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06. April 2013

Grundlage für eine hitzige Diskussion

Zu dem geplanten Nationalpark im Nordschwarzwald stellt das Ministerium für Ländlichen Raum am Montag das mit Spannung erwartete Gutachten vor.

  1. Gegner und Befürworter haben Tausende Aufkleber rund um Baiersbronn verteilt. Foto: dpa

FREIBURG. Am Montag ist es so weit: Das Ministerium für Ländlichen Raum stellt das Gutachten zum Nationalpark vor, den es im Nordschwarzwald einrichten möchte. Es soll die monatelange heftige Diskussion über das Projekt auf eine möglichst sachliche Grundlage stellen. Bekanntlich sind vor Ort viele Menschen gegen das Schutzgebiet, das das erste in Baden-Württemberg wäre. In allen anderen Flächenländern außer Rheinland-Pfalz gibt es bereits einen Nationalpark.

Aus dem unabhängigen Gutachten soll hervorgehen, wie sich ein Nationalpark auf Tourismus, Wirtschaft und Naturschutz in der Region auswirken könnte. Nach einer öffentlichen Diskussion über das Gutachten will die grün-rote Landesregierung entscheiden, ob sie den Gesetzentwurf zur Einrichtung des Nationalparks in den Landtag einbringt. An dem geplanten Nationalpark gibt es vor allem von Seiten der Holzindustrie Kritik, aber auch von einigen CDU-Politikern, der FDP und Bürgern der betroffenen Gemeinden wie Baiersbronn. Sie fürchten, dass in einem großteils sich selbst überlassenen Wald Borkenkäfer für ähnliche Schäden sorgen könnten, wie es in den 70er Jahren im ersten deutschen Nationalpark im Bayerischen Wald der Fall war. Naturschützer und die Tourismusbranche begrüßen die Pläne hingegen. Zehn Mal zehn Kilometer Wildnis reserviert für seltene Tiere und Pflanzen sowie Erholung pur – für Naturliebhaber ist die Vorstellung faszinierend.

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Im Streit insbesondere mit einer kleinen Gruppe radikaler Gegner ist Naturschutzminister Alexander Bonde der Holz- und Sägeindustrie deutlich entgegengekommen. Der Grünenpolitiker bot an, dass die Sägewerke die Holzmengen, die der Industrie in dem geplanten Park verloren gehen, aus anderen Gebieten des Staatsforstes bekommen. "Damit ist sichergestellt, dass ein möglicher Nationalpark keine Arbeitsplätze in der Sägeindustrie und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen kostet", sagte Bonde in Stuttgart. "Der Nationalpark wäre für sie vollkommen neutral in den Auswirkungen."

Insgesamt werden im Staatswald Baden-Württemberg jährlich bis zu 2 500 000 Festmeter Holz eingeschlagen. Aus dem Suchraum eines möglichen Nationalparks kommen nach bisherigen Schätzungen jährlich rund 50 000 Festmeter Holz – also etwa zwei Prozent der Gesamtmenge. Die Menge, die es zu kompensieren gelte, sei so gering, dass sie keine Auswirkungen auf die Rohstoffversorgung der Industrie, die Arbeitsplätze oder die Marktpreise habe, so der Minister.

Auch auf die Menschen in der Region ist der in Baiersbronn lebende Bonde bereits zugegangen. Ein paritätisch besetztes Gremium mit Vertretern von Land und Region soll die Geschicke eines möglichen Nationalparks Nordschwarzwald lenken. "Kommt der Nationalpark, redet die Region auf Augenhöhe mit", sagte Bonde. In keinem anderen deutschen Nationalpark habe die Region derart weitreichende Mitsprachemöglichkeiten. Der Nationalparkrat soll beispielsweise einen Managementplan aufstellen, den Besucherverkehr lenken und ein Verkehrskonzept erarbeiten.

Mit dem Angebot ist das Ministerium auf Forderungen eingegangen, die im Dezember sieben regionale Arbeitsgruppen gestellt hatten. 150 Fachleute aus der Region hatten sich monatelang mit den möglichen Folgen eines Nationalparks für die Region beschäftigt. Das Resümee: Die Einrichtung dürfe nicht nur der Natur Vorteile bringen, sondern müsse sich auch für Wirtschaft und Tourismus lohnen. Diese Erkenntnisse werden auch Teil des Gutachtens sein. Zudem waren alle Haushalte in der Region angeschrieben und aufgefordert worden, Fragen und Bedenken einzuspeisen. Auch diese sollten im Gutachten aufgearbeitet und beantwortet werden.

Inwiefern sich die Offenheit gegenüber den Parkgegnern auszahlen wird, ist noch fraglich. Anfang des Jahres sahen sich sogar die beiden evangelischen Landesbischöfe genötigt, Gegner und Befürworter des Nationalparks zu einer fairen Diskussion aufzurufen. Mit Sorge beobachteten sie, dass manche Kritiker im Umgang mit Andersdenkenden "eine zunehmend unangemessene Schärfe bis hin zu persönlichen Anfeindungen praktizieren", teilten Ulrich Fischer (Karlsruhe) und Frank Otfried July (Stuttgart) damals mit.

Einen ersten Eindruck der Stimmung wird Minister Bonde am Dienstag erhalten, wenn das Gutachten erstmals in der Region vorgestellt wird. Bemüht um größtmögliche Transparenz wird die Veranstaltung in Bad Wildbad live im Internet auf http://www.nordschwarzwald-nationalpark.de übertragen. Eine Woche später kommt dann Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) mit zu dem Termin in Ottenhöfen im Ortenaukreis.

NATIONALPARK

Ein Nationalpark besteht aus drei Zonen: In der Kernzone wird überhaupt nicht mehr in die Natur eingegriffen. Diese Gebiete gelten als Rückzugsräume für seltene Tier- und Pflanzen. In den Entwicklungszonen greifen die Menschen noch ein. Im Nordschwarzwald könnten etwa Fichten geschlagen und durch Tannen oder Buchen ersetzt werden. Bis zu einem Viertel der Fläche kann auch als Management-Gebiet genutzt werden. Darunter fällt die Beweidung von Wiesen mit Schafen und Rindern. Wanderwege und Loipen bleiben bestehen. Nationalparks sind nicht zu verwechseln mit Naturparks. Diese sind viel größer, aber weniger streng geregelt, weil Naturschutz und Landschaftspflege stärker mit den Interessen von Erholungssuchenden im Einklang stehen sollen.  

Autor: dpa/phi

Autor: Martina Philipp und dpa