... Christian und Konrad Wangart, die mit ihrem elektrischen 2 CV gerade auf Europarallye sind

EINE RUNDE MIT...: Wenn die Ente mit dem Strom schwimmt

Stefan Hupka

Von Stefan Hupka

Sa, 18. Juni 2016

Südwest

Erster Eindruck: Hier brummt nichts, obwohl es hier brummt. Obwohl also auf diesem Industriehof Autos ankommen, abfahren, Runden drehen, klingt alles mehr nach Gartenwirtschaft. Manchmal meldet sich das Empfangskomitee über Mikro. Ansonsten Plaudern, Lachen, Klappern. Elektromobilität, lernt man, macht nicht nur kein Auspuffgas, auch keinen Lärm. Angenehm. Tag 4 der "Wave", der größten E-Mobil-Rallye der Welt. Mit dabei sind Christian (59) und Konrad (31) Wangart aus Freiburg mit ihrer umgebauten E-Ente. Stefan Hupka hat sie am Etappenstopp Ihringen getroffen.

"Wie süß" und "Ja, aber" – das sind die beiden häufigsten Publikumsreaktionen, wenn die mausgraue Ente mit dem schwarzen Faltdach irgendwo in Deutschland auftaucht und sich herausstellt, dass sie mit Batteriestrom unterwegs ist und nicht mit Benzin. Wie süß, weil der legendäre Citroën 2 CV – von den Nachbarn im Elsass und der Schweiz auch Döschwo genannt – aus einer Zeit stammt, da Autos noch Individuen waren: unverwechselbar, kauzig, eigensinnig. Und das "Ja, aber" kennt ohnehin jeder, der mit Elektroantrieb unterwegs ist: Ja, aber wie weit kommt man denn damit? Ja, aber im Winter die Heizung. Ja, aber das lautlose Anpirschen im Wohngebiet. Man muss geduldig sein als E-Enten-Fahrer mit den Leuten, vielleicht auch ein wenig pädagogisch-missionarisch.

In Bremerhaven sind sie gestartet, in vier Tagesetappen über Dortmund, Köln, Mannheim und das elsässische Sélestat bis an den Kaiserstuhl gefahren. Vor sich haben sie bei dem Treffen noch Biel, Lausanne und Genf. An diesem Samstag ist Zieleinlauf in Liestal bei Basel. 1800 Kilometer haben sie dann hinter sich, 77 Teams aus zehn Ländern, plus Begleitfahrzeugen. Roller mit Anhänger sind dabei, Smarts, BMW i 3, Golfs, teure Teslas, ein Porsche Speedster, sogar ein DDR-Lieferwagen Framo – und eine Ente.

Bestellt hat Christian Wangart das hochbeinige Vehikel – Jahrgang 1956, so wie er selbst – bei einem Bastler vor einigen Jahren, ohne Motor und Auspuff. Den E-Antrieb und die Batterien hat er selbst hineingebaut. Und einiges andere mehr, etwa eine Sitzheizung. Denn den ganzen Fahrgastraum zu heizen, würde zu viel Strom fressen. Wenn es mal ganz eisig kommt – woran vor lauter Klimawandel ja keiner mehr glaubt – dann gibt es noch eine spritbetriebene Standheizung.

Wir drehen eine Runde, der Reporter darf ans Steuer. Team 69 steht draußen drauf. Kupplungspedal und Krückstockschaltung sind noch da, ganz wie früher, aber ohne Funktion. Was dagegen schmerzlich fehlt, ist der Entensound, dieses Motorengeräusch, wie wenn Kinder mit dem Badewasser blubbern. Aber – man kann nicht alles haben.

Lautlos und gar nicht mal unflott setzt sich das Gerät in Bewegung, verliebte Blicke draußen sind ihm gewiss. Über das kernige Drehmoment von E-Autos hat man manches gelesen, und Konrad Wangart schwört, an der Ampel könne man auf den ersten zehn Metern einen Porsche nassmachen. Wenn man will. Will man aber nicht in einer Ente. Lieber gemächlich loswippen wie in einer fahrenden Hollywoodschaukel.

Um sich bemerkbar zu machen im Verkehrsgewühl, hat Wangart drei "Hupen" mit Eskalationsstufen eingebaut: Piepsen, Quieken, Kreischen. Etwas davon hilft immer. Und wenn die Frontscheibe beschlägt, kann man mit einem Hebel die Klappe darunter aufsperren, eine Art Ofenklappe, alles eher Low- als Hightech.

Den Strom, den sie mit der Ente und ihren anderen E-Mobilen, zwei Rollern und einem Renault, im Alltag verfahren, produzieren die Wangarts selbst, regenerativ. Sie betreiben ein Fachgeschäft für Sanitär und Heizung in Freiburg mit Photovoltaik und eigenem Blockheizkraftwerk.

Auch an den Ladestationen unterwegs, dafür hat der Wave-Veranstalter gesorgt, kommt zu hundert Prozent Ökostrom aus der Steckdose – vorausgesetzt, man schafft es bis zur nächsten. Hoch im Norden auf einer frühen Etappe, als das Team noch aus Konrad Wangart, Freundin Elisabeth und Hund Mae bestand (bald "Wave Dog" getauft), mussten sie fünf Kilometer vor dem Ziel bei einem Reiterhof einbiegen und um Strom betteln, die Batterien waren leer. Aber bitte, man hat auch schon Leute mit Benzinkanister die Landstraße entlanglaufen sehen. Reichweite ist eine Frage von Umsicht und Einteilung.

Es geht den meisten Teilnehmern der Wave ums Dabeisein, nicht ums Gewinnen. Bei Sonderwertungen gibt es zwar Punkte zu gewinnen, aber mehr zur Würze und Abwechslung. So sind bei einer "Speed Trophy" auf dem Hockenheimring die Teslas mit ihren 250 Stundenkilometern Spitze kaum zu schlagen. In der Bergwertung im Jura haben kleine Roadster die Nase vorn. Aber es gibt auch Punkte für Dekoration, Blog-Auftritt, Fotos und Teamgeist – und eine Soccer Trophy für Stoßstangenfußball.

Und die Wave ist aus Sicht der Teilnehmer auch eine Kundgebung: Seht her, es geht, man kann elektromobil durch den halben Kontinent kommen, leise, sauber, klimafreundlich – selbst mit einer Schaukelente, die alle 120 Kilometer für eine Viertelstunde ans Netz muss. "Aber mal ehrlich", sagt Konrad Wangart, "wie oft im Jahr brauche ich mein Auto mehr als hundert Kilometer?"