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26. April 2014

Interview

Roland Diehl von der IG Bohr: „Wir wollen eine bessere Bahn“

  1. Roland Diehl Foto: michael bamberger

Vor zehn Jahren haben sich die Bürgerinitiativen für einen besseren Bahnausbau im Rheintal zur Interessengemeinschaft Bahnprotest an Ober- und Hochrhein (IG Bohr) zusammengeschlossen, die heute rund 20 000 Mitglieder hat. Mit Erfolg: Bund, Bahn und Land werden zusätzlich 250 Millionen Euro für Lärmschutz aufzuwenden, im Projektbeirat wirkt die IG Bohr an der Planung mit. Am Dienstag feiert die IG Geburtstag. Franz Schmider hat aus diesem Anlass mit Roland Diehl, der Sprecher der IG Bohr, gesprochen.

BZ: Zehn Jahr IG Bohr – wie kam es zu der Gründung? Ein Jahr vorher hatten Sie und andere ja die Bürgerinitiative Mut gegründet.
Diehl: Mut und die Bürgerinitiative Herbolzheim/Kenzingen sind in der Tat etwas älter. Dort haben sich auch viele Menschen angeschaut, was geplant ist. Und sie haben gesehen, was auf sie zukommt. Dort gehen die Gleise mitten durch die Orte. Bei uns führt die Strecke durch ein bisher eher unbelastetes Gebiet – aber in der Nähe des Heilbades Bad Krozingen. Das war unsere Motivation. Wir haben gemerkt, dass es uns um das gleiche Thema geht, wir haben an verschiedenen Orten informiert, dort haben sich auch Bürgerinitiativen gegründet. Dann lag der Gedanke nahe, das alles zusammenzuführen in der IG Bohr.

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BZ: Darin lag auch ein Risiko. Denn es bestand die Möglichkeit, dass man versuchen würde, die Gruppen gegeneinander auszuspielen: Wir erfüllen nur diesen Wunsch, aber dafür müssen alle anderen zurückstecken.
Diehl: Das war uns bewusst. Deshalb haben wir auch keine gemeinsame Position gegen etwas formuliert, sondern für etwas. Wir sind nicht gegen die Bahn, aber wir wollen eine bessere Bahn. Dieser Nenner ist dann relativ leicht gemeinsam zu definieren.

BZ: War der schnell erreicht?
Diehl: Wir wussten auch nicht von Anfang an, was eine bessere Bahn ist, das mussten wir uns erarbeiten. Wir haben intensiv diskutiert, und am Ende standen die sechs Kernforderungen, die bis heute gelten. Dann haben wir das Ganze unter der Klammer Baden 21 zusammengefasst. Wir wollten zeigen, dass es nicht nur in Württemberg ein Bahnproblem gibt.


BZ:
Sie hätten es sich auch einfacher machen können und sich gegen zusätzliche Gleise für den europäischen Transitverkehr im Rheintal aussprechen können.
Diehl: Wer auf der Autobahn fährt, weiß, dass es so nicht weitergeht. Es gibt Leute, die glauben, man könne die Probleme auch ohne die neuen Gleise lösen, ich bin nicht dieser Meinung. Wir brauchen die zusätzlichen Gleise. Die Bahn ist ein sehr vernünftiges Verkehrsmittel, aber man darf keine Billigplanung machen. Die Gleise liegen noch für Generationen. Deshalb haben wir einen höheren Qualitätsanspruch formuliert. Gegen etwas zu sein, löst selten ein Problem. Ich bin überzeugt, dass man Leute besser motivieren kann, wenn man für etwas ist.

BZ: Hatten Sie nie die Sorge, dass ihnen die Gegenrechnung vorlegt: Die Bürgertrasse im Markgräflerland kostet soundso viel Millionen, da haben wir kein Geld mehr für den Offenburger Tunnel? Und dass es dann vorbei ist mit der Gemeinsamkeit?
Diehl: Die Versuche gab es en masse, sowohl von Seiten der Bahn wie der Politik. Aber wir wissen und sehen ja, dass sich der Bau über Jahre, Jahrzehnte hinzieht. Und dann kann das Geldargument keines mehr sein. Davon haben wir uns nie beeindrucken lassen. Qualität kostet Geld, das ist so. Wir haben umgekehrt immer die schlechte Prioritätensetzung kritisiert. Da gab es einmal eine Liste mit 66 Bahnprojekten, die uns vorgelegt wurde. Und die standen untereinander, als wären die alle gleich wichtig. Wir haben von Anfang an dagegengehalten: Wenn das Geld knapp ist, muss man Prioritäten setzen. Und oberste Priorität hat nun einmal Europas Gütermagistrale Nummer eins. Das Auseinanderdividieren hat nicht geklappt. Denn wir waren ja für etwas, hatten ein Ziel.

BZ: Was war aus ihrer Sicht der größte Erfolg der IG Bohr in den zehn Jahren?
Diehl: Dass wir die gesamte Diskussion von der Ebene des Rechts auf die politische Ebene geholt haben, dass wir nicht darüber reden, was angeblich gemacht oder nicht gemacht werden darf.

BZ: Klingt sehr abstrakt. Und konkret?
Diehl: Dass jetzt politisch über jede der Kernforderungen diskutiert und entschieden wird.

BZ: Ich dachte, Sie würden als größten Erfolg verbuchen, dass der Schienenbonus beim Lärm gefallen ist und dass es zu einer Umrüstung von alten Güterwagen kommt. Das nutzt allen Menschen, die an einer Bahnstrecke leben.
Diehl: In der Tat hat sich da etwas Grundlegendes getan. Aber das haben wir nicht alleine erreicht, sondern die Bürgerinitiativen gemeinsam. Es gibt ja inzwischen 140 Bürgerinitiativen gegen Bahnlärm. Wir waren treibende Kraft, das stimmt, aber das haben wir nicht allein geschafft.

BZ: Und die Umrüstung der Güterzüge kommt.
Diehl: Ja, aber leider ist das nicht ausreichend. Schauen Sie auf Lastwagen, Flugzeuge, Personenzüge, alle sind leiser geworden, bis zu 15 DbA. Nur ein Verkehrsträger ist so laut wie eh und je, das ist der Güterwagen. Wenn der Schienenbonus abgeschafft ist und die Züge umgerüstet sind, haben wir 10 DbA gewonnen. Das ist dann nur noch halb so laut, heißt es. Aber das ist aus unserer Sicht noch immer 15 DbA zu laut. Wenn der Güterwagen 2030 kommt, ein Wagen mit Scheibenbremse, dann ist das Problem gelöst.

BZ: So lange werden Sie weitermachen?
Diehl: So lange müssen wir wohl weitermachen.

Roland Diehl, 70, Physiker, Mitbegründer der BI Mut und der IG Bohr

Autor: fs