Pforzheim

"Ein Bild des Grauens": Mehr als 40 tote Schafe nach Wolf-Attacke in Bad Wildbad

dpa

Von dpa

Mo, 30. April 2018 um 15:24 Uhr

Südwest

Schlimme Szenen spielen sich auf einer Weide ab. Mehr als 40 Schafe sterben offenbar nach einer Wolf-Attacke im Schwarzwald. Ausgerechnet am heutigen "Tag des Wolfes" ist die Diskussion über die Raubtiere damit neu entbrannt.

Nach einer vermuteten Wolf-Attacke in Bad Wildbad (Kreis Calw) sind mehr als 40 Schafe gestorben. Ein Großteil soll der Wolf gerissen haben, einige mussten wegen schweren Verletzungen getötet werden. Unklar ist, wieviele Tiere ertranken, weil sie in Panik in einen nahen Bach sprangen. "Es war ein Bild des Grauens", schilderte Anette Wohlfarth, Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes, am Montag der Deutschen Presse-Agentur ihre Eindrücke vom Besuch der Schafweide.

Das baden-württembergische Umweltministerium hatte zunächst von 32 gerissenen Schafen gesprochen und bestätigt: "Nach den ersten Untersuchungen der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) vor Ort ist dafür mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Wolf verantwortlich." Gewissheit werde jedoch erst eine genetische Analyse von Proben der toten Tiere geben, hieß es. Falls es wirklich zutreffe, dass die Risse auf das Konto eines Wolfs gehen, könne der betroffene Schäfer mit einer raschen Entschädigung rechnen.



Experten von Landratsamt, Landwirtschaftlicher Versuchsanstalt und dem Landesschafzuchtverband untersuchten am Montag vor Ort den Vorfall. Nach Angaben von Schäferpräsidentin Wohlfahrt war die Herde mit über 150 Tieren in einem umzäunten Areal gewesen. Eventuell sei der Wolf über den nahen Fluss eingedrungen. Die Herde sei erst vor wenigen Tagen vom Stall auf die Weide gekommen. Der Vorfall ist für sie ein trauriger Beleg für die lange gehegte Vermutung: "Weidetierhaltung und Wolf zusammen funktioniert nicht flächendeckend in Baden-Württemberg."

Wolfs-Freunde wie Grüne und Naturschützer zeigten sich betroffen: "Jetzt gilt es, dem Schäfer so schnell wie möglich zu helfen", meinte NABU-Landeschef Johannes Enssle. Und es gelte, Baden-Württemberg schnell auf die Rückkehr der Wölfe vorzubereiten. Mit effektivem Herdenschutz ließen sich solche Vorfälle in der Regel verhindern.

"Als dicht bevölkertes Flächenland müssen wir durch bessere Kontrolle verhindern, dass Wölfe zum Problem werden." Hans-Ulrich Rülke
FDP-Landtagsfraktionschef Hans-Ulrich Rülke forderte die Grünen indessen auf, ihre "romantische Wolfspatenschaft" zu beenden. Der Wolf müsse unter die Kontrolle des Jagdrechts gestellt werden. "Das hat sich auch bei den geschützten Tierarten wie dem Luchs bewährt. Als dicht bevölkertes Flächenland müssen wir durch bessere Kontrolle verhindern, dass Wölfe zum Problem werden."

Die Mehrheit der Bundesbürger (79 Prozent) begrüßt, dass der Wolf wieder hier heimisch wird. Das ergab eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). Die Tiere gehören demnach für viele Menschen ebenso zur Landschaft wie Füchse, Rehe oder Biber. Ein Teil sieht aber auch Risiken.

Es war nicht das erste Mal, dass ein Wolf in der Gegend sein Unwesen treibt: Für zwei Rotwildrisse Ende November und Anfang Dezember in der Umgebung von Freudenstadt (bei Simmersfeld und Bad Rippoldsau-Schapbach) haben Experten einen Wolf verantwortlich gemacht. Im Fall von Bad-Rippoldsau hatten Wissenschaftler auch nachgewiesen, dass es sich um dasselbe Tier handelte, das schon Ende November drei Schafe bei Bad Wildbad (Kreis Calw) getötet hatte.
In Baden-Württemberg sind seit 2015 mindestens vier Wölfe gesichtet worden. Zwei wurden überfahren, einer ist wohl verendet - und einer wurde erschossen im Schluchsee gefunden.

Der FVA werden regelmäßig Wolfssichtungen und Wolfsrisse gemeldet. Nicht immer kann ein Verdacht bestätigt werden, teils kann er auch sicher ausgeschlossen werden. Manchmal sterben Tiere an Krankheiten, deren Kadaver dann von aasfressenden Tieren wie dem Fuchs gefressen werden. Auch wildernde Hunde kommen als Verursacher vor, so das Ministerium.
Wölfe in Baden-Württemberg

Seit rund 150 Jahren galten Wölfe in freier Wildbahn als ausgerottet im Südwesten – bis 2015 die Raubtiere zum ersten Mal wieder nachgewiesen wurden. Noch handelt es sich um einzelne Tiere, die den Weg nach Baden-Württemberg gefunden haben.

Die bisher nachgewiesenen Fälle:
  • 2015 werden zwei überfahrene Wölfe gefunden - einer im Ortenaukreis und einer im Alb-Donau-Kreis. In beiden Fällen handelt es sich um Rüden aus einem Schweizer Rudel.
  • Am 15. Mai 2016 filmt eine Privatperson einen Wolf bei Bad Dürrheim (Schwarzwald-Baar-Kreis). Es ist die erste Sichtung eines lebenden Wolfs in Baden-Württemberg seit 150 Jahren.
  • Am 8. Juli 2017 wird ein toter Wolf aus dem Schluchsee geborgen. Zuvor wurde er im Juni und Juli an verschiedenen Orten im Land gesichtet. Untersuchungen ergaben, dass er erschossen wurde. Der Rüde kam aus dem niedersächsischen Schneverdingen in den Südwesten.
  • Am 7. Oktober 2017 reißt ein Wolf drei Lämmer bei Widdern (Kreis Heilbronn). Es ist der erste nachgewiesene Wolfsriss im Land seit mehr als 100 Jahren. Die Herkunft des Tieres bleibt unklar.
  • Drei Schafe werden am 26. November 2017 bei Bad Wildbad (Kreis Calw) gerissen. Auch sie sind Opfer eines Wolfes geworden. Der Rüde stammt ebenfalls aus dem Rudel bei Schneverdingen in Niedersachsen.
  • Dasselbe Tier beißt erneut zu. Ende November reißt der Rüde Rotwild bei Simmersfeld (Kreis Calw), Anfang Dezember Rotwild und Sikawild bei Bad Rippoldsau-Schapbach in der Umgebung von Freudenstadt. Ebenfalls soll ein Rotwildriss am 13. Dezember in Forbach (Kreis Rastatt) auf sein Konto gehen.
  • Am ersten Weihnachtsfeiertag 2017 fotografieren Urlauber in der Nähe von Vöhrenbach (Schwarzwald-Baar-Kreis) einen Wolf.
  • Ein Wolf taucht im Kreis Ludwigsburg auf. Am 13. Januar wird das Tier nahe der Autobahn 81 in Korntal-Münchingen gefilmt. Einen Tag später wird im Nahen Sersheim eine totgebissene Ziege gefunden – die Tat eines Wolfes, wie genetische Untersuchungen bestätigen. Es ist das zweite Tier, das in Baden-Württemberg sicher nachgewiesen werden kann. Er stammt aus der sogenannten italienischen Linie und ist damit nicht identisch mit dem Tier, das im Nordschwarzwald nachgewiesen wurde.
  • Eine Wildtierkamera fotografiert am 17. Februar einen Wolf im Oberen Donautal bei Beuron (Kreis Sigmaringen). Ob es sich dabei um eines der bereits bekannten Tiere handelt, ist unklar.