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12. November 2017 11:40 Uhr

Drittes Geschlecht: Potenzial für eine Gesellschaftsveränderung

Die Geschlechterrolle steht derzeit im öffentlichen Fokus – Nina Degele, Professorin für Gender Studies an der Uni Freiburg, sieht das Potenzial für gesellschaftliche Veränderungen.

  1. Wer weder gänzlich männlich noch weiblich ist, soll zukünftig eine eigene Bezeichnung im Geburtenregister bekommen. Foto: dpa

Der Sonntag: Das Bundesverfassungsgericht hat sich für die Aufnahme eines dritten Geschlechts in das Geburtenregister ausgesprochen. Welche Bedeutung hat diese Nachricht?
Nina Degele: Es ist die größte Revolution im ganzen Umfeld zu Geschlechterpolitik und Personenstand in den letzten Jahrzehnten. Einerseits war diese Entscheidung nicht ganz erstaunlich, weil die Ehe für alle zuletzt ja auch ziemlich schnell beschlossen wurde. Andererseits halte ich die Entscheidung für das dritte Geschlecht für noch viel grundlegender.

Der Sonntag: Weshalb?
Degele: Die Zuordnung von Menschen zu einem Geschlecht ist die tiefgreifendste und wichtigste Zuordnung, die unser alltägliches Handeln grundlegend bestimmt. Es gibt kaum eine Gewissheit, über die wir im Alltag sicherer verfügen als das Wissen um Geschlecht. Die Entscheidung geht also an die Fundamente von Alltagswissen in unserer Gesellschaft, deshalb ist sie revolutionär. Es geht ja um Anerkennung, etwas zu sein anstatt nichts zu sein. So ist ja der Stand aktuell, es wird eingetragen "keine Zuordnung", also eine Verweigerung von Anerkennung, gar ein Unsichtbarmachen. Die Betroffenen können sich so nicht positiv in der Gesellschaft verorten. Das wird bald besser möglich sein. Dass es jetzt so schnell ging, liegt auch an der Fortschrittlichkeit des Bundesverfassungsgerichts, wo sich in den letzten Jahren einiges getan hat.

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Der Sonntag: Sehen Sie auch eine Fortschrittlichkeit der Gesellschaft, die hier eine Rolle spielte?
Degele: Klar, das ist immer ein Spiegelbild. Aber Institutionen sind ja meistens viel träger als gesellschaftliche Entwicklungen. Hier habe ich den Eindruck, ist das Bundesverfassungsgericht noch ein Stück schneller als die gesellschaftliche Entwicklung. Die Zuordnung von Menschen in zwei Geschlechter ist eine der letzten Sicherheitsbastionen, die es gesellschaftlich gibt bei der ganzen Verunsicherung, mit der wir umgehen müssen. Und das wird in der Form nicht mehr aufrecht erhalten. Das halte ich für so grundlegend, da muss ich erst mal durchschnaufen.

Der Sonntag: Ist die sogenannte Intersexualität, wenn ein Mensch weder gänzlich männlich noch weiblich ist, immer gleich von Geburt an zu erkennen?
Degele: Nein. Es gibt viele verschiedene Formen von Intersexualität. Beim häufig beobachteten AIS (Androgen Insensitivity Syndrome; Anm. d. Red.) etwa reagieren die körpereigenen Rezeptoren nicht auf die ausgeschütteten männlichen Sexualhormone, weshalb sich der Körper äußerlich weiblich entwickelt. Das wird im Spitzensport ein Thema, wenn die südafrikanische 800- Meter-Läuferin Caster Semenya etwa 2009 bei der Leichtathletik-WM gewinnt und dann für fast ein Jahr gesperrt ist, weil sie keine "richtige" Frau sein soll. Sie fühlt sich als Frau, aber hat einen höheren Testosteron-Status als die Durchschnittsfrau. Es gibt Formen, die sind sichtbar, andere sind es gar nicht.

Der Sonntag: Das Sichtbare ist das eine, wie sich die Menschen fühlen, das andere ...
Degele: Richtig, es stellt sich eher die Frage, unter welchem Druck etwas sichtbar wird. Ich kann mir vorstellen, dass es viele im medizinischen Sinne intersexuelle Menschen gibt, die aber den Teufel tun werden, und sich als intersexuell outen. Viele wissen es vielleicht auch gar nicht. Bis jetzt war ja die Praxis, dass Ärzte an den Kliniken den Eltern nach der Geburt nahelegen, sofort zu operieren, um eine geschlechtliche Eindeutigkeit herzustellen. Weil das dem Kind das Leben leichter mache. Für Eltern ist diese Sichtweise grundsätzlich für die Entscheidung, das Kind operieren oder mit Hormonen behandeln zu lassen. Einerseits plausibel, Eindeutigkeit ist gesellschaftlich leichter zu handhaben. Andererseits hat das häufig traumatische Folgen, wenn die Kinder älter werden und sich nicht mit dem medizinisch hergestellten Geschlecht identifizieren können oder wollen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich hier nun was zum Positiven verändern kann, weil Intersexualität eben anerkannt wird. Intersexualität spielt in den Gender Studies auch eine Rolle, weil es zeigt, dass Geschlecht sehr viel mehr ist als das eine oder andere.

Der Sonntag: Die Geschlechterrolle steht derzeit auch in einem anderen Bereich im öffentlichen Fokus. Wie verfolgen Sie die Sexismus-Debatte, die durch den Fall Harvey Weinstein in den USA Fahrt aufnahm und sich durch das Hashtag #metoo ausweitete, unter dem Frauen auf Social Media Kanälen von sexueller Belästigung im Alltag berichten?
Degele: Ich bin sehr froh, dass wieder eine Öffentlichkeit geschaffen wird für etwas, das wie selbstverständlich zum Alltag von Frauen gehört: blöde Anmache bis hin zu massiven sexuellen Übergriffen. Das gab es 2013 mit dem Hashtag #Aufschrei ja schon einmal. Das Thema war oder ist einfach so stark tabuisiert. Frauen reden darüber so selten, weil es so alltäglich ist und sie damit nicht ernstgenommen werden. Dass es jetzt mit dem Fall Weinstein und dem Hashtag #metoo eine noch größere internationale Öffentlichkeit erreicht, zeigt, dass es ein alltägliches Phänomen in globalem Maßstab ist. Gut ist, dass viele Prominente jetzt mit den Folgen ihres Handelns konfrontiert werden und sich andere gegen strukturellen Sexismus stark machen. Hollywood als Bastion oder auch das Silicon Valley in Kalifornien sind Beispiele dafür. Aber es geht weiter, gerade hat die frühere US-amerikanische Fußballltorhüterin Hope Solo den ehemaligen FIFA-Präsidenten Joseph Blatter sexueller Belästigung beschuldigt. Da wird noch einiges kommen, auch in Deutschland.

Der Sonntag: Neben dem Brechen des Schweigens, wie lässt sich struktureller Sexismus noch bekämpfen?
Degele: Den Gender Studies geht es immer auch um eine Analyse von Machtverhältnissen und deren Strukturen im Hinblick auf Geschlecht. Macht muss gleicher verteilt werden. Wo sich Macht vor allem bei Männern konzentriert, da ist die Gefahr sehr groß, dass sie missbraucht wird. Fälle von sexueller Belästigung würde es nicht so oft geben, wenn gesellschaftliche Macht nicht alleine in männlicher Hand liegen würde.

Der Sonntag: Wird sich durch die aktuelle Debatte etwas zum Besseren hin verändern?
Degele: Ich bin da Optimistin. Ich glaube, es ist jetzt der Punkt erreicht, an dem man das nicht wieder wegdiskutieren kann. Das Thema ist sehr viel präsenter als es das je war. Meine Vermutung ist aber auch, dass es zu verstärkten gesellschaftlichen Polarisierungen kommen wird. Einerseits gibt es eine größere Sensibilität und Liberalität in der Gesellschaft, siehe Ehe für alle, drittes Geschlecht und eben auch die Sexismus-Debatte. Andererseits gibt es auch Widerstand dagegen. Ob das nun alte Dinosaurier sind, die sich verhalten wie Obersexist Trump, der auch noch an der Schaltzentrale der Macht sitzt. Oder ob es solches Verhalten in jungen Tech-Branchen wie im Silicon Valley gibt. Das macht die gesellschaftliche Stimmung sehr explosiv. Ich glaube, es wird mehr Konflikte geben, weil die Polarisierungen zunehmen.

Der Sonntag: Was antworten Sie Männern, die sagen, Sie wüssten gar nicht mehr, wie sie sich verhalten sollen?
Degele: Das ist oft eine Schutzbehauptung. Die meisten wissen schon, was nicht geht und wo sie sich zurückhalten sollten. Sie könnten so anfangen: Nur noch wohlwollende Komplimente und Kommentare gegenüber Frauen, die sie auch Männern gegenüber machen würden.

Autor: Daniel Weber