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17. Dezember 2016

Ein Denkmal der Unkultur

Mannheim baut einen Bunker zum Archiv mit Gedenkstätte um.

MANNHEIM. Ein von den Nationalsozialisten errichteter Bunker wird vom kommenden Jahr zur Heimat des Mannheimer Stadtarchivs und eines Dokumentationszentrums zur NS-Geschichte. Das Archiv ist bisher in einem sanierungsbedürftigen Büroturm untergebracht.

Der Hochbunker am nördlichen Neckarufer ist nach Einschätzung von Experten klimatisch geeignet, Akten und andere Dokumente aufzunehmen. Dort wird das künftige "Haus der Stadtgeschichte und Erinnerung" entstehen. Zu dem 18,5 Millionen Euro teuren Umbau steuert der Bund 6,6 Millionen Euro bei. Der Umbau soll Ende kommenden Jahres beendet sein, die Eröffnung ist für das Frühjahr 2018 vorgesehen. Ungewöhnlich ist der Name: Marchivum.

Schon im Ersten Weltkrieg wurden Bereiche an der Mündung des Neckars in den Rhein von Bombern angegriffen. 20 Luftschutzräume gibt es in der ganzen Stadt, unterirdische in der Innenstadt, als Hochbunker in den Vororten. Ein Schutzraum befindet sich unter dem Marktplatz, einer verbirgt sich beim Nationaltheater. Selbst unter dem Vorzeigeobjekt der Stadt, dem Barockschloss mit dem Ehrenhof, haben die Nazis 1941/42 einen Bunker vergraben.

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Nun wird der gleich hinterm Neckar liegende sechsstöckige "Ochsenpferchbunker" um zwei Etagen aufgestockt und zum Stadtarchiv umgebaut. Die Großmannssucht der Nazis schlug sich auch im Äußeren nieder: Errichtet wurde nicht einfach ein Betonklotz, sondern ein architektonisch gestaltetes Gebäude mit zwei Türmen, angedeuteten Schießscharten und umlaufenden Simsen. Mit Folgen: "Kulturdenkmale können auch Denkmäler einer Unkultur sein", findet das Stadtarchiv. Die Kriegsarchitektur habe nur vorgeblich vorrangig der Zivilbevölkerung gedient. Tatsächlich zielte der Bau an diesem Ort maßgeblich auf den Schutz der Industrie und der dort beschäftigten Arbeiter ab. "Gleichwohl retteten die Bunker Tausenden von Menschen das Leben. Dass der lebensrettende Schutz nur durch die Kriegsführung notwendig geworden war, mindert nicht seine historische Bedeutung", schreibt das Stadtarchiv. Zwei Bombentreffer überstand das Gebäude, ohne Schaden an der Statik zu nehmen.

Die historische Bedeutung des "Ochsenpferchbunkers" sieht auch das Denkmalamt – und hat ihn unter Schutz gestellt. Das jedoch macht Eingriffe in die Bausubstanz schwierig. Bis in die 1960er-Jahre wurde der Bau für Wohnzwecke genutzt, "unter katastrophalen Verhältnissen", wie Christoph Popp vom Stadtarchiv berichtet. Fenster einzubauen wäre technisch möglich gewesen, verbot sich aber aus Denkmalschutzgründen. Während des Kalten Krieges wurde der Bunker als möglicher Zufluchtsort für die Zivilbevölkerung vorgehalten. Deshalb sei er für den neuen Zweck bestens geeignet – ausgenommen die Büros der 30 Mitarbeiter. Deshalb war eine Aufstockung um zwei Etagen nötig. Zudem verwahrt das Archiv Akten anderer Kommunen. "Das ist sinnvoller, als wenn in jedem Büro ein paar Leitzordner rumstehen", sagt Popp. Papier ist schwer; die Böden müssen also geeignet sein, die Last der Stadtgeschichte zu tragen. Der Hochbunker, gebaut, Bomben zu widerstehen, bietet alle Voraussetzungen für die künftige Nutzung.

Im Erdgeschoss wird die stadtgeschichtliche Ausstellung unterkommen, darüber das NS-Dokumentationszentrum. Es folgen drei Stockwerke als Aktenlager. Und ganz oben ein Lesebereich sowie Vortragsräume mit Blick über den Neckar und die angrenzenden Stadtteile.

Autor: Wolfgang Risch