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29. Februar 2012

"Ein Übergewicht der Wirtschaft gibt es nicht"

BZ-INTERVIEW mit Burkart Knospe, Vorsitzender des Freiburger Universitätsrats, über Aufgabe und Bedeutung dieses Gremiums.

  1. Knospe Foto: pr

FREIBURG. Bundesweit haben Hochschulräte davor gewarnt, ihre Kompetenzen zu beschneiden: Dies gehe zu Lasten der Hochschulautonomie. Auch in Baden-Württemberg wird über die Rolle der Aufsichtsgremien nachgedacht. Wulf Rüskamp sprach darüber mit Burkart Knospe, der den Hochschulrat der Universität Freiburg leitet.

BZ: Herr Knospe, Ihre Unterschrift fehlt unter dem Positionspapier von 40 Hochschulratsvorsitzenden, die sich dagegen wehren, dass ihre Gremien nur noch beratend tätig sein sollen. Warum?
Knospe: Ich war nicht bei der entscheidenden Sitzung, habe das Papier aber nachträglich unterschrieben.
BZ: Wissenschaftsministerin Bauer hat angekündigt, sie wolle die Machtverhältnisse an Hochschulen neu austarieren. Was ja auch heißen kann, den Universitätsräten Kompetenzen wegzunehmen.
Knospe: Wir baden-württembergischen Hochschulratsvorsitzenden hatten gerade ein Gespräch mit der Ministerin, und da klangen ihre Aussagen nicht so. Ihr Ressort will sich grundsätzlich mit den Leitungsstrukturen der Hochschulen auseinandersetzen, und zwar ergebnisoffen.

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BZ: Wenn der Universitätsrat nur noch beraten, nicht mehr entscheiden dürfte – würden Sie da noch mitmachen wollen?
Knospe: Das käme darauf an, was danach entsteht. Mit Sicherheit würde ich das nicht mehr mit dem Zeitaufwand betreiben, mit dem ich diese Aufgabe im Moment wahrnehme.
BZ: Können Sie die Kritik verstehen, die aus den Universitäten an den Hochschulräten geübt wird, nämlich dass sie fremde Argumente in die Universität hineintragen, insbesondere solche des ökonomischen Denkens?
Knospe: Ich verstehe, wie eine solche Meinung entstehen kann – aber ich teile sie nicht. Unser Universitätsbeirat besteht aus elf Personen, davon sind fünf Vertreter der verschiedenen Statusgruppen an der Universität und sechs Externe, wobei zwei von diesen wiederum aus Hochschulen oder hochschulnahen Bereichen kommen. Es gibt also eine Mehrheit des universitären Bereichs. Ein Übergewicht der Wirtschaft gibt es im ganzen Land nicht. Landesweit stammen nicht einmal 40 Prozent der Hochschulräte aus der Wirtschaft. Das ganze Leitbild von der unternehmerischen Universität malt einen Teufel an die Wand, der in der Wirklichkeit nicht existiert. Seit mittlerweile drei Jahren arbeite ich mich in die Zuständigkeiten und Abläufe der Verwaltung der Freiburger Universität ein...
BZ: Ein schwieriges Vorhaben...
Knospe: ... ja, das ist schwierig, glauben Sie mir. So langsam verstehe ich, wie das läuft, und nun versuche ich, mein Denken und meine Managementfähigkeiten in den Dienst der Ziele der Universität zu stellen. Um es klar zu sagen: Die Ökonomisierung einer Universität ist nicht möglich. Das ist deshalb ein populistisches Argument. Schon der Haushalt einer Universität ist derart durch Landesgesetze reglementiert, dass gar kein Spielraum zur Veränderung besteht.
BZ: Wenn Sie nichts verändern können: Was will dann der Universitätsrat?
Knospe: Wir haben zwei Funktionen. Das eine ist Governance, also die Kontrolle der Hochschulführung. In die Universitäten fließen Hunderte Millionen Euro öffentlichen Geldes. Irgendjemand sollte sich damit beschäftigen, ob da solide gewirtschaftet wird. Wenn es die Hochschulräte nicht mehr gäbe, müsste das jemand anderes tun – das Ministerium etwa, was aber dazu führen könnte, dass die heutigen Freiheitsräume der Hochschulen wieder eingeschränkt werden. Unsere zweite Aufgabe liegt darin, zusammen mit dem Rektorat darüber nachzudenken, wie die Universität ihre Ziele erreichen kann. Und wir genehmigen den Strukturentwicklungsplan der Universität, der den Kurs der nächsten vier, fünf Jahre festlegt.
BZ: Inwieweit ist Kontrolle überhaupt möglich? Die Uni ist ein undurchschaubarer Apparat: Wie können Sie entscheiden, ob es richtig läuft?
Knospe: Der Hauptpunkt sind unsere Fragen. Wir können nicht die Inhalte bestimmen, sondern nur nachfragen, wie fundiert die Pläne sind, ob die angemessenen Mittel dafür eingesetzt werden.
BZ: Böse Zungen behaupten, Hochschulräte wüssten nur genau so viel, wie sie die Hochschulleitung wissen lässt.
Knospe: Für schlechte Hochschulräte trifft das sicher zu, aber wir haben wohl nicht viel von der Sorte. Natürlich sind wir darauf angewiesen, dass das Rektorat bestimmte Informationen freigibt. Es gab früher in Freiburg den Fall, dass das Rektorat den Universitätsrat unter Kilo von Papier erstickt hat.
BZ: Guter Trick, Kontrolle auszuschalten.
Knospe: Das ist jetzt aber nicht mehr der Fall. Die jetzige Universitätsleitung gibt uns nur noch die relevanten Informationen, so dass man sich gut vorbereiten kann. Aber es ist auch unsere Aufgabe, eigene Themen aufzugreifen und darüber mit dem Rektorat zu sprechen.
BZ: Das hört sich insgesamt an, als seien Sie mit dem heutigen Zustand zufrieden.
Knospe: Das hat die Ministerin auch gesagt. Die Frage ist doch: Haben wir mit den heutigen Governance-Strukturen an den Universitäten ein System, mit dem sie sich gut entwickeln können? Ich bin überzeugt: Das haben wir. Wenn man sich die Erfolge der Landesuniversitäten im Exzellenzwettbewerb und bei vielen anderen Wettbewerben des Bundes und der EU ansieht, dann haben die Universitäten in Baden-Württemberg einen gewaltigen Vorsprung ausbauen können gegenüber dem übrigen Deutschland. Warum sollten wir da die Strukturen ändern, die das ja auch mit ermöglicht haben?

ZUR PERSON: BURKART KNOSPE

Burkart Knospe (50) ist seit April vergangenem Jahr Vorsitzender des Universitätsrats der Freiburger Universität, dem er seit 2009 angehört. Er ist mit der Hochschule seit seinem Studium der Volkswirtschaft verbunden, das er 1989 abschloss. Danach arbeitete er in der Testo AG, seit 2002 ist er der Vorstandsvorsitzende. Die Testo AG, ein auf Messtechnik spezialisiertes Unternehmen mit Sitz in Lenzkirch, beschäftigt heute weltweit 2300 Menschen.  

Autor: amp

Autor: amp