Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

05. Februar 2015 20:15 Uhr

Freiburger Roma-Familie

Fall Ametovic: Eine Abschiebung vergiftet das Klima

"Geboten und zumutbar" – so hat Innenminister Gall die Abschiebung der Roma-Familie Ametovic von Freiburg nach Serbien erneut bezeichnet. Der Fall zieht immer weitere Kreise.

  1. Traurige Blicke: Eine Mitarbeiterin des Jugendhilfswerks Freiburg und drei Kinder Familie Ametovic in Nis, Serbien. Foto: dpa

  2. Traurige Briefe der Mitschüler von Dejan Ametovic (10) Foto: schneider

  3. Innenminister Reinhold Gall Foto: dpa

Heftige Debatte um eine Abschiebung: Am 20. Januar wurde die Roma-Familie Ametovic aus Freiburg nach Serbien zurückgeschickt, die Empörung war sofort groß. Vor einer Woche waren Mitarbeiterinnen des Jugendhilfswerks und der SPD-Kreischef Julien Bender bei den Ametovics im Roma-Lager Niš – ihr Bericht widerspricht dem des Innenministeriums.

Kein Strom, kein fließendes Wasser, ein Loch als Toilette und verwesende Tierkadaver rund um die Baracken, in denen Menschen leben – so schildert die Freiburger Reisegruppe, belegt mit Fotos und Videos, das Roma-Lager Niš. Am Dienstag wurde der Bericht öffentlich, am Donnerstag lud das Jugendhilfswerk zur Pressekonferenz ein – dessen Mitarbeiterinnen hatten die Familie seit ihrer Ankunft im Herbst 2013 betreut, weil die 29-jährige Mutter Sadbera Ametovic als überfordert gilt. Das Freiburger Jugendamt sah im Herbst das Kindeswohl für den Fall gefährdet, dass man der Familie die Unterstützung entzieht. Die sechs Kinder sind zwischen einem und zehn Jahren alt, fast alle haben, wie die Mutter, chronische Krankheiten, eines eine geistige Behinderung, und wegen jahrelanger Mangelernährung in serbischen Roma-Lagern sind alle kleinwüchsig.

Werbung


"Die Menschen in Niš leben unter unmenschlichen Bedingungen, da ändert ein bisschen Unterstützung nichts." Carlos Mari
Der Vater, der mit abgeschoben wurde, sei "kaum präsent", die Mutter kümmere sich allein um die Kinder, sagt Dajana Reiser vom Jugendhilfswerk. Die Eltern sollen sich mehrmals getrennt haben. Damit, dass eine so belastete Familie – dazu mitten im Winter – abgeschoben würde, hatte niemand gerechnet – obwohl die Petition, die der große Unterstützerkreis der Ametovics im Herbst eingereicht hatte, von der grün-roten Mehrheit im Petitionsausschuss abgelehnt worden war. Nach der Abschiebung war in Freiburg die Empörung groß. So verurteilten der grüne Oberbürgermeister Dieter Salomon und SPD-Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach die Entscheidung, inzwischen haben sich die Freiburger Fraktionen von SPD und Grünen brieflich an den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und den SPD-Innenminister Reinhold Gall gewandt, der Gemeinderat unterstützt sie. Alle Unterstützer fordern eine Rückkehr der Ametovics.

Kretschmann und Gall verteidigen die Abschiebung – am Donnerstag beharrte der Innenminister erneut darauf, sie sei "geboten und zumutbar" gewesen. Seit dem Bericht aus Niš verhärten sich die Fronten und die Darstellungen widersprechen einander. Die Familie schildert das Elend in Serbien und klagt, dass sie dort keinerlei Unterstützung erhalten habe und vom Flughafen in Belgrad ohne Fahrkarte nach Niš fahren musste – was sogar zu einem Bußgeld geführt habe. Das Ministerium versichert dagegen, laut dem serbischen Flüchtlingskommissariat sei die Familie nach der Ankunft befragt worden, ob sie medizinische Hilfe oder eine Unterkunft brauche. Das habe sie abgelehnt. Am 28. Januar sei dann der serbische Beauftragte für Flüchtlinge bei den Ametovics gewesen, der Vater habe gesagt, dass er inzwischen einen Antrag auf Sozialhilfe gestellt habe.

Nach den Schilderungen der Freiburger, die auch mit Nichtregierungsorganisationen sprachen, reicht die Sozialhilfe nicht zum Überleben. Es gehe außerdem um deutlich mehr, sagt Carlos Mari, der Geschäftsführer des Jugendhilfswerks, der die neuen Darstellungen des Innenministeriums anzweifelt und sie prüfen will: "Die Menschen in Niš leben unter unmenschlichen Bedingungen, da ändert ein bisschen Unterstützung nichts."

Droht die Obdachlosigkeit?

Die Freiburger berichten, dass die Ametovics tagsüber auf neun Quadratmetern beim Vater von Sadbera Ametovic und nachts in der Baracke eines Onkels leben, der – selbst abgewiesener Flüchtling – bald aus Deutschland zurückkehre. Dann drohe Obdachlosigkeit. Auch in der Landesregierung verschärfen sich die Diskussionen: Oliver Hildenbrand, einer der beiden Landesvorsitzenden der Grünen, kritisierte den Innenminister. SPD-Generalsekretärin Katja Mast warf wiederum dem Grünen vor, er wälze die Verantwortung auf seinen Koalitionspartner ab und "sollte sich die Worte seines eigenen Ministerpräsidenten zu Herzen nehmen".

Die Freiburger Landtagsabgeordneten Edith Sitzmann (Grüne) und Gabi Rolland (SPD) hatten seit Herbst erfolglos für die Ametovics gekämpft; Sitzmann verhandle derzeit mit dem Innenminister über eine Offenlegung der Kriterien zur "humanitären Einzelfallprüfung", sagt ihr Sprecher Niklas Janssen – da gebe es "Bewegung".

Grüne fordern "Klärung der widersprüchlichen Informationslage"

Die Landesgrünen wollen vor einer Bewertung die "Klärung der widersprüchlichen Informationslage" abwarten, sagt ihr Sprecher. Gabi Rolland sagt, dass sie nun zwar keine "Persona non grata" in der SPD sei, aber eine große Mehrheit habe sie auch nicht hinter sich.

Mehr zum Thema:

Autor: Text: Anja Bochtler, Videos: Jugendhilfswerk Freiburg, Stefan Hupka, Daniel Laufer