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19. Januar 2012 09:00 Uhr

Justizopfer

Harry Wörz bekommt 41.900 Euro Haftentschädigung

Jahrelang saß er zu Unrecht in Haft, weil er angeblich seine Frau töten wollte. Jetzt bekommt Harry Wörz eine erste Entschädigung. Ermittelt wird weiter – gegen einen Polizisten.

  1. Harry Wörz saß in Haft, weil er angeblich seine Frau töten wollte. Foto: dpa

Nach seinem endgültigen Freispruch hat das Justizopfer Harry Wörz eine Haftentschädigung erhalten. Der gelernte Installateur saß viereinhalb Jahre unschuldig in Haft, weil er angeblich seine Frau fast erwürgt haben sollte. Oberstaatsanwalt Jürgen Gremmelmaier von der Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe bestätigte am Mittwoch einen Bericht der "Pforzheimer Zeitung", wonach Wörz Ende vergangenen Jahres im Haftentschädigungsverfahren einen Vorschuss in Höhe von insgesamt 41.900 Euro erhalten habe. Für seine 1676 Tage im Gefängnis waren dies 25 Euro pro Hafttag.

Wörz macht aber noch materielle Schäden durch die Haft geltend, über die noch entschieden werden muss. Der Fall Harry Wörz war eines der spektakulärsten Justizdramen. Wer der Täter war, ist noch immer unklar. Mehr als 13 Jahre lang dauerte das Justizdrama, bis der 45-Jährige aus Birkenfeld bei Pforzheim Ende 2010 endgültig und rechtskräftig vom Bundesgerichtshof freigesprochen wurde.

Die BGH-Richter hatten damals auch heftige Kritik an den Ermittlungen der Polizei geübt: Denn der damalige Liebhaber der Frau, ein Pforzheimer Polizist, wurde zu spät in Betracht gezogen. Der Mann, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt, schweigt jedoch. Die Polizei in Pforzheim bestätigte Informationen der "Pforzheimer Zeitung", wonach der seit Januar 2010 vom Dienst suspendiert Beamte freigestellt worden ist, aber weiter sein Gehalt bezieht. "Letztlich gilt die Unschuldsvermutung", begründete dies ein Sprecher.

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Seit dem rechtskräftigen Freispruch versuchen Karlsruher Ermittler herauszufinden, ob der Polizist seine damalige Geliebte umbringen wollte, oder ob ein anderer Täter infrage kommt. Die Frau selbst ist seit der Tat ein Pflegefall und kann sich nicht mehr äußern. "Unsere Versuche, nach der wechselvollen Prozessgeschichte Licht ins Dunkel zu bringen, sind noch nicht abgeschlossen", sagte Rainer Bogs von der Staatsanwaltschaft Karlsruhe. Ob Anklage erhoben wird, ist offen.

Wörz war 1998 wegen versuchten Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren verurteilt worden. Die Revision wurde abgewiesen, damit war das Urteil zunächst rechtskräftig. Die Wende brachte im Jahr 2001 ein Zivilprozess: Die mittlerweile von Wörz geschiedene Frau forderte – vertreten durch ihre Betreuer – Schadenersatz und Schmerzensgeld. Das Zivilgericht stellte schwerwiegende Mängel bei den Ermittlungen fest. Wörz erreichte eine Wiederaufnahme des Verfahrens. 2005 wurde Wörz ein erstes Mal freigesprochen, doch der BGH ordnete eine Neuauflage des Prozesses an. 2009 sprach ihn das Landgericht Mannheim erneut frei – erst Ende 2010 bestätigte der BGH den Freispruch endgültig.

Autor: dpa