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17. Juli 2017

Diskussion mit Bundestagsabgeordneten

Freiburger Verein „All We Do“ bringt Bürger und Politiker an einen Tisch

Wenn auch Politiker zuhören müssen

  1. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Matern von Marschall (rechts) im Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern Foto: Rita Eggstein

FREIBURG. Edding-Stifte quietschen auf den Tischdecken aus weißem Papier. Sonst ist nicht viel zu hören: Die Menschen an den Tischen denken nach, schreiben auf die Papierdecken, denken nach, schreiben. Dann bimmelt es. Jetzt darf gesprochen werden. Die Wahlveranstaltung, die der Freiburger Verein "All We Do" im Schlossbergsaal des Freiburger SWR-Studios organisiert hat, will anders sein. Da sitzen nicht Politiker auf der Bühne und reden, während das Publikum schweigt. Hier sprechen vielmehr die Menschen direkt mit den Politikern.

Entsprechend ist das Arrangement der Veranstaltung: An zwölf Tischen sitzen jeweils ein Politiker, ein Moderator und fünf, sechs Bürger. Auf jedem Tisch liegen zwei Karten. Auf der einen ist ein Problem benannt, auf der anderen ein Wert. Beides soll im Gespräch zusammengebracht werden. Wer dabei zu weit ausholt, den stoppt der Moderator.

An einem der Tische sitzt die grüne Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae, eine der sechs Freiburger Direktkandidatinnen und -kandidaten für die Wahl im September, die sich hier eingefunden haben. Einen Tisch weiter hat Julien Bender von der SPD Platz genommen, weiter hinten der CDU-Bundestagsabgeordnete Matern von Marschall. Außerdem reden Freiburger Gemeinderäte mit.

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Um Andreae herum sitzt eine Handvoll Bürger, die sich über die Website von "All We Do" zu diesen Gesprächen angemeldet haben. Das Thema am Tisch: Digitalisierung; der Wert: Aufrichtigkeit. Zunächst soll jeder auf der Tischdecke niederschreiben, welche positiven Erfahrungen er in Sachen Digitalisierung sammeln konnte. "Bedeutung von seriösem, verantwortungsvollem Journalismus", schreibt eine Frau. Andreae vermerkt "Umgang lernen, Information hinterfragen, Nachdenken". Eröffnet wird das Gespräch mit einem Glöckchen. In Sachen Digitalisierung sei er ein Dinosaurier, beginnt ein älterer Herr. Anfangs habe ihn das Digitale enttäuscht, jetzt könne er wieder darauf vertrauen. So geht es reihum, einer redet, die anderen hören zu.

Am Tisch von FDP-Kandidat Adrian Hurrle stehen Populismus und Verbundenheit zur Diskussion. Wie das zusammenbringen? Eine junge Frau erzählt von ihren Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe, von Patenschaften und Integrationshilfen. Von der Politik wünscht sie sich ein "offenes Ohr und viel mehr Transparenz", als Helfer müsse man wissen, wie es mit den Menschen weitergehe, um die man sich kümmere.

Die Tischdebatte verläuft nach der sogenannten Weltcafé-Methode. Da muss die Meinung des Gegenübers auch mal ausgehalten werden, keiner darf sich selbstverliebt in Rage reden. "Wir können uns häufig nicht mehr zuhören", beklagt Wanja Kunstleben, erster Vorsitzender von "All We Do", zu Beginn. Dabei sei Zuhören wichtig im demokratischen Miteinander. "All We Do" – die Buchstaben stehen für "Allianz für Werteorientierte Demokratie" – will dieses Miteinander voranbringen. Gegründet hat sich der Verein im März. Nach dem Brexit-Votum und der Wahl Trumps hatten es Kunstleben und sein Mitgründer Peter Behrendt nicht mehr auf dem Sofa ausgehalten. Sie wollten, so Kunstleben, der "Rezession der Demokratie" etwas entgegensetzen. Die jetzige Veranstaltung ist die erste Aktion des Vereins.

Für die zweite Runde werden die Gruppen neu gemischt. Jetzt stehen die Werte im Fokus. Ob sie in Gefahr sind? Am Tisch von SPD-Gemeinderätin Julia Söhne ist man schnell beim G-20-Gipfel. Er sei Hamburger, erzählt ein Mann – graue Haare, 50 plus – und habe noch Kontakte dorthin. Schade fände er es, dass man sich nicht mehr über die Ursachen Gedanken mache, warum das eskaliert sei. Am Tisch daneben arbeitet man sich mit dem AfD-Kandidaten Volker Kempf an dem Themenpaar Globalisierte Wirtschaft und Soziale Verantwortung ab. Man ist sich einig, Kempf nickt viel. Die Bürger beschreiben ihr Dilemma: "Nur gegen Fleisch sein reicht nicht. Schließlich brauchen wir Weidevieh, um Flächen frei zu halten", sagt einer.

Andiskutieren statt ausdiskutieren. So soll der Abend sein, so ist er auch. Inhaltlich flüchtig. Sonst hätte es an der einen oder anderen Stelle vielleicht doch gekracht. Simone Ungerath hat der Abend Mut gemacht. Was sie in der Öffentlichkeit häufig wahrnehme, sei eine negative Stimmung. "Hier war das anders. So viel positive Energie." Nach zweieinhalb Stunden ist Schluss. Hände und Unterarme, die auf den Papierdecken gelegen haben, sind mit Edding verschmiert. Die Debatten sind kleben geblieben – nicht nur dort.

Autor: Stephanie Streif