SPD-Generalsekretärin Luisa Boos

GESICHT DER WOCHE: Unzufrieden hoffnungsvoll

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

So, 21. Januar 2018

Südwest

Ein Abstecher in die Eishalle, um den EHC Freiburg am Freitagabend anzufeuern – das war die einzige Ablenkung, die sich Luisa Boos diese Woche vorstellen konnte. Die baden-württembergische SPD-Generalsekretärin erlebt stressige Tage und niemand weiß, wie viele demnächst noch folgen. Sitzungen und Verhandlungen füllten den Terminkalender der 33-Jährigen, stets ging es um die Beantwortung der Frage, ob die SPD auf dem Weg zu einer Koalition mit der CDU/CSU bleiben soll oder nicht. Die Suche nach der richtigen Antwort treibt die Sozialdemokraten um, egal ob sie sich in Sexau, wo Luisa Boos lebt, im Ortsverein treffen, oder ob die Spitze der Landes-SPD in Stuttgart mit dem Geschäftsführer der Gesamtpartei, Lars Klingbeil, die schwierige Situation analysiert.Gestern ist Boos in den Zug nach Bonn gestiegen, beim SPD-Sonderparteitag will sie heute eine Rede halten und danach dafür stimmen, ihre Partei möge in Koalitionsverhandlungen mit den Unionsparteien einsteigen.

Für ihre Parteifreunde aber auch zur Klärung der eigenen Position hat Luisa Boos eine Denkschrift zum Dilemma ihrer Patei verfasst. "Ich bin unzufrieden mit allen Optionen", schreibt die ehemalige Politikwissenschaft-Studentin: Eine neue große Koalition des "Weiter so", in der die SPD so manche Kröte als "historischen Kompromiss" schlucken soll, ist für Boos ebenso wenig wünschenswert wie eine schwarze Minderheitsregierung, die sich manchmal mit FDP und AfD "verbrüdern" könne, und hochriskante Neuwahlen für die eigene Partei. Vor diesem Hintergrund stellt Boos die Frage, was der SPD jetzt doch Hoffnung machen könne. Ihre Antwort beginnt – mit der SPD. Dort erlebe sie über alle Flügel hinweg den Wunsch nach Erneuerung, klarer Kante und Glaubwürdigkeit.

In dieser Verfassung könne man auf die guten Ergebnisse – bei der Rente, dem Wohnungsbau, der Europapolitik – der Sondierungen mit CDU/CSU aufbauend doch Koalitionsverhandlungen mit den Unionsparteien beginnen. An deren Ende aber müsse die SPD mehr durchgesetzt haben als während den Sondierungen: Die Bürgerversicherung dürfe kein Tabu sein, in der Migrationspolitik müsse die CSU den Sozialdemokraten beim Familiennachzug für syrische Flüchtlinge nachgeben. Dann könnte Boos für zwei Jahre die ungeliebte GroKo ertragen und ihre ganze Kraft der programmatischen Erneuerung der SPD widmen – und entspannter den Freiburger "Wölfen" die Daumen drücken. TN