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23. Mai 2015 00:00 Uhr

Unterrichtsversuch

Freiburger Schule: In der Kapriole ist fast alles erlaubt

In der Freiburger Schule Kapriole ist der Name Programm: Sie lehrt Kinder völlige Selbstbestimmung, niemand wird zu irgendwas gezwungen. Aber schadet zu viel Freiheit nicht auf Dauer?

  1. Schön im Grünen, auf einer Insel der Glückseligkeit: Die Kapriole setzt auf zwangloses Lernen. Foto: Patrik Seeger/Bernd Eberhart

  2. Entspannen im Grünen: Auch der Unterricht findet oft im Garten statt. Foto: Bernd Eberhart

Mit verschränkten Beinen sitzt die 16-jährige Lola auf dem Turnkasten und mustert die Runde. Ein bunter Haufen ist das, der sich zur wöchentlichen Schulversammlung in der Kapriole versammelt hat. Einige fläzen sich auf dem Mattenwagen, einer steckt rücklings in einer Kiste fest, ein Mädchen ist auf den Sprungbock geklettert. Einige der kleinen Schüler kuscheln sich bei den älteren auf den Schoß. Und dazwischen sitzen die Lehrer auf dem Boden. Das soll eine Schule sein?

Willkommen in der Kapriole, der freien demokratischen Schule im Freiburger Osten. Der Name ist Programm: Sie lehrt Kinder völlige Selbstbestimmung, niemand wird zu irgendetwas gezwungen. Das Konzept ist abenteuerlich, dagegen wirkt selbst die Waldorfschule wie eine Militärakademie. Aber kann das vielleicht doch funktionieren?

Inmitten des Durcheinanders ist es erstaunlich schnell ruhig. Vielleicht, weil Lola ziemlich gut streng gucken kann. Vielleicht aber auch, weil die Schüler wissen, dass es in der Versammlung um sie selbst geht, um ihr Miteinander, um ihren Schulalltag. Jede Woche haben die Schüler hier die Möglichkeit, Vorschläge für besseren Unterricht an ihrer Schule zu machen. Oder für anderen Unterricht. Oder für gar keinen.

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Alles ist verhandelbar an der Kapriole, vorausgesetzt es bewegt sich im Rahmen der deutschen Gesetze. Jeder Anwesende, ob Schüler oder Lehrer, hat genau eine Stimme. Die Schüler könnten also theoretisch bestimmen, dass an der ganzen Schule lauter Reggae läuft. Oder dass alle Räume giftgrün gestrichen werden, dass man nur noch in Anzug und Krawatte oder im Bikini in die Schule gehen darf oder dass es jeden Tag Hamburger mit Pommes gibt. Passieren wird das wohl nicht – denn vor einem Beschluss werden alle Anliegen ausgiebig diskutiert. Und mit Quatsch kommt man in der Schulversammlung nicht durch. Die Schüler sind es gewohnt, sachlich und klar zu diskutieren, sich gegenseitig ernst zu nehmen und zu respektieren. Und auch jemandem mal deutlich die Meinung zu sagen.

Demokratie ist anstrengend. Sie kostet Zeit, und ist mitunter öde.
"Also, wer ist dafür, dass wir die Trimester beibehalten?", fragt Lola. Keiner. "Und wer will in Zukunft lieber Semester haben?" Auch keiner. Enthaltungen: 22. In der nächsten Runde steht es vier zu vier, 13 Enthaltungen – ein Schüler hat sich inzwischen aus dem gelben Zimmer verdrückt. Nun ja, damit bleibt es bei den Trimestern.

Ganz anders die Diskussion zu den Wasserschlachten, die dauernd stattfinden, seitdem die ersten Sonnenstrahlen in den Kapriole-Garten scheinen: Die Terrasse wird matschig, die Flure nass und manch friedfertiges Gemüt steht plötzlich triefend auf der Wiese. Das nervt einige Schüler ganz gewaltig, und eine Wasserverschwendung sei es obendrein. Andere finden, das sei der Spaß schon wert – und halten dagegen.

Letztendlich stimmen 33 Konferenzteilnehmer für verschärfte Regeln: Nasse Wasserkrieger kommen nicht ins Haus, es soll extra Wasserschlachten-Ordner geben, Zivilisten werden verschont.

Es ist nicht so, dass es an der Kapriole keine Regeln gibt. Aber eben auch die sind verhandelbar – und werden von allen gemeinsam bestimmt. "Natürlich gibt es Regeln und Pflichten", sagt Niklas Gidion, der seit elf Jahren als Lehrer an der Kapriole arbeitet. "Wir wollen aber, dass die Schüler gute Argumente dafür finden, dass sie schlechte Regeln ändern und Verantwortung für ihre Regeln übernehmen. Wir wollen niemanden zu blindem Gehorsam erziehen."

Darum gibt es an der Kapriole bewusst viel Freiraum, für Gespräche und Diskussionen, für eigene Ideen und Projekte. Es gibt so viel Freiraum, dass man es kaum glauben kann: Überall laufen Kinder und Jugendliche durcheinander, spielen mit Legosteinen, Bällen oder Frisbees, hüpfen durch den Garten, buddeln im Sand, werkeln mit Holz, telefonieren, quatschen, lachen. Manche sitzen mit einem Buch auf dem Sofa oder schnappen sich jemanden, der ihnen vorliest. Die Kapriole fühlt sich an wie eine Mischung aus Zeltlager, Backpacker-Hostel und der Kinderecke in der Stadtbibliothek. "Aber wo sind denn jetzt eure Klassenzimmer?", fragt man erstaunt. "Und wann ist die Pause vorbei, wann müsst ihr in den Unterricht?"

Da müssen sie lachen, die Kapriole-Kinder. Wieso denn Pause? So sieht das hier immer aus. Es sind auch nicht etwa Ferien oder Projekttage. Aber Unterricht findet nur dann statt, wenn er gewünscht wird. Alle Schülerinnen und Schüler der Kapriole dürfen tun, wonach ihnen der Sinn steht: Wasserschlacht, Deutsch, Fußball, Mathematik. Sie sind auch frei zu gehen, wohin sie wollen. Es gibt keine Klassenzimmer, ja nicht einmal Klassen im herkömmlichen Sinne. Schüler aller Altersstufen können verschiedene Lernangebote aus dem Wochenplan gemeinsam wahrnehmen – sofern sie Lust dazu haben.

Zu viel Freiheit kann für schwache Schüler zum Problem werden

Klassenarbeiten, Noten, Zeugnisse? Kennen sie nicht. Leistungsdruck, Sitzenbleiben? Ohne Klassen gar nicht möglich. Niemand wird zum Lernen gezwungen, selbst wenn er mit zehn noch nicht lesen und schreiben kann, oder mit fünfzehn noch nie den Matheunterricht besucht hat. Die Lehrer machen Angebote. Sie können diese möglichst attraktiv gestalten, sie führen Beratungsgespräche als Vertrauenslehrer, sie können überzeugende Argumente für bestimmte Angebote liefern – aber sie zwingen keinen Schüler, daran teilzunehmen.

Da schwirrt einem der Kopf vor lauter Freiheit. Hat man sich denn nicht selbst lange Jahre durch die Schule gekämpft, Geometriearbeiten und Französischtests verhauen, Geschichte-Doppelstunden im Nachmittagsunterricht ertragen, schlechte Noten vor den Eltern versteckt, beste Freunde an die Ehrenrunde verloren, unfähige Lehrer verachtet, gepaukt, getan und gemacht? Wäre all das etwa gar nicht nötig gewesen? Oder bleibt bei so viel Freiheit eben doch das Lernen auf der Strecke?

Der Bildungsforscher Rainer Watermann von der Freien Universität Berlin findet, dass das schon ein sehr radikaler Ansatz sei, den die Schule verfolge. Zwar kennt er die Kapriole nicht persönlich, darum könne er keine konkreten Aussagen zu dieser Schule machen. Aber er sieht Parallelen zur Laborschule in Bielefeld, die er über einen längeren Zeitraum erforscht hat. Die Laborschule bietet auch große Freiheiten in jungen Schuljahren, ist vor allem später, aber deutlich strukturierter als die Kapriole. "Das kann ganz wunderbar funktionieren", sagt Watermann. Die Schüler können durchaus gute Lernergebnisse haben. Wechseln sie zur Oberstufe auf eine Regelschule, haben sie meist genau so gute Leistungen wie andere Schüler – vor allem die Mädchen. Aber man müsse sich darüber im Klaren sein, dass nicht alle Jugendlichen gleich gut mit solch offenen Formen umgehen können. Besonders für leistungsschwächere Schüler kann dies eine ziemliche Überforderung bedeuten. Außerdem bauten in vielen Fächern die Inhalte aufeinander auf. Watermann fragt sich: "Kann man Mathe wirklich noch gut lernen, wenn man das sieben Jahre lang nicht gemacht hat? Oder werden da Lernchancen vertan?" Statt Disziplin ist auf der Kapriole also Selbstdisziplin gefragt, statt Fremdbestimmung Selbstbestimmung.

Auf der Terrasse schleicht sich einer der jüngeren Schüler um die Ecke, eine riesige Wasserspritzpistole unterm Arm. Zum Glück Entwarnung: "Die ist mir gerade kaputt gegangen", erklärt der Kleine. "Aber ich weiß schon, wie ich die reparieren kann. Ich geh mal zu Norbert in die Werkstatt!"

"Unsere Schüler haben nicht Jahre lang Anweisungen befolgt", sagt Niklas Gidion, den sie hier wie alle Lehrer beim Vornamen rufen. "Sie sind es gewohnt, Verantwortung für sich zu übernehmen. Und sie haben Lernen immer als eine Bereicherung ihrer Lebensqualität erfahren, nicht als ’Ich kann das nicht’ oder ’Ich bin doof’."

Das seien wichtige Voraussetzungen für die Freude am lebenslangen Lernen. Außerdem, Angebote wie Rechnen, Schreiben oder Lesen würden mit Abstand am häufigsten eingefordert, erklärt Gidion. "Die Schüler wollen ja Teil unserer Kultur und Gesellschaft sein. Lernen ist ein menschlicher Instinkt, ein Bedürfnis." Die Jugendlichen in diesem Bedürfnis zu unterstützen, darin sehen die Lehrer an der Kapriole ihre Aufgabe. "Wenn die Kinder selbst entscheiden dürfen, womit sie sich beschäftigen, wenn sie sich für den Stoff interessieren, dann ist Lernen viel effektiver", sagt Gidion. "Wir waren als Schüler zwar immer physisch präsent, aber trotzdem haben wir vieles vergessen, was im Unterricht dran war."

Dass Lernen effektiv ist, wenn es von Interesse geleitet wird, das kann der Bildungsforscher Ulrich Trautwein von der Universität Tübingen bestätigen. Doch er warnt vor Einseitigkeit. Trautwein untersucht unter anderem die Persönlichkeitsentwicklung und die Effektivität des Bildungssystems. "Es ist schon so, dass Schülerinnen und Schüler dann am besten lernen, wenn sie denken, sie können etwas gut oder wenn sie denken, es bringt ihnen was."

Dass ein Inhalt "etwas bringt", das könne aber ganz unterschiedliche Bedeutungen haben: Im besten Fall findet ihn der Schüler tatsächlich spannend. Er kann das Thema jedoch auch uninteressant, aber dennoch wertvoll finden. Oder der Schüler findet den Stoff langweilig und wenig wertvoll zugleich, weiß aber, dass er ihn für die nächste Klassenarbeit braucht – und setzt sich trotzdem an den Schreibtisch, gänzlich extrinsisch motiviert. "Mathe etwa interessiert viele Schüler überhaupt nicht", sagt Trautwein. "Aber kann man wirklich, wenn man 13 ist, entscheiden ob Mathe wichtig ist? Was ist, wenn man später zum Beispiel Psychologie studieren will?"

Auch für den Bildungsforscher ist der Knackpunkt also die Selbstregulation. "Gelungene Selbstregulation bedeutet eben auch, dass man gelernt hat, Dinge rechtzeitig und zügig zu erledigen, auf die man wenig Lust hat."

Was ist, wenn das Kind mit 13 noch nicht schreiben kann? Gute Frage

Die Kapriole ist keine Elite-Schule, die Eltern sind eher im alternativen Milieu zu Hause. Doch auch für sie kann ein solch freier Lernprozess herausfordernd sein. Obwohl sich alle bewusst für die Kapriole entschieden haben, kommen irgendwann Zweifel – wenn die Tochter immer noch nicht richtig schreiben kann, der Sohn kaum das Einmaleins kennt. Das erfordert viel Vertrauen in das Schulkonzept – und in die eigenen Kinder. Tatsächlich schätzen die meisten Kapriole-Kinder ihr Fachwissen im Vergleich zu gleichaltrigen Regelschülern als geringer ein. Was an der Kapriole aber auffällt, das ist die Offenheit, mit der die Jugendlichen Außenstehenden und auch sich gegenseitig begegnen; der Respekt, den sich Schüler und Lehrer entgegenbringen, die Diskussionskultur. Vor allem aber die Überzeugung, mit der die Schülerinnen und Schüler hinter ihrer Schule stehen, die Begeisterung, mit der Schüler und Lehrer jeden Tag in die Kapriole gehen. Schulangst, Mobbing, Burnout, Notendruck, die alltäglichen Gespenster in tausenden von Klassenzimmern, hier sind sie nicht zu finden.

Unter bestimmten Voraussetzungen funktioniert die Kapriole gut. Aber ja, sie ist eine Utopie. Nicht zuletzt funktioniert die alternative Schule auch wegen des großen Engagements der Eltern, wegen deren Gelassenheit und Vertrauen in eine Welt, in der Respekt und Kommunikation mehr zählen als harte Fakten und Ergebnisse. Bis auf eine Ausnahme haben bisher alle Schüler an der Kapriole eine offizielle Haupt- oder Werkrealschulprüfung abgelegt. Viele von ihnen gehen später auf eine normale Oberstufe, machen Abi, studieren. "Aber wir leben unseren Schülern keine Leistungsgesellschaft vor", sagt Lehrer Gidion. Die Banker und Chefärzte, die Manager und Millionäre der nächsten Generation, sie gehen vermutlich nicht auf die Kapriole. Vielleicht werden manchen Schülern – den unstrukturierten, schwachen, sprunghaften – hier auch Chancen genommen und Perspektiven verbaut.

Der Englischunterricht, der laut Tagesplan gerade stattfinden sollte, fällt aus. "Zu schönes Wetter", sagt die Lehrerin. Von draußen dringt aufgeregtes Rufen und Lachen herein: Vulkanausbruch im Sandkasten. Im Krater haben ein paar Jungs Feuer gemacht, der Vulkan spuckt ordentlich Rauch aus. So macht Schule Spaß.
Die Kapriole

150 Kinder besuchen die freie demokratische Schule im Freiburger Osten, betreut von 20 Pädagogen. Ähnlich wie die Summerhill-Schule in England setzt die Kapriole auf basisdemokratische Mitgestaltung, Selbstbestimmung und freiwilligen Unterrichtsbesuch. Getragen wird die Schule von einem privaten Verein, finanziert wird sie durch staatliche Zuschüsse und ein von den Eltern bezahltes Schulgeld von 100 bis 300 Euro im Monat. Seit 1997 ist die Kapriole staatlich genehmigt. Zunächst als Grundschule, seit 2003 auch mit Sekundarstufe. Die Schüler können einen Haupt- oder Werkrealschulabschluss ablegen.

Autor: Bernd Eberhart