Literatur

Heinrich Hansjakob: Ein Grobian vor dem Herrn

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Von hal

Sa, 18. Juni 2016 um 00:00 Uhr

Südwest

Demokrat, Antisemit, Nerventeufel: Vor hundert Jahren starb der Volksschriftsteller Heinrich Hansjakob. Er stammte aus Haslach im Kinzigtal und polterte und predigte gegen fast alles.

Es ging hoch her in Haslach im Kinzigtal, im Jahr 1849; alle waren revolutionäre Narren oder, wie Hansjakob es später formulierte, "republikanisch verrückt". S’Gotterbarms Franzsepp, s’Oberlehrers Rudolf und Metzger Giges wurden wegen hochverräterischer Wirtshausreden verhaftet, der Nagler-Bührer und der Seifenazi planten die Umverteilung allen Besitzes. Gendarm Dürr schoss Stegenwebers Jörgle eine Ladung Schrot ins Bein, der Biremichele traf sich beim Exerzieren mit der Bürgerwehr versehentlich selber. Mitten im Getümmel: Der zwölfjährige Heinrich Hansjakob.

Sein Vater hielt als Stadtbäcker und Wirt wenig von der "Advokatenkomödie" Badische Revolution, aber Hansjakob, schon als Kind auf Krawall gebürstet, brach in den Hühnerhof des Pfarrers ein, um Hahnenfedern für seinen Heckerhut zu stibitzen. Der Coup misslang, wie die Revolution überhaupt. Beim Einmarsch der Sieger musste Hansjakob seinen ungefiederten Hut absetzen, eine Demütigung, die er den Preußen nie vergaß. Als Pfarrer in Hagnau und Freiburg, als Landtagsabgeordneter in Karlsruhe und Volksschriftsteller: Sein ganzes Leben lang trug Hansjakob einen wagenradgroßen schwarzen Hut. Und weil er "Freiheitsmann mit Leib und Seele", leicht erregbar und keiner Obrigkeit untertan war, ging ihm der Heckerhut ständig hoch.

Hansjakob polterte und predigte gegen: Preußen, Militarismus, Chauvinismus, städtische Kultur, alle Arten von Lärm vom Kindergeschrei bis zum "Brüllen des Fabrikteufels". Hansjakob schimpfte auf die "Herrenwedler", die "Buttermänner", Kriecher und "servilen Knochenseelen", die vor Königen und Fürsten in die Knie gingen. Er polemisierte gegen die liberalen Mastbürger, die Ausbeuter und "Kapitalisten". Er wetterte gegen Impfungen, aufwärts gedrehte Schnurrbärte, moderne Gebetbücher, Kunststoffe, Stahlfedern und Eisengitter, gegen das "schweinsmäßig grunzende/Landschaft verhunzende/Atem benehmende/Pesthauch ausströmende" Automobil, die Luftschiffe und die emanzipierten Weiber.

Er war der Schrecken

der Kirchenbürokratie

Der vielgerühmte Fortschritt war für ihn ein Rückschritt zur "Lumperei, zur Unnatur und zum Verderben". Hansjakob, so drückte es der spätere Reichskanzler Konstantin Fehrenbach 1916 in seiner Grabrede aus, war "nicht der Mann der ruhigen, ausharrenden Sachlichkeit", und dieses "stürmische Draufgängertum" war seine Schwäche und Stärke zugleich.

Der stockkonservative "Rebell im Priesterrock" (so der Titel von Manfred Hillenbrands Biografie) lag ständig im Streit mit Kirche, Staat und guter Gesellschaft, und dafür liebten ihn seine Schwarzwälder. Die badische Regierung verweigerte ihm die Lehrbefugnis, die Freiburger Universität die Promotion; zweimal saß Hansjakob im Gefängnis, 1870 wegen aufrührerischer Reden, 1872 wegen Beamtenbeleidigung. In der katholischen Presse und bei seinen Kollegen vom Zentrum galt er als Freischärler, Verräter, ja "heimlicher Lutheraner"; im erzbischöflichen Ordinariat dachte man ähnlich.

Umgekehrt hatte auch Hansjakob mit der "Kretinanstalt" und ihren "Kurial-Nullen" wenig am Hut. Mehr als einmal drohte er mit seinem "Austritt aus dem römischen Zuchthaus". Hansjakob stellte die päpstliche Unfehlbarkeit in Frage und hielt das Zölibat für eine Zumutung. Mindestens vier Kinder werden ihm zugeschrieben; 1868 soll sich in Waldshut sogar ein gehörnter Bierbrauer seinetwegen erschossen haben.

Bei Hansjakobs Begräbnis am 25. Juni 1916 sah man Bürgermeister, Minister, Professoren und sogar Protestanten im drei Kilometer langen Trauerzug, aber keinen Vertreter des Erzbischofs. Verständlich: Hansjakob war Schrecken und Geißel der Kirchenbürokratie, und er war gesegnet mit einem starken Selbstbewusstsein und Starallüren. Im Alter ließ er Fanpostkarten mit seinem Konterfei drucken. Ständig kränkelnd oder schreibend, auf Bildungs- oder Erholungsreisen, vernachlässigte er seine seelsorgerischen Pflichten eklatant. Schon in Waldshut gab es Klagen, der junge Herr Kaplan reite lieber mit Freunden aus, als die Frühmesse zu lesen. Die vier Kapläne, die ihm in Freiburg zur Hand gingen, beschwerten sich über ständige Absenzen ihres Vorgesetzten, "unwürdige Behandlung" und unchristliche Schimpfwörter.

Und Hansjakob war nicht nur ein großer Grobian vor dem Herrn: Zeitweilig horchte er für die bei Katholiken verhasste liberale Regierung sogar das Ordinariat und seinen langjährigen Gönner, Kanzleidirektor Heinrich Maas, aus. Zum Dank für seine Spitzeldienste bekam er 1884 die begehrte Freiburger Pfarrei St. Martin.

Den Zähringer Löwenorden lehnte er allerdings ab. Titel und Orden waren billige Mittel, um "loyale, hurra- und hochfreudige Untertanen" zu schaffen; nur den Stockacher Narrenorden ließ er sich anheften. Ein Hansjakob ließ sich nicht kaufen. Aber er hatte auch nichts gegen eine schöne Pfründe oder die komfortable Dichterklause in der Kartaus, ein Geschenk des Freiburger Oberbürgermeisters Otto Winterer.

Hansjakobs Werk ist fast so umfangreich wie das seines Zeitgenossen Karl May. Am Ende waren es 74 Bücher: Erzählungen, Romane, Biografien und autobiografische Schriften, Reiseerinnerungen, Tagebücher, Pamphlete, eher selten auch Predigten. Titel wie "Allerlei Leute und allerlei Gedanken" sind Programm: Hansjakob schrieb über alles, was ihm zu- oder übel aufstieß. Über seine Kindheit in "Hasle" und seine Freiburger Studentenzeit, über die "Lausbuben" in der Residenz, seine Festungshaft, seine Reisen, ja sogar – ein mutiger Schritt damals – über seine psychischen Krankheiten und Kuren. Selbst wenn er nur mit dem Zug von Freiburg nach Haslach fuhr, gab das Anlass für langatmige Betrachtungen über Sein und Zeit, Trachten und Tratsch, das Elend der Bummelbahnen und Lokalzügle. "Ohne Feder bin ich ein Soldat ohne Waffen", schrieb Hansjakob einmal, und so füllte er tapfer an die 20 000 Seiten. Sozial gut vernetzt, meinungsfreudig, rechthaberisch und für Selfies immer zu haben, wäre Hansjakob heute vermutlich Blogger bei Facebook und Instagram.

Hansjakob war zwar bekennender Egoist, aber er schrieb auch viel über die Menschen, die er in den Bauern- und Wirtshäusern zwischen Bodensee und Schwarzwald traf. Das "Leben des einfachsten und armseligsten Menschen verdiente es, aufgezeichnet und veröffentlicht zu werden", und so verstand sich Hansjakob vor allem als volkstümlicher Chronist, Kulturhistoriker und Sittenmaler des Schwarzwälder Volkslebens. Knorrige "Originalmenschen" wie die alte Mareile aus Gutach, Theodor, der Seifensieder, oder Gäns-Jokele, der letzte Gänsehirte von Haslach, waren für ihn "origineller, poetischer, charakterfester" als jeder Stadt- und Kulturmensch. Hansjakob erzählte anschaulich und sachkundig von Brauchtum, Dialekt, Trachten, Festen, Aberglauben, von reichen Erz- und Großbauern und armen Knechten, Tagelöhnern, Hausierern, Flößern und Bergleuten, von Säcklern, Stromern, Naglern und den wundertätigen "Sympathiedoktoren". Literarisch konnte er nicht einmal einem Ganghofer das Wasser reichen, geschweige denn Meistern wie Gotthelf oder Hebel. Seine Figuren sind hölzern, die Sprache ist schmucklos, seine Abschweifungen, oberlehrerhaften Kommentare und moralisierenden "Schlenkerer" sind heute schwer erträglich. Er wusste selber, dass er kein großer Dichter werden würde: "Ich bin meinem ganzen Wesen nach hastig, flüchtig und ohne bessere Formen, und so ist auch mein Stil. Die Hauptsache an einem Schriftsteller ist, dass man ihn versteht und weiß, was der Mann sagen will".

Hansjakob lässt sich nicht auf einen Nenner bringen. Er war Demokrat, Pazifist, Sozialreformer (in Hagnau gründete er 1881 die erste Winzergenossenschaft Badens), Ökopionier, ein Mann mit "sozialdemokratisch, ja bisweilen anarchistisch angelegten Nerven" – und zugleich Patriarch, Reaktionär und wütender Antisemit. "Wer in unseren Tagen nicht Antisemit ist", schrieb er, "ist entweder ein Esel oder von den Juden abhängig"; selbst das böse Wort "Ausrottung" taucht schon bei ihm auf. Hansjakob stand immer auf Seiten der Underdogs, aber er lebte auf großem Fuße, reiste stets erster Klasse. Er predigte Wasser und trank Wein, Champagner und in seiner Studentenzeit bis zu 18 Schoppen Bier am Tag. Er hielt wenig vom "Wibervolk": Die Radfahrerinnen, Studentinnen und Sufragetten wollte er am liebsten wieder "in die Kinderstuben, an die Waschzüber, in die Küchen zurücktreiben", und ein Misthaufen war ihm als "Kulturzeichen" allemal lieber als Parfum. Aber es waren die städtischen Frauen und höheren Töchter, die ihn mit Briefen und Geschenken überhäuften und anhimmelten wie einen Popstar.

Hansjakob war ein imposantes Mannsbild, ohne Hut fast zwei Meter groß, aber innerlich weich und psychisch instabil. Er litt zeitlebens unter Depressionen, Schlaflosigkeit und Angstzuständen, die er mit Unmengen von Morphium, Opium und Veronal bekämpfte; 1894 ließ er sich sogar für drei Monate in die Landesirrenanstalt Illenau einweisen. Er selber führte die vermaledeiten "Nerventeufeleien" auf familiäre Veranlagung zurück; seine Psychiater vermuteten eher sexuelle Zwangsvorstellungen und Schuldkomplexe. Nicht zufällig taucht in Hansjakobs Erzählungen immer wieder das Motiv der unmöglichen Liebe auf. Früher standen Hansjakobs Bücher in jeder Bibliothek zwischen Dreisam- und Kinzigtal, selbst in den Herrgottswinkeln entlegener Bauernhöfe; noch vor ein paar Jahren waren die von Schwarzwaldmalern wie Curt Liebich oder Wilhelm Hasemann illustrierten Prachtausgaben antiquarisch hoch begehrt. Heute ist es ziemlich still um ihn geworden. Selbst die einst so rührige Hansjakob-Gesellschaft lässt den hundertsten Todestag fast ungenutzt verstreichen. Dabei könnten wir einen Erzpfarrer mit Heckerhut, einen grimmigen Alt-48er, der den Nerventeufeln der Moderne die Leviten liest, manchmal noch ganz gut gebrauchen.
Literaturtipp: Manfred Hildenbrand: Heinrich Hansjakob – Rebell im Priesterrock, Hansjakob-Verlag der Stadt Haslach 2012, 276 Seiten.