummt.

Der 20-seitige Bericht aktualisiert das Kapitel "Rüstungsstandort Baden-Württemberg" aus einem umfangreicheren Report von 2012. Interessierte können nach Kommunen aufgeschlüsselt Betriebe finden, die sich an der Rüstungsproduktion im weiteren Sinn beteiligen. Mit mehr als 120 Unternehmen an mehr als 70 Standorten ist der Bestand gewachsen.

Dabei seien die Firmen vorsichtiger geworden, berichtete Autor Andreas Seifert bei der Vorlage: Namensänderungen, Ausgründungen oder passwortgeschützte Online-Bereiche erschwerten den Überblick. Konzerne wie Mercedes-Benz pflegten ein möglichst ziviles Image, obwohl sie einen erheblichen Anteil an Rüstungsgeschäften hätten.

Werbung


Die Dokumentation der Forschung für Krieg und Sicherheit hat die Informationsstelle im aktuellen Bericht aufgegeben. Die Aktivitäten hätten zugenommen, aber die "Geheimniskrämerei an den Hochschulen" auch, sagte Seifert, der Verbindungen zwischen der Universität Freiburg und dem dortigen Fraunhofer Ernst-Mach-Institut als Beispiel anführte.

Der Bericht benennt nicht nur klassische Größen der "Wehrindustrie" wie Heckler & Koch (Handfeuerwaffen; Oberndorf) oder Diehl (Lenkflugkörper; Überlingen). Er soll auch bewusst machen, wie viele unbekannte Mittelständler im Militärbereich mitverdienen.

"Viele sind von einem reinen Zulieferbetrieb zu einem Systemträger geworden", beschrieb Seifert eine Tendenz in diesem Gebiet: Sie entwickelten Produkte eigenständig weiter und erschlössen selbst Märkte im Rüstungssektor. Insgesamt beobachtet die Informationsstelle einen Strukturwandel zu immer ausdifferenzierteren Hightech-Produkten.

Das Arbeitsplatz-Argument betrachtete Seifert skeptisch: Bei vielen Firmen machten Rüstungsaktivitäten nur einen kleinen Bereich ihrer Tätigkeit aus. Die Bestandsaufnahme stellt fest, dass zahlreiche Unternehmen das Militärgeschäft nur als Zubrot mitnähmen, wenn die Militäretats stiegen. Jobsicherheit schaffe das nicht.

Baden-Württembergs Grüne im "Sieben-Jahres-Schlaf"

"Der Tod ist ein Meister aus Baden-Württemberg", erklärte Jürgen Grässlin, Sprecher der Aktion "Aufschrei – stoppt den Waffenhandel" und Deutschlands bekanntester Rüstungsgegner. "Diese Waffen werden eingesetzt", und zwar in allen Krisengebieten der Erde, oft gesetzeswidrig und auch vom Islamischen Staat.

Baden-Württembergs Grüne befänden sich hinsichtlich dieser Themen seit der Regierungsübernahme jedoch in einem Sieben-Jahres-Schlaf, so Grässlin.

Man profiliere sich auch in Baden-Württemberg gern als Zivilmacht und Konfliktvermittler, pflichtete Paul Russmann bei, ebenfalls Sprecher von "Aufschrei" und zudem Repräsentant des Stuttgarter Vereins "Ohne Rüstung Leben". "Wir sind gleichzeitig aber auch ein Stück Brandstifter." Zum Löschen der Brandherde auf der Welt – und zur Eindämmung der Flüchtlingsströme – müssten Rüstungsexporte beendet werden.

"Aufschrei" wird bundesweit von mehr als 100 Organisationen unterstützt, darunter zahlreiche kirchliche. Mit "Ohne Rüstung Leben" plant das Bündnis kommende Woche Aktionen in Breisach, Lindau, Konstanz, Stuttgart, Tübingen, Mössingen und Heidelberg.

Die Aktualisierung des Rüstungsberichts verdankt sich unter anderem der Tatsache, dass die Evangelische Landeskirche in Baden bei Autor Seifert eine entsprechende Dokumentation für Baden bestellt hat. Sie soll in Kürze erscheinen.

Der Rüstungsatlas der Informationsstelle Militarisierung im Netz: http://mehr.bz/ruestung

Autor: Jens Schmitz